zur Navigation zum Inhalt
© viktor88 / Fotolia.com
 
Onkologie 28. Oktober 2013

Vom Überleben zurück ins Leben

Onkologische Rehabilitation in Österreich: Gegenwart und Zukunft.

Über 300.000 Menschen in Österreich sind derzeit an Krebs erkrankt und jährlich erkranken über 36.000 Menschen neu. Jede Krebserkrankung bedeutet massive Einschnitte in das körperliche und seelische Befinden von Betroffenen. Die Schaffung ausreichender Rehabilitationsmöglichkeiten für onkologische Patienten ist sowohl aus gesundheitspolitischer als auch aus gesundheitsökonomischer Sicht notwendig.

Im Rahmen der Jahrestagung der ÖARP (Österreichische Akademie für Onkologische Rehabilitation und Psychoonkologie) fand die Podiumsdiskussion „Onkologische Rehabilitation in Österreich: Gegenwart und Zukunft“ statt. Dabei wurden auch aktuelle Ergebnisse einer Begleitstudie, durchgeführt an Patienten des Rehazentrums Sonnberghof im Burgenland, vorgestellt. Führende Experten der Onkologischen Rehabilitation diskutierten über den aktuellen Status und die Entwicklungsmöglichkeiten in Österreich.

Besonderheiten der Krebserkrankung

Krebs stellt für den Patienten eine Bedrohung dar, die aus dem eigenen Körper kommt. Das autonome Wachstum der Krebszellen führt zu einer Zerstörung anderer Organe und ohne Therapie in der Regel zum Tod. Die Therapiedauer ist lang und besteht häufig aus Kombinationstherapien, die viele therapieassoziierte Nebenwirkungen mit sich bringen können. Wesentliche Aspekte der Körperlichkeit, des Erscheinungsbildes und der Selbstwahrnehmung werden beeinträchtigt. „Nicht zuletzt sind die Patienten mit einer lang dauernden Ungewissheit, ob Heilung eingetreten ist konfrontiert“, betonte Kongresspräsident Prof. Dr. Alexander Gaiger

Belastung des sozialen Umfelds durch lange Krankheitsdauer, Gefahr des sozialen Abstiegs, posttraumatische Belastungsreaktionen u.a.m sind relevant. „Die Kombination dieser Faktoren sowie die fehlenden Ressourcen im Spitalsalltag für psychosomatische und psychosoziale Aspekte der Krebserkrankung und Therapie erschweren die Krankheitsbewältigung und können zur Chronifizierung des Leidensdrucks führen. Letztlich führt der mangelnde Einsatz von Ressourcen (hier Psychosomatik und Psychotherapie) im ‚Akutsetting’ zu einem Mehr an Leid und finanziellen Folgekosten. In Ergänzung zu den Angeboten der körperlichen Rehabilitation ist die Unterstützung in der Bewältigung der lang andauernden existenziellen Bedrohung durch die Krebserkrankung und den damit verbundenen Folgen ein wesentlicher Bestandteil der speziellen Onkologischen Rehabilitation,“ führte Gaiger weiter aus.

Onkologische Rehabilitation – Aufgabe der Sozialversicherung

Seit 2012 stellt die Onkologische Rehabilitation eine eigenständige Indikationsgruppe im österreichischen Rehabilitationsplan dar. Zuvor wurden Krebspatienten nur organbezogen rehabilitiert. Generaldirektor-Stellvertreterin der PVA Gabriele Eichhorn, MBA, sieht die Onkologische Rehabilitation auch aus ethischen Gründen als Aufgabe der solidarischen Sozialversicherung.

Auch die ökonomischen Vorteile liegen auf der Hand: Ein stationärer Rehabilitationsaufenthalt kostet durchschnittlich 6.900 Euro. Eine Monatspension aufgrund geminderter Arbeitsfähigkeit kostet durchschnittlich 980 Euro. Wenn der Pensionsbeginn krankheitshalber nur ein halbes Jahr verzögert werden kann, hat sich die Rehabilitationsmaßnahme schon amortisiert.

