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© Heike Fuchs
OÄ Dr. Ute Enökl-Tomantschger Abt. für Innere MedizinKrankenhaus der Barmherzigen Brüder St. Veit an der Glan
© Hausfoto Krankenhaus der Barmherzigen Brüder St. Veit/Glan

In den vergangenen beiden Jahrzehnten hat die Entwicklung in der Onkologie rasant an Fahrt aufgenommen.

 
Onkologie 11. Mai 2016

Mein Tumor, meine Therapie

Expertenbericht: Jeder Krebspatient hat einen auf molekularer Ebene anders aufgebauten Tumor.

Die Diagnose „Krebs“ ist für viele Menschen nach wie vor Sinnbild für den unabwendbaren Tod. Sei es die eigene Erkrankung oder die Erkrankung eines Familienmitglieds – das Wort allein löst in der Regel im ersten Impuls tiefere Ängste aus, als es zum Beispiel die Diagnosen „Leberzirrhose“ oder „Herzschwäche“ vermögen.

Und das, obwohl mittlerweile durch die intensive Zusammenarbeit diverser Fachdisziplinen immer mehr Krebserkrankungen heilbar werden, in Einzelfällen- wie beim Darmkrebs- auch in einem Stadium, in dem bereits Lebermetastasen aufgetreten sind.

Natürlich geht die Angst zum Teil darauf zurück, dass in der historischen Entwicklung der medizinischen Disziplinen die Onkologie seinen Patienten sehr lange Zeit bis auf wenige Chemotherapeutika nur wenig anzubieten hatte. Während beispielsweise Patienten mit Tuberkulose oder anderen schweren Infektionen bis ins frühe 20. Jahrhundert dem Tode geweiht waren, konnten sie dann durch die Entwicklung von Antibiotika oft relativ einfach geheilt werden.

Während Patienten mit (in jungen Jahren auftretendem ) Typ 1-Diabetes bis 1922 nur eine kurze Lebenserwartung hatten, können sie heute durch die Insulintherapie ein weitgehend normales Leben führen.

In den vergangenen beiden Jahrzehnten jedoch hat die Entwicklung in der Onkologie rasant an Fahrt aufgenommen – von der Öffentlichkeit zunächst unbemerkt, da sich ein großer Teil der Erkenntnisse auf die Ergebnisse von Grundlagenforschung stützt. Das bedeutet für die Forscher an den Universitäten jahrelange Arbeit am Mikroskop, im Labor und an Versuchstieren.

Während „Krebs“ in den Jugendjahren unserer Eltern und Großeltern noch ein Begriff für eine unerklärliche, den Körper aufzehrende Erkrankung war, der man oft nichts entgegenzusetzen hatte, haben wir mittlerweile Kenntnis darüber gewonnen, dass „Krebs“ ein Überbegriff für eine Unzahl verschiedener Erkrankungen ist. Manche davon werden für den Betroffenen nie zur Bedrohung, da sie äußerst langsam verlaufen, wie zum Beispiel viele Prostatakarzinome.

Doch die eigentlich bahnbrechende Erkenntnis ist, dass selbst vermeintlich gleichartige „Krebstypen“ bei verschiedenen Patienten extrem unterschiedlich aufgebaut sein können. Zum Beispiel können Patienten mit Lungenkrebs bereits heute durch die Analyse bestimmter Mutationen im Tumor in gewissen Fällen sehr unterschiedliche maßgeschneiderte Therapien erhalten.

Die maßgeschneiderte Therapie

Ähnlich große Fortschritte konnten auch schon beim Melanom, dem „schwarzen Hautkrebs“ gemacht werden. Eine metastasierte Erkrankung, die für viele binnen kurzen den Tod bedeutete, kann nun immer öfter über Jahre stabilisiert werden.

Einfach ausgedrückt: Wie jeder Mensch seinen charakteristischen Fingerabdruck hat, hat jeder Krebspatient einen auf molekularer Ebene anders aufgebauten Tumor und benötigt wahrscheinlich seine eigene individuelle Therapie. So lautet das Konzept der „personalisierten Krebstherapie“.

Immer noch ein großes Problem stellen aber Resistenzen dar – das bedeutet, dass der Tumor früher oder später auf die Therapie unempfindlich wird. Erneute Probenentnahmen aus dem Tumor können dann notwendig werden, um festzustellen, auf welche Substanzen der Tumor noch empfindlich ist – was natürlich belastend und manchmal auch riskant sein kann. Auch hier hat die Forschung schon große Fortschritte gemacht: Mithilfe sehr genauer Methoden wird versucht, genetisches Material des Tumors aus einer Blutprobe des Patienten zu gewinnen. Man erhofft sich eines Tages mittels „liquid biopsy“ (wie man diese Technik derzeit nennt) bei Therapieversagen durch eine Blutabnahme festzustellen, welche Substanz beim betroffenen Patienten als nächstes wirken würde.

Die komplexe Tumorzelle

Wenn man sich den kleinsten Baustein des Tumors, die Tumorzelle, schematisch anschaut, dann erkennt man aber auch, wie steinig der Weg von einem Forschungsergebnis zu einer therapeutischen Anwendung ist. Man kann sich die Tumorzelle wie ein kleines Kraftwerk vorstellen, das von vielen kleinen Motoren am Leben erhalten wird. Wenn ein Motor nicht mehr funktioniert, springt eben-plakativ ausgedrückt- ein anderer ein und erhält die Tumorzelle weiter am Leben. Daher kann es auch vorkommen, dass eine vielversprechende Substanz in der Praxis dann zum Leidwesen aller nicht wirkt. Die Tumorzelle ist also deutlich komplizierter, als wir uns derzeit noch vorstellen können. Zudem besteht jeder Tumor und jede Metastase aus Abermilliarden verschieden aufgebauter Tumorzellen, die unterschiedliche Eigenschaften haben können.

Das erklärt auch, warum wir die allermeisten metastasierten Krebserkrankungen derzeit nicht mit Chemotherapie heilen können, weil immer ein paar Tumorzellen unempfindlich werden. Dazu kommt noch die komplexe Rolle des körpereigenen Immunsystems, die erst in den vergangenen Jahren in den Fokus der Forschung gerückt ist.

Viele Tumoren haben nämlich die Fähigkeit ,durch Botenstoffe dem Immunsystem vorzugaukeln, dass das „Krebsgeschwür“ zum Körper gehört und nicht bekämpft werden muss. Es wird derzeit sehr intensiv versucht, diese Immunblockade aufzulösen, sodass der Körper zur Tumorzellabwehr befähigt wird.

Ein gewisser Prozentsatz der Melanom und Lungenkrebspatienten kann von dieser therapeutischen Option profitieren. Aber wir sind noch weit von einer breiten Anwendung entfernt.

Die experimentelle Studie

Die sogenannte „personalisierte Medizin“ ist trotz allem am Vormarsch. In einzelnen Fällen hat eine zielgerichtete Therapie schon heute Eingang in die Praxis gefunden. Bei sehr vielen fortgeschrittenen Tumorerkrankungen ist es aber nach wie vor sinnvoll, zunächst die etablierten chemotherapeutischen Maßnahmen auszuschöpfen, ehe man sich an einem Studienzentrum in eine experimentelle Studie einschließen lässt. Sehr häufig ist das auch die Voraussetzung für eine Studienteilnahme, dass die Standardtherapien durchgeführt wurden.

Zusammengefasst sickern die reichhaltigen Erkenntnisse aus den molekularen Laboratorien in den vergangenen Jahren zunehmend in die Praxis ein. Es ist bei weitem noch nicht Zeit für Enthusiasmus und es gibt noch zahlreiche ungelöste Probleme. Fortgeschrittene Krebserkrankungen sind in den meisten Fällen immer noch nicht heilbar, und sie werden es in den nächsten Jahr wohl leider nicht werden. Aber immer mehr Patienten werden in Zukunft mit ihrer Erkrankung über viele Jahre mit guter Lebensqualität leben können.

Heute haben sehr viele Krebspatienten eine bessere Lebenserwartung als Patienten mit schwerer Herzschwäche oder Leberzirrhose.

Die onkologische Beratung

Wenn Sie sich darüber Gedanken machen, ob Ihre Krebserkrankung für eine zielgerichtete Therapie in Frage käme, ist es durchaus sinnvoll, das Thema mit Ihrem Onkologen zu besprechen. Vor allem, wenn die etablierten Therapieoptionen ausgeschöpft sind und Ihr Allgemeinzustand gut ist, könnte die Möglichkeit einer Studienteilnahme an einem universitären Zentrum bestehen.

Ute Enökl-Tomantschger, Ärzte Woche 19/2016

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