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Anastomose nach TVR, Stuhlinkontinenz durch Verlust des Reservoirs.
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Dr. Ingrid Haunold Chirurgische Abteilung, KH der Barmherzigen Schwestern Wien Kongresspräsidentin der MKÖ-Tagung 2015

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Anastomose nach TVR, Stuhlinkontinenz durch Verlust des Reservoirs.

 
Onkologie 12. Oktober 2015

Nach Tumortherapie die Kontinenz im Blick haben

Expertenbericht: Trotz erfolgreicher Behandlung von Tumoren im kleinen Becken, leiden Betroffene häufig unter Inkontinenz.

Dank modernster OP-Techniken und Chemotherapie können die Tumoren des Urogenitaltrakts und des Rektums meist kurativ behandelt werden. Doch dies kann Auswirkungen auf Schließmuskel-, Blasen- oder Sexualfunktionen haben. Ein Tabu, dass nur wenige Betroffene ansprechen. Auf der 25. Jahrestagung der Medizinischen Kontinenzgesellschaft stand daher das Thema Lebensqualität der Patienten im Vordergrund.

Anfang Oktober fand in Linz die 25. Jahrestagung der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) statt. Das Hauptthema stellte den onkologischen Patienten in den Mittelpunkt und beleuchtete von verschiedenen Seiten, warum ungeachtet der erfolgreichen Behandlung eines Tumorleidens im kleinen Becken die Lebensqualität der Betroffenen durch die schlechte Kontinenzsituation beeinträchtigt ist.

Interdisziplinärer Austausch

Das Besondere an Tagungen der MKÖ ist der interdisziplinäre Austausch, da unterschiedliche Berufsgruppen zum Wohle des Patienten zusammenarbeiten. Urologen, Gynäkologen, Koloproktologen, Physiotherapeuten, Pflegefachkräfte, Hebammen, sie alle fanden sich nach den Vorträgen, Salons und „round tables“ in reger Diskussion.

Tumoren des Urogenitaltrakts und des Rektums können dank technischer Ausstattung, moderner OP Techniken und ergänzender Radio/Chemotherapien meist kurativ behandelt werden. Doch jegliche Präparation und Resektion im kleinen Becken kann Auswirkungen auf Schließmuskel-, Blasen- oder Sexualfunktionen haben. Ist die Behandlung abgeschlossen und das Leben nach der Diagnose Krebs wieder erlangt, kann die Lebensqualität doch empfindlich beeinträchtigt sein.

Aus der chirurgischen Perspektive wurde dies anhand der Behandlung des Rektumkarzinoms besprochen. Die Therapie hängt vom Stadium bei Diagnosestellung ab und umfasst entweder Operation allein oder mehrwöchige neoadjuvante Radio/Chemotherapie. Beide Verfahren können die Kontinenz beeinflussen. Was die Funktion des Enddarms betrifft, greift die Operation in das von der Natur gegebene harmonische Zusammenspiel von Reservoir, Muskelfunktion und Innervation ein. Es kommt zu folgenden Veränderungen:

• Reduktion des maximal tolerablen Stuhlvolumens durch Verlust des natürlichen Reservoirs

• Senkung des Ruhedrucks durch Teilentfernung oder Schädigung des inneren Schließmuskels

• Imperativer Stuhldrang durch Störung des intramuralen Nervenplexus

• Dysfunktion des Neorektums durch gestörte Innervation und spastische Wellenperistaltik der Darmwand.

Auch extrem tief gelegene Tumoren des Rektums können schließmuskelerhaltend operiert werden und somit kann dem obersten Wunsch des Patienten auf ein Leben ohne definitives Stoma häufig Rechnung getragen werden. Doch je tiefer, also näher am Sphinkter der Tumor gelegen ist, desto ausgeprägter kann die Funktionseinbuße sein.

Alle Symptome, die nach einer tiefen vorderen Resektion auftreten, werden als vorderes Resektionssyndrom zusammengefasst. In der Literatur hat sich der englische Begriff LARS (low anterior resection syndrome) etabliert. Ein Score spiegelt die Lebensqualität der Betroffenen, die vor allem Stuhlinkontinenz, häufige Stuhlfrequenz und Drang/Urge Symptomatik beklagen wieder und sollte in Studien, aber auch im Alltag Anwendung finden.

