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ÖGP 2010 2. November 2010

Länger überleben mit frühzeitiger palliativer Betreuung

Führt eine aktuelle Studie zum Paradigmenwechsel bei der Betreuung von Patienten mit Lungenkarzinom?

Die Wertigkeit der Frühpalliation beim nichtkleinzelligen Bronchuskarzinom liegt nicht nur in der Verbesserung der Lebensqualität der erkrankten Patienten. Vielmehr erreicht die engmaschige Betreuung durch ein multidisziplinäres Palliativteam eine ebenso lange Lebensverlängerung wie Chemotherapeutika.

Lediglich 20 bis 25 Prozent der am nichtkleinzelligen Bronchuskarzinom Erkrankten sind bei Diagnosestellung in einer kurativen Situation, mehr als 70 Prozent haben bei der Diagnose nur noch einen palliativen Ansatz. Daraus wird klar, dass Palliation beim Bronchuskarzinom ganz besonders wichtig ist, erklärt Prim. Prof. Dr. Otto Burghuber, Past Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) und Vorstand der 1. Lungenabteilung am Otto Wagner Spital, Wien. Im Mittelpunkt steht die Linderung von Leiden und das Erreichen einer bestmöglichen Lebensqualität für Patienten und deren Angehörige.

Üblicherweise würden Patienten mit weit fortgeschrittenem Lungenkarzinom mit systemischer Chemotherapie im Sinne eines lebensverlängernden Ansatzes behandelt, erzählt Burghuber. In unseren Breiten ist vor allem der Hospizgedanke verbreitet – der Patient geht für die letzten Tage seines Lebens in ein Hospiz und wird dort palliativ betreut, im Sinne von: „Was anderes ist nicht mehr möglich.“

Ein Team für die Lebensqualität

Burghuber: „Dieser Gedanke greift aber zu kurz. Ich habe es entgegengestellt und als ambulante Palliation bezeichnet.“ Gemeint ist, dass die palliative Betreuung im ambulanten Setting schon bei der Diagnosestellung beginnt. „Die Patienten, die von uns betreut werden, sind fast alle zu Hause“, so Burghuber, „sie werden in einem ambulanten Setting mit lebensverlängernden Maßnahmen wie Chemo-, Strahlen- und Schmerztherapie versorgt und gehen am selben Tag wieder heim“. Ein Palliativteam besteht aus Pflegepersonen, Ärzten, Sozialarbeitern, Psychologen, Diätberatung und Seelsorge – je nachdem, was der einzelne Erkrankte benötigt. Im Zentrum des Teams, wie es im Otto-Wagner-Spital bereits vor zwei Jahren eingeführt wurde, stehen die Pflegeperson und der betreuende Arzt. Burghuber: „Wir bauen den Patienten in das Managementkonzept ein und lassen ihn mitentscheiden.“

Frühpalliation überzeugt

In der aktuell im NEJM publizierten Untersuchung „Frühzeitige palliativmedizinische Betreuung für Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs“ (siehe Literatur), die im Massachusetts General Hospital in Boston an 150 Personen durchgeführt wurde, zeigte die Frühpalliation überzeugende Ergebnisse. Evaluiert und dokumentiert wurden Lebensqualität (physisches, funktionelles, emotionales und soziales Wohlbefinden), Krankheitssymptome und die psychische Verfassung der Patienten (Ängste, Depression usw.). Wie erwartet, zeigte die Studie, dass im Vergleich zu Standard Care die Lebensqualität der palliativ versorgten Patienten deutlich besser war. Auch bei Depression und Angst zeigte sich ein signifikanter Vorteil für die Frühpalliation.

„Was aber niemand erwartet hat, ist, dass sich bei der Ablebenskurve, ein deutlicher Unterschied zwischen den beiden Gruppen ergeben hat“, so Burghuber. Die Überlebenszeit war in der Palliativgruppe um 2,7 Monate länger als in der Gruppe mit Standard Care.

Die Erklärung für den lebensverlängernden Effekt klingt jedoch plausibel: „Wenn man das Unglück des Patienten zu lindern imstande ist, dann hilft man ihm auch, länger zu leben. Der Patient will das einfach, weil er ein lebenswertes Leben hat.“

Der einzige Unterschied in der Behandlung zwischen den beiden Studiengruppen war, dass die Palliativgruppe zusätzlich zu den üblichen medizinischen Behandlungen die Leistungen des Palliativteams in Anspruch genommen hat.

Burghuber: „Diese Lebensverlängerung konnte in der Studie sogar mit einer weniger aggressiven Therapie erzielt werden. Es ist weniger Chemotherapie verabreicht worden. Das ist aus meiner Sicht ein Paradigmenwechsel.“

 

Literatur:

Temel JS, Greer JA, Muzikansky A, et al. Early Palliative Care for Patients with Metastatic Non–Small-Cell Lung Cancer N Engl J Med 2010; 363:733-742

http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1000678

 

Quelle: Pressekonferenz der ÖGP zum ÖGP-Kongress am 5. Oktober 2010.

Von Inge Smolek, Ärzte Woche 44 /2010

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