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© Sebastian Schreiter/Springer V
Im Masernvirus steckt antitumorales Potenzial.
 
Onkologie 6. September 2013

„Umgebaute“ Masernviren können Krebszellen zerstören

Forscher überführen neues Therapiekonzept in klinische Studie.

Masernviren sollen zukünftig helfen, Tumoren zu zerstören. Wissenschaftlern in Heidelberg ist es gelungen, die Viren so zu programmieren, dass sie ausschließlich Krebszellen befallen.

Zusätzlich setzen die Viren Botenstoffe frei, die das Immunsystem anregen, weitere Krebszellen anzugreifen. Im Labor hat sich diese Methode bereits als erfolgreich erwiesen. Nun will man die Erkenntnisse in einer klinischen Studie zur Anwendung bringen.

Das Forscherteam entwickelte aus einem abgeschwächten Masern-Impfvirus in langjähriger Laborarbeit eine maßgeschneiderte Waffe gegen Krebszellen. „Um den gewünschten Effekt zu erzielen, mussten wir das Virus in mehreren Schritten genetisch radikal verändern“, so Dr. Guy Ungerechts vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg. „Zu gewährleisten, dass die Viren ausschließlich den Tumor ansteuern und dass das Immunsystem effektiv gegen den Tumor gelenkt wird, waren die wesentlichen Arbeitsschritte unseres Projektes.“

Aufrüstung zum gezielten Angriff auf Tumorzellen

Dazu wurde die Eiweißhülle des Virus so umgebaut, das es Krebszellen direkt ansteuert und sich in ihnen einnistet. „Krebszellen besitzen spezielle Rezeptoren auf ihrer Oberfläche“, erläutert Ungerechts. „Wir verändern das Virus derart, dass es gezielt an diese Rezeptoren andockt und nicht etwa gesunde Zellen angreift.“

Sobald die Masernviren in die Krebszellen eingedrungen sind, beginnen sie mit Ihrem zerstörerischen Werk. Zusätzlich zwingen die veränderten Viren die besetzten Zellen, einen bestimmten Botenstoff freizusetzen. Dadurch werden Zellen des Immunsystems angelockt, die den Tumor vor der Behandlung noch nicht als „feindlich“ erkannt hatten. Die Abwehrzellen ergänzen die antitumorale Wirken der Viren und greifen insbesondere diejenigen Krebszellen an, die von den Viren nicht erreicht werden.

Im Labor wurde die neue Behandlungsstrategie bereits erfolgreich etablieren. Nun geht es darum, sie in den klinischen Alltag zu überführen. „Wir werden zunächst Patienten mit weit fortgeschrittenen Tumorleiden behandeln, um die Verträglichkeit dieser neuen Behandlungsmethode zu untersuchen und erste Hinweise auf die Wirksamkeit zu bekommen“, so Ungerechts. „Wenn wir diese Phase erfolgreich abschließen, haben wir einen großen Schritt in Richtung Praxisanwendung getan.“

Zudem soll das Therapiekonzept auch noch weiterentwickelt werden. Beispielsweise werden die Wissenschaftler Selbstmordgene in das Masernvirus-Erbgut einbauen. Infizierte Krebszellen werden dann gezwungen, eine eigentlich harmlose Substanz, die dem Patienten verabreicht wird, in ein tödliches Zellgift umzuwandeln, das den Tumor von innen heraus zerstört. Da die meisten Patienten in ihrer Jugend an Masern erkrankt waren oder dagegen geimpft wurden, ist ihr Abwehrsystem vorgewarnt. Damit es die Viren während einer Therapie nicht vorzeitig abfängt, können die Forscher die Virushülle so maskieren, dass nicht das Therapeutikum, jedoch die infizierten Tumorzellen als fremd erkannt werden.

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