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Illustration: DI Niel Mazhar
Foto: Privat

Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at

 
Pulmologie 1. September 2009

NebenWirkungen Spezial

Von Luft und Liebe

Im Gegensatz zu anderen mysteriösen Organen, die so im Körper herumhängen, wie Milz oder Pankreas, ist dem durchschnittlichen Mitbürger durchaus bewusst, wozu die Lunge dient: Dem einen, um heiße Luft zu erzeugen, dem anderen als Aschenbecher.

Klar ist auch, dass der Mensch, in Ermangelung von Kiemen nicht nur Liebe, sondern auch Luft benötigt, um zu funktionieren. Was jedoch den Umstand des Überlebens in Wiener Kaffeehäusern keineswegs erklärt.

Nicht zuletzt im alltäglichen Sprachgebrauch bleibt einem manchmal „die Luft weg“, was eindeutig in dieses Fachgebiet fällt. Im Gegensatz zur Aussage „Da bleibt mir die Spucke weg“, die eher für die Kollegen von der Hals-Nasen-Ohren-Front von Interesse ist. Die Lunge hat im Österreichischen als „Beuschel“ große kulinarische Berühmtheit erlangt. Und wenn man viel Geduld hat, so kann man einen urbanen Alpenländer nach einer halben Stunde Nordic Walking beim „Beuschel ausspucken“ beobachten.

Von Schwindsucht geprägt

Eine ganze Reihe von Lungenerkrankungen sind dem gemeinen Volk durchaus bekannt. Asthma, Lungenentzündung, Bronchitis, man weiß darüber Bescheid. Und von einem chronischen Husten mit Schleimauswurf in den schillerndsten Farben kann wohl jeder aus Erfahrung berichten. Auch der Klassiker, die Tuberkulose, ist nicht erst seit Dr. House und Co in aller Munde (zumal kaum ein Ahne davon verschont blieb, so er nicht an Syphilis verstarb). Das Bild der Schwindsucht ist via Zauberberg oder La Traviata tief in den Köpfen kulturbeflissener Zeitgenossen verhaftet. Sie galt als „Geißel der Menschheit“, noch vor Entdeckung des Internet und der damit verbundenen Spam-Mails.

Und die Lungenheilkunde? Hat demnach irgendwie einen gewissen Retro-Touch von hoch in den Bergen in Liegestühlen sitzenden Menschen mit Decken auf den Knien und ratlosen Medizinern, deren Aufgabe anscheinend darin besteht, den Patienten Luft zuzufächeln.

Nicht ganz so bekannt ist, dass sich die Lungenfachärzte seit einigen Jahren Pneumologen nennen. Dass diese Disziplin mehr machen kann, als den Reifendruck zu messen oder Luftmatratzen aufzublasen, ist allerdings schwer zur vermitteln und bedarf einiger Aufklärungsarbeit.

Hustender Patient – verzweifelte Ärzte

Der hustende Patient ist den Allgemeinmedizinern immer ein wenig ein Dorn im Auge. Denn so ein Husten kann so hartnäckig sein wie ein Wimmerl am Hintern und so lästig wie die Werbeunterbrechungen im Privatfernsehen.

Oft haben Patienten schon alles, aber wirklich alles ausprobiert. Und nichts hilft. Angefangen beim Eibischwurzeltee über den Hustinetten-Bären und die codeinhaltigen Tropfen von 1973, die im großmütterlichen Schrank entdeckt wurden, bis hin zum Asthma-Spray des Neffen, der netterweise einen kleinen Zug aus seinem Inhalator gewährte.

Daher suchen die Hausärzte gerne auch den Kontakt zum Lungenfacharzt. Soll der sich weiter mit dem Problem herumschlagen. Immerhin kommen dort diagnostische Maßnahmen zur Anwendung, die ein Praktiker nur vom Hörensagen kennt: die große und die megagroße Spirometrie, die Ganzkörperplethysmografie oder die nukleare Belastungs-MRT einer Einzelalveole. Dagegen ist selbst der hellhörigste Hausarzt mit seinem simplen Stethoskop verloren auf weiter Strecke.

Rauchfrei zum ewigen Leben

Das, was die Kollegen von der Lunge sicher mit erreicht haben, ist eine soziale Revolution, die die Woodstock-Bewegung in den Schatten stellt. Die gezielte Lobby-Arbeit hin zu einer rauchfreien Gesellschaft ist ein nicht zu unterschätzendes Meisterstück. Der Malboro-Mann hat mittlerweile nicht nur seine Lunge verloren, sondern im übertragenen Sinne auch seine Eier. Es wird zunehmend nicht nur unbequem, zu rauchen, sondern auch uncool. Neben ekeligen Aufdrucken auf Zigarettenpackungen zum Preis von weißen Trüffeln sind es vor allem die rauchfreien Lokale, die für die letzten überzeugten Nikotinjunkies den letzten Zug abfahren lassen.

Doch was, wenn wir dann immer noch nicht gesund sind? Das Problem der Zukunft wird sein, dass den Ärzten langsam die Suppe ihres Argumentariums dünn wird. Wenn keiner mehr raucht, die Menschen durch metabolisch balancierte Kasteiung gertenschlank und durch Fitnessprogramme kreislaufgestählt trotzdem noch hustend in der Praxis sitzen, dann wird es schwer, mit Ratschlägen zu punkten. Vielleicht werden die Ärzte dem Patienten dann ein „Beschweren Sie sich bei Ihren Eltern über die Gene“ mit auf den Weg geben. Doch bis dahin wird noch viel Rauch die Bronchien entlanggleiten.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 36 /2009

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