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Ab heute ist das Rauchen in Lokalen nur dann erlaubt, wenn es abgetrennte Raucherzimmer gibt oder die gesamte Fläche nicht größer als 50 Quadratmeter ist.
 
Pulmologie 1. Juli 2010

"Ein fauler Kompromiss"

„Bei allem, was wir über die Schädlichkeit des aktiven und passiven Rauchens wissen, ist eines klar: Das Rauchen sollte ganz aus dem öffentlichen Leben verschwinden“, sagte der Präsident des European Health Forum Gastein (EHFG) Prof. Dr. Günther Leiner. Ab heute ist in Lokalen das Rauchen nur noch dann erlaubt, wenn es ein abgetrennte Raucherzimmer gibt oder die gesamte Fläche nicht größer als 50 Quadratmeter ist.

Die Zahlen der EU sprechen für sich: Der Tabakkonsum fordert in der EU jährlich 650 000 Menschenleben, weitere 80 000 Todesfälle gehen auf das Passivrauchen zurück. Lungenerkrankungen sind für geschätzte 100 Milliarden Euro an direkten und indirekten Gesundheitskosten verantwortlich."Ich bedaure, dass Österreich mit der aktuellen Regelung zum Nichtraucherschutz in der Gastronomie nur einen halbherzigen Weg mit getrennten Räumen und Wahlfreiheit für Lokale unter einer bestimmten Größe gegangen ist, und nicht den eines generellen Rauchverbotes, wie dies immer mehr Länder in Europa tun", so Leiner weiter.

EU-Nichtraucherschutz: erste Erfolge 

Das sei vor allem deshalb schade, weil die EU bereits gesundheitspolitische Erfolge präsentieren kann: In Irland, England. Schottland, Frankreich und Italien ging etwa die Zahl akuter Herzinfarkte bereits im ersten Jahr nach Einführung der Rauchverbote um bis zu 17 Prozent zurück. Eine Auswertung von 13 einschlägigen Studien aus Europa und Nordamerika ergab einen Herzinfarkt-Rückgang von 36 Prozent in drei Jahren.  

Zusätzlich stehen die EU-Bürger hinter dem gesetzlich verordneten Nichtraucherschutz: So befürwortet die Mehrheit der Europäer ein Rauchverbot in Kneipen (62 Prozent) und Restaurants (77 Prozent). Wobei die Unterstützung der Maßnahmen in Ländern, in denen es bereits entsprechende Gesetze gibt, am höchsten ist, wie etwa in Irland, Schweden und Italien. Sogar die Raucher selbst sind mehrheitlich für eine rauchfreie Luft in Restaurants, Büros und anderen geschlossenen Arbeitsstätten sowie in geschlossenen öffentlichen Räumen.

Österreich ist anders

Anders sieht die Situation hingegen in Österreich aus: "Im Rahmen einer IFES-Studie im Auftrag des Gesundheitsministers zur Evaluierung des Tabakgesetzes wurde deutlich, dass sich nur jeder fünfte Österreich für ein totales Rauchverbot in Gaststätten aussprechen würden", erklärte Prim. Prof. Dr. Horst Olschewski, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) und Vorstand der Klinischen Abteilung für Pulmologie, Medizinische Universität Graz in einer Pressekonferenz der ÖPG.

Weitaus dramatischer sieht der Experte aber jene Ergebnisse der Studie, die bisher nicht weiter öffentlich diskutiert wurden: "Österreich ist mit geschätzten 2,5 Millionen regelmäßigen Rauchern wahrscheinlich Weltrekordhalter. Bei den 20- bis 50-Jährigen sind 60 Prozent regelmäßige oder Gelegenheitsraucher." Olschewski lässt keinen Zweifel daran, dass für Österreichs Lungenfachärzte die bisherige Gesundheitspolitik in punkto Rauchprävention komplett versagt hat.

Ein fauler Kompromiss

„Die Strategie der Tabakkonzerne Rauchverbote zu verhindern und dauernd neuen Rauchernachwuchs zu generieren wurde von der Politik in Österreich noch nie ernsthaft bekämpft", ist der Mediziner überzeugt. "Getrennte Räume für Raucher und Nichtraucher sind ein fauler Kompromiss. Damit sind die Verantwortlichen aus der Verantwortung entlassen echte Suchtprävention und Nichtraucherschutz umzusetzen", so die deutlichen Worte Olschewskis.  

Gesundheitspolitik schafft "Generation der Lungenkranken"

"Wirksame Maßnahmen zur Suchtprävention und -behandlung sind unverzichtbar, eine Umsetzung ist nur durch einen nationalen Gesundheitsplan zur Reduktion der Tabakabhängigkeit möglich“, meinte auch Kollegin Dr. Sylvia Hartl, Generalsekretärin der European Respiratory Society und Oberärztin der I. Internen Lungenabteilung am Otto Wagner Spitals. Sie warnt davor, durch falsche Gesundheitspolitik jetzt die Basis für eine "Generation von Lungenkranken" zu legen. Wirksame Tabakprävention kommt nach Ansicht Hartls an einem Rauchverbot nicht vorbei.

Mit der gesundheitspolitischen Einstellung des Ministeriums  - es allen Recht machen wollen, wird das aber nicht möglich sein: Denn der ab heute geltende Spagat zwischen Tabakindustrie, Gastronomen, Nichtrauchern, Rauchern und Ärzten ist eine klassisch österreichische Halb-Lösung, die nur eines wirklich schafft: Eine allgemeine Unzufriedenheit und diese ist, wie wir alle wissen hierzulande Tradition.

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