Biopsychosoziales Modell – Psychoonkologische Rehabilitation

„Wir begleiten die Patienten vom Überleben zurück ins Leben. Dabei ist die vollständige Erfassung des Menschen und seiner Krankheit maßgeblich. Das Biopsychosoziale Modell der Onkologischen Rehabilitation, sowie unsere umfangreichen Erfahrungen aus der Neurologischen Rehabilitation dienen als Basis unserer Arbeit“, unterstrich Dr. Franz Mayrhofer, Ärztlicher Leiter der PVA Rehabilitationseinrichtung Bad Schallerbacht die Bedeutung der Onkologischen Rehabilitation.

Das Modell der Onkologischen Rehabilitation beschreibt Gesundheit und Krankheit als Ergebnis des Ineinandergreifens körperlicher, seelischer und sozialer Vorgänge, die den Krankheitsverlauf und den Wiedereinstieg in den beruflichen und sozialen Alltag beeinflussen. Die Schwerpunkte der Psychoonkologie sind die Ressourcen und gesunden Anteile der Patienten (Salutogenese), das System (Familie, Beruf und Freunde), in dem sie leben, und ihr prozesshafter Ablauf. Deshalb basiert Onkologische Rehabilitation auf der Zusammenarbeit in einem multiprofessionellen Team.

Begleitstudie – Effektivität der Onkologischen Rehabilitation

Studienautor Prof. Dr. Alexander Gaiger von der Universitätsklinik für Innere Medizin I an der MedUni Wien präsentierte die Ergebnisse einer Begleitstudie, die von 11/2011 bis 08/2013 im Sonnberghof, einer onkologischen Rehabilitationseinrichtung mit 121 Betten, durchgeführt wurde. Basierend auf dem biopsychosozialen Konzept wurden entsprechend der wissenschaftlichen Literatur biologische Faktoren, psychische Faktoren und soziale Faktoren zur Evaluierung der Effektivität des onkologischen Rehabilitationsprogramms ausgewählt und verwendet.

Phase I stellte die Validierung der psychoonkologischen Basisdiagnostik in einer Kohorte von 4.280 Krebspatienten an der Abteilung für Hämatologie und Onkologie des Comprehensive Cancer Centers der MedUniWien dar. In der Phase II wurde untersucht, ob die Onkologische Rehabilitation einen Effekt auf biopsychosoziale Faktoren und die Reintegration in einen beruflichen und sozialen Alltag hat. In einer Zwischenauswertung wurde festgestellt, ob ein Effekt vorhanden ist, in der Endauswertung wurde die Nachhaltigkeit des Effektes gemessen. Phase III stellte eine „matched pair“ Analyse zwischen Patienten mit Rehabilitation und „standard of care“ Patienten dar. Es wurden 538 Patienten vor und nach ihrer onkologischen Rehabilitation befragt.

Alexander Gaiger zu den Resultaten: „Gegenüber der Vergleichsgruppe, also Krebspatienten ohne Onkologische Rehabilitation, zeigen die Patienten mit einer Onkologischen Rehabilitation deutlich reduzierte Angst-, Depressions- und Distress-Werte. Im Vergleich ‚vor’ und ‚nach’ onkologischer Rehabilitation ergibt sich eine deutliche Reduktion von tumor- und therapieassoziierten Symptomen besonders in den Bereichen Schmerzen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche, Ängstlichkeit, Depressivität und Distress (50%), bei einer gleichzeitigen Steigerung der körperlichen Aktivität, einer Verbesserung der subjektiven Lebensqualität sowie einer Verbesserung der Reintegration in das soziale und berufliche Umfeld.“

In St. Veit im Pongau errichtet und betreibt die VAMED ab Jänner 2014 ein weiteres Rehabilitationszentrum bei oder nach einer Krebserkrankung. Träger der Einrichtung ist eine gemeinsame Betriebsgesellschaft von VAMED und SALK.

Quelle: Jahrestagung der ÖARP (Österreichische Akademie für Onkologische Rehabilitation und Psychoonkologie), 11. Oktober 2013, Kaprun

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben