zur Navigation zum Inhalt
© VadimGuzhva/fotolia.com
Angst beeinflusst die Therapieentscheidung.
 
Onkologie 11. Mai 2016

Warten ist besser als gedacht

Fehleinschätzung durch die Patienten bei der Therapie von Prostatakarzinomen.

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das gilt offenbar auch für viele Männer mit lokalisiertem Prostatakarzinom. Sie schätzen die Sterberisiken nach Prostatektomie und nach Überwachungs-Strategie falsch ein.

Patienten mit lokalisiertem Prostatakrebs, die sich einer radikalen Prostatektomie unterziehen, überschätzen den Nutzen ihrer Therapie erheblich. Zugleich stufen sie das krebsspezifische Mortalitätsrisiko einer Strategie der aktiven Überwachung viel höher ein, als dies Patienten unter Überwachung tun.

Diese Resultate haben Forscher um DR. Friederike Kendel von der Berliner Charité vorgelegt (Int J Cancer 2016; online 19. April). Sie folgern daraus: „Die Fehleinschätzungen weisen wahrscheinlich auf ein Defizit der Patienteninformation, und womöglich begünstigen sie eine aggressive Therapie.“

An der Untersuchung hatten 378 Patienten mit lokalisiertem Prostatakarzinom teilgenommen, die sich für ein Krankheitsmanagement mit aktiver Überwachung entschieden hatten. Dieser Gruppe wurden ebenso viele Patienten gegenübergestellt, die eine radikale Prostatektomie hatten vornehmen lassen. Allen Probanden wurde die gleiche Frage gestellt: „Wenn Sie die radikale Prostatektomie mit der aktiven Überwachung vergleichen – wie hoch würden Sie das Risiko, nach der jeweiligen Wahl des Vorgehens an Prostatakrebs zu sterben, spontan einschätzen?“

Grad der Ängstlichkeit

Überwachte Patienten schätzten die krebsspezifische Mortalität unter der Beobachtungsstrategie im Mittel auf 25 Prozent und nach Prostatektomie auf 31 Prozent. Bei operierten Patienten fiel die Differenz deutlicher aus, sie schätzten die Mortalität unter Überwachung auf 51 Prozent und nach Prostatektomie auf 18 Prozent. Sie nahmen an, dass jeder zweite Mann mit Prostatakrebs, der die aktive Überwachung wählt, an seinem Krebs sterben wird. Zugleich gingen sie davon aus, dass im Vergleich dazu durch das operative Vorgehen das Sterberisiko um knapp zwei Drittel gesenkt wird.

Auch Patienten, die zunächst die Überwachung wählten, dann aber zum invasiven Vorgehen wechselten, veranschlagten das karzinomspezifische Sterberisiko bei aktiver Überwachung auf 1,8-mal so hoch wie nach radikaler Prostatektomie (41 versus 23 Prozent).

Aus zusätzlichen Befragungen ging hervor, dass zwischen der Risikoeinschätzung und dem Grad der eigenen Ängstlichkeit ein Zusammenhang bestand.

Zwar lässt das Design dieser Querschnittsstudie keine kausalen Schlüsse zu. Aber es liege doch nahe, dass die Risikowahrnehmung die Angst und diese wiederum die Therapieentscheidung beeinflusse, so Kendel und Kollegen.

Die Forscher verweisen auf Daten, wonach die krebsspezifische Mortalität bei aktiver Überwachung von Patienten mit lokalisiertem Prostatakrebs bei etwa drei Prozent binnen 10 bis 15 Jahren liegt und sich in diesem Stadium nicht wesentlich von der Sterblichkeit nach Prostatektomie unterscheidet. Dennoch werde in der klinischen Praxis noch immer die Prostatektomie als Standard der Therapie angesehen.

„Ärzte sollten große Anstrengungen unternehmen, Patienten nicht nur über die Therapieoptionen zu informieren, sondern die wissenschaftliche Information mit größtmöglicher Transparenz zu vermitteln“, fordern die Forscher.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben