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© Universitätsklinikum Münster, Abt. C. Müller-Tidowund Grafikbüro remote-controlled.de
Ein künstlich erzeugter Antikörper trägt eine inhibitorische RNA gezielt zu einer Tumorzelle. Mit der Aufnahme der RNA verändern sich die Eigenschaften der Zelle. Gene, die die Metastasierung voran treiben, werden stillgelegt.
 
Onkologie 15. März 2013

Antikörper als trojanische Pferde

Mit eingeschleusten RNA-Molekülen werden Tumorzellen am Metastasieren gehindert.

Lungenkrebs ist eine der häufigsten Tumorerkrankungen und noch immer schwierig zu behandeln. Insbesondere das Auftreten von Metastasen bedeutet für die Patienten ein hohes Risiko. Chemotherapien können diesen Prozess heutzutage nur zum Teil verhindern. Am Universitätsklinikum Münster sucht man daher nach einem Weg, mithilfe von Antikörpern in den Tumorzellen diejenigen Gene stillzulegen, die für die Metastasierung verantwortlich sind. Erste Forschungsergebnisse lassen hoffen.

Die besten Aussichten auf eine Heilung haben Lungenkrebs-Patienten, bei denen zu einem frühen Zeitpunkt der Erkrankung der Tumor durch eine Operation entfernt wird. Trotz Operation kommt es bei einem Teil der Patienten zu einem erneuten Auftreten des Tumors oder zu Tochtergeschwülsten.

Daher ist es wichtig, gezieltere Therapien zu entwickeln, die spezifisch den Prozess der Metastasierung verhindern. Solche Therapien sind neuartig und bisher nicht genügend entwickelt.

Versteckte Waffen

Ziel des Projektes der Münsteraner Forscher um Prof. Dr. Carsten Müller-Tidow und Dr. Sebastian Bäumer ist es, diejenigen molekularen Schaltstellen zu identifizieren, die Metastasierung auslösen. „Wir wollen diese Metastasierungsgene gezielt in den betroffenen Zellen stilllegen“, erläutert Müller-Tidow. Dafür werden sogenannte inhibitorische RNA-Moleküle (siRNAs) eingesetzt, die mithilfe von Antikörpern durch den Blutstrom ausschließlich zu den betroffenen Zellen geleitet werden.

An den Tumorzellen angekommen, binden die Antikörper an ein bestimmtes Molekül der Zelloberfläche und werden dadurch in die Zelle aufgenommen. Die Antikörper tragen quasi als „Trojanisches Pferd“ die inhibitorische RNA mit in die Zelle. Dort ist sie in der Lage, die gefährlichen Eigenschaften einer metastasierenden Zelle abzustellen. Das macht die Tumorzelle dann für die klassische Chemotherapie verwundbar.

Erfolg im Tierversuch

Die Wirksamkeit dieser Gentherapie konnten die Forscher bereits an Tumorzellen in der Petrischale wie auch an krebskranken Mäusen nachweisen: In der Zellkultur gelang es mit diesem Verfahren, einzelne Gene gezielt auszuschalten. Diese Stilllegung milderte die bösartigen Eigenschaften der Tumorzellen stark ab. Auch im lebenden Organismus zeigte die Strategie Erfolg: Mäuse, die schnell wachsende Tumoren trugen, wurden mit der Antikörper-siRNA behandelt und zeigten daraufhin ein deutlich reduziertes Tumorwachstum.

Bestärkt durch die bisherigen Erfolge werden in Münster nun weitere Gene unter die Lupe genommen. Die Wirkung der Gentherapie an diesen molekulare Schaltstellen gegen die Metastasierung soll auch in der Kombination mit der klassischen Chemotherapie erprobt werden. Müller-Tidow erläutert die Motivation: „Vielleicht können wir die gefährlichen Tumorzellen, die sich zum Teil jahrelang in Ruhestadien befinden, ihrer Deckung berauben und sie so angreifbar machen.“

MALAT1-Blockade

Auch in Heidelberg macht man gegen Lungenkrebs mobil, und zwar gegen das RNA-Molekül MALAT1, das bei verschiedenen Formen von Lungenkrebs als Marker für den Verlauf der Erkrankung gilt: „Je mehr MALAT1 die Tumorzellen bilden, desto wahrscheinlicher ist es, dass Metastasen auftreten und die Krankheit sehr ungünstig verläuft“, sagt Dr. Sven Diederichs, der das Molekül im Rahmen seiner Doktorarbeit entdeckt hatte.

In einer aktuellen Arbeit gelang es dem Team nun, mit Antisense-Oligonukleotiden bei Mäusen MALAT1 gezielt auszuschalten und so die Anzahl und Größe von Metastasen eines Lungentumors zu reduzieren ( Gutschner T et al.: Cancer Research, published online December 2012 ).

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