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Onkologie 7. Mai 2008

Entwarnung beim Mobilfunk – und die Kehrseite der Medaille

Meinung

Der Wissenschaftliche Beirat Funk (WBF) kommt zum Schluss: „Es gibt keinen Beweis, dass es bei Einhaltung der Grenzwerte eine gesundheitliche Gefährdung im Umgang mit dem Mobilfunk gibt.“ Ein solches Statement ist schon allein deshalb wissenschaftlich nicht angreifbar, weil mit der Aussage kein Kriterium mitgeliefert wird, wie es widerlegt werden könnte: Was wäre ein Beweis für eine gesundheitliche Gefährdung durch Mobilfunk? Dazu hat der WBF keine Aussage gemacht.
Tatsache ist, dass zur Frage eines Zusammenhangs zwischen Mobilfunk und Krebs inzwischen mehr als 30 epidemiologische Untersuchungen erschienen sind, die deutliche Hinweise auf einen solchen Zusammenhang geben. Der WBF sagt: „Aufgrund der vorliegenden epidemiologischen Studien ist zurzeit nicht von einem erhöhten Risiko für Tumorerkrankungen durch die Nutzung von Mobiltelefonen auszugehen. Bezüglich der Langzeitwirkungen kann aufgrund der bereits vorliegenden Studien kein abschließendes Urteil gebildet werden.“ Was denn Anderes als Langzeitwirkungen können Gegenstand einer Aussage über Tumorerkrankungen sein? Es ist ein fundamentaler Irrtum zu meinen, dass in epidemiologischen Untersuchungen zu soliden Tumoren ein Effekt kurzfristiger Exposition (in diesem Fall der Handynutzung von wenigen Jahren) festgestellt werden könnte.
Fasst man die Untersuchungen zu benignen wie zu malignen Hirntumoren zusammen, dann ergibt sich: Es besteht ein erhöhtes Risiko für relevante Nutzungsdauern (mindestens zehn Jahre) und es zeigt sich ein Zusammenhang mit der Kopfseite, an der bevorzugt telefoniert wurde. Diese Befunde können wohl als Hinweis, nicht aber als Beweis für einen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Handys und Hirntumoren gedeutet werden.
Untersuchungen zum Handygebrauch zeigen, dass inzwischen Kinder und Jugendliche zu den massivsten Nutzern zählen. Der WBF stellt fest: „Es gibt keine Daten, welche eine höhere Empfindlichkeit von Kindern zeigen.“ Dazu gibt es aber überhaupt keine Untersuchungen. Es liegen lediglich dosimetrische und für diese Frage irrelevante Kurzzeituntersuchungen vor. Ob eine höhere Empfindlichkeit hinsichtlich gesundheitlicher Langzeitfolgen (z. B. Krebs) vorhanden ist, kann mangels Untersuchungen nicht beantwortet werden. Interessanterweise erwähnt der WBF, dass „[die] Absorption in Körper und Kopf umso höher [ist] je geringer Alter und Körpergröße sind.“ Bei einem Kind absorbieren die sensitiven Gewebe des Kopfs deutlich mehr Strahlung des Handys als die eines Erwachsenen. Der WBF zieht daraus jedoch den nicht erläuterten Schluss: „Aus dieser tendenziell höheren Exposition kann keine größere Gefährdung abgeleitet werden.“ Bedeutet das, dass die Höhe der Exposition keinen Zusammenhang mit der Wirkung besitzt? Soweit geht der WBF nicht. Es wird nur der Standpunkt der Mobilfunkindustrie vertreten: Solange die Exposition unterhalb des Grenzwerts liegt, ist es gleichgültig, wie hoch sie ist. Diese Auffassung kann man vertreten, wenn es tatsächlich eine Wirkungsschwelle gibt. Wenn dem aber so wäre, könnte man sich alle Untersuchungen und den WBF sparen.
Der ultimative Trick der Industrie zur Abwendung oder Verzögerung von Maßnahmen, offiziellen Stellungnahmen und für die Industrie nachteiligen Konsumenteninformationen besteht darin, festzustellen, dass ja bisher höchstens Zusammenhänge festgestellt wurden, aber die Kausalität nicht nachgewiesen sei. Dieser Trick funktioniert – so wie bereits von der Tabakindustrie ausgiebig gebraucht –, weil die Latte für den Nachweis der Kausalität beliebig hoch gelegt werden kann. Man kann immer behaupten, dass der ursächliche Zusammenhang nicht erwiesen sei. Wenn der WBF zu seinen Kriterien die „eindeutig nachgewiesene Kausalität“ zählt, dann kann man schon jetzt sagen, dass er niemals zur Frage des Mobilfunks zu einer anderen Aussage als bisher kommen kann.
Es gibt aber durchaus Aussagen des WBF, die wir vollinhaltlich unterstützen können. Dazu zählt etwa die Einschätzung des Forschungsbedarfs. Es sollte aber nicht die Standardaussage des Forschers, dass weitere Forschung nötig ist, die ultimative Schlussfolgerung bleiben. Wir möchten an die Aussage von Sir Austin Bradford Hill erinnern, der in seiner grundlegenden Rede zur Frage ‚Association or Causation?‘ 1965 festgestellt hat: „All scientific work is incomplete – whether it be observational or experimental. All scientific work is liable to be upset or modified by advancing knowledge. That does not confer upon us a freedom to ignore the knowledge we already have, or to postpone the action that it appears to demand at a given time.”
In diesem Sinne meinen wir, dass die vorliegenden Befunde durchaus rechtfertigen, das Vorsorgeprinzip anzuwenden und eine Minimierung der Exposition zu empfehlen. Dieser Auffassung hat sich der WBF durch seine abschließende Aussage angenähert, indem er feststellt, „dass im Hinblick auf die Einführung und Verwendung neuer Technologien grundsätzlich ein umsichtiger Umgang mit diesen Technologien sinnvoll ist.“

 Entwarnung

Literatur bei den Autoren,
Prof. Dr. Michael Kundi und Dipl.-Ing. Dr. Hans-Peter Hutter,
Institut für Umwelthygiene,
Zentrum für Public Health, Medizinische Universität Wien

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