Zahlreiche Präsentationen widmeten sich der Behandlung des LARS Syndroms. Die Experten waren sich einig, dass Patienten nach Tumortherapie viel häufiger unter funktionellen Missständen leiden, als man annehmen würde. Da auch von den Betroffenen das Thema meist tabuisiert wird, ist es wichtig, solche Probleme bei den Nachkontrollen anzusprechen. Es ist unbefriedigend, wenn das Glücksgefühl der Heilung von einer bösartigen Erkrankung durch zum Beispiel eine schwere fäkale Inkontinenz überschattet wird. Rein apparative Kontrolluntersuchungen seien zu wenig, die Patienten müssten auch nach ihrer Lebensqualität gefragt werden und eine Inkontinenz dann behandelt werden. An erster Stelle steht immer ein konservatives Therapiekonzept. Dessen Säulen sind:

• Diätetische und medikamentöse Maßnahmen zur Stuhleindickung (z. B. Loperamid)

• Beckenbodengymnastik/Biofeedback/Elektrostimulation

• Kolonirrigation

Chirurgische Optionen nach tiefer Rektumresektion sind gering. Eine sakrale Neuromodulation kann in einigen Fällen gute Ergebnisse erzielen, die Erfolgsrate scheint allerdings etwas geringer als bei rein neurogener Inkontinenz. Ist der Leidensdruck infolge fäkaler Inkontinenz sehr groß, kann ein definitives Stoma mit Sicherheit die Lebensqualität verbessern, wiewohl es erfahrungsgemäß von den Betroffenen nahezu immer abgelehnt wird.

Urologen und Gynäkologen referierten über Harninkontinenz, die nach Behandlung von Tumoren der Prostata, Harnblase oder Uterus auftreten können. Dies kann einerseits Folge einer Bestrahlungstherapie oder einer Operation sein ( durch direkte Nervenschädigung oder myogene Schäden), selten entsteht die Kontinenzeinbuße durch direktes infiltratives Tumorwachstum in entsprechende Strukturen.

Unterschiedliche Therapieverfahren stehen zur Verfügung:

• Optimale Einlagenversorgung

• Anticholinergika

• Biofeedback, Botox, Alpha Blocker

• Bulking Agents

• Implantate (Schlingen, hydraulischer Sphinkter)

Die Strahlentherapie hat in allen Fachbereichen ihren Stellenwert. Nutzen und Risiko sind jedoch gut abzuwägen, denn so positiv der Effekt hinsichtlich einer Tumorreduktion auch sein kann, es bleiben lebenslange Schäden am umgebenden Gewebe. Die Ursache dafür liegt in Nerven und Muskelschäden durch Fibrose sowie Mikroangiopathien abhängig natürlich von Einzel- und Gesamtdosis.

Onkologische Rehabilitation

Am zweiten Kongresstag stellte die onkologische Rehabilitation ein wichtiges Thema dar. Bedingt durch Früherkennungsprogramme und bessere Therapien steigt die Lebenserwartung von Karzinompatienten. Während früher das bloße Überleben im Vordergrund stand, sind gute Lebensqualität und Reintegration heute zunehmend wichtige Aspekte. Die onkologische Rehabilitation zeichnet sich vor allem durch Interdisziplinarität zwischen Ärzten, Psychologen, Physiotherapeuten, Ernährungstherapeuten und Sozialarbeitern aus. Vorgestellt wurden die Zentren Bad Erlach sowie das ambulante Konzept im KH der BHS Linz.

Mit einer Prävalenz von über 300.000 Krebskranken und über 38 000 Neuerkrankungen pro Jahr wird deutlich, wie wichtig das Hauptthema der MKÖ-Tagung war. Auf diese Weise wurde untermauert, dass von ärztlicher Seite nicht nur eine chirurgische und onkologische Expertise gefragt ist, sondern dass auch die Lebensqualität nach Tumortherapie langfristig einen ebenso großen Stellenwert haben sollte. Selbstverständlich gilt dies ebenso für Patienten in einer Palliativsituation. In Gegenwart von Kontinenzproblemen nach Tumortherapie ist es vornehmstes Ziel der Experten der MKÖ, den Betroffenen ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Ingrid Haunold, Ärzte Woche 42/2015

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