zur Navigation zum Inhalt
© CCC/Barbara Krobath
Wer kann das CT richtig zusammensetzen?
© CCC/Barbara Krobath

Wie ist unser Blut aufgebaut? Finde den Leukozyten im Glas!

 

© MedUni Wien/Kawka

Der „sprechende Stift“ bringt das Spitalspersonal zum Reden.

 
Onkologie 11. Dezember 2012

Krebspatienten wollen begreifen

Wofür sind weiße Blutkörperchen gut? Was sieht man auf einem CT? Und was macht eigentlich mein Arzt, während ich hier warte? Patienten haben oft ganz banale Fragen. Das Projekt „Medizin be-greifen“ zeigt, wie Information Ängste nimmt und das Verständnis zwischen Arzt und Patient auf beiden Seiten bessert.

Interaktiv, niederschwellig, barrierelos – so versucht das ScienceCenter Netzwerk, wissenschaftliche Inhalte zu vermitteln. Das bedeutet: „Für unsere Formate der Wissensvermittlung ist kein Vorwissen nötig, es soll keine Sprach- und keine mechanischen Barrieren geben“, sagt Margit Fischer, Vorsitzende des Vereins.

In einem eben abgeschlossenen Pilotprojekt wurde eine ganz besonders informationsbedürftige Gruppe von Menschen angesprochen: Krebspatienten. Während der Wartezeit in der Onkologischen Tagesklinik am AKH Wien ging man mit Daumenkino, Röntgen-Puzzle und Suchbildrätseln auf die Patienten zu, um ihnen medizinische Basisinformationen interaktiv näher zu bringen und sie zur weiteren Auseinandersetzung anzuregen.

Wissensdurstig

„Gerade onkologische Patienten haben einen ganz außerordentlich großen Informationsbedarf“, so Prof. Dr. Christoph Zielinski, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie. „Sie wollen ihre Erkrankung verstehen und holen sich Informationen – nicht nur vom Arzt, sondern hauptsächlich aus dem Bekanntenkreis oder Internet.“ Das Problem dabei ist: Diese Informationen strömen ungeordnet und ungefiltert auf den Patienten ein. „Ausbildung erfordert Systematik“, meint Zielinski und begrüßt daher Ansätze wie die Cancer School für Patienten und Angehörige, eine Initiative des Comprehensive Cancer Centers (www.ccc.ac.at), die sich großen Zulaufs erfreut.

Mehr als bloße Spielchen für die Wartezeit

Auch im Projekt „Medizin be-greifen“ geht es darum, Basisinformationen an die Betroffenen heranzutragen, die den Behandlern oft banal erscheinen, den Patienten aber helfen, ihre Erkrankung und auch die für sie oft unverständlichen Vorgänge und Prozeduren im Spitals- und Ambulanzbetrieb zu verstehen. Direkt im Spital, auf der Chemotherapiestation und in der Ambulanz der Klinischen Abteilung für Onkologie, konnten sich Patienten und Angehörige mit Puzzles, „Schon-gewusst?“-Karten und dem „sprechenden Stift“ beschäftigen. Formate also, die bekannt sind und Spaß machen, die aber mit neuen Inhalten vertraut machen: mit regulären und irregulären Vorgängen im Körper sowie auch mit den Abläufen in einem Krankenhaus:

Röntgen-Puzzle. Magnetische Puzzleteile ergeben richtig zusammengesetzt eine Röntgen-, CT- oder MRT-Aufnahme. Auf der Rückseite wird die Darstellung erklärt. Die Puzzles können auch während einer Therapie liegend verwendet werden und verrutschen durch die Magnethaftung nicht.

Quiz-Karten.Mit Fragekarten können die Patienten ihr medizinisches Wissen testen und Neues dazulernen. Es gibt mehrere Antwortmöglichkeiten zur Auswahl, die Auflösung und kurze Informationen zu jeder Frage finden sich auf der Rückseite. Die Karten können allein oder in der Gruppe verwendet werden. Im Wartebereich fördern sie die Kommunikation zwischen den Patienten, wie das Pilotprojekt gezeigt hat.

Blutkörperchen im Glas. Rote, weiße und graue Kügelchen in einem verschlossenen Wasserglas veranschaulichen die Zusammensetzung des Blutes aus Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten und Plasma.

AKH Backstage. Mit einem „sprechenden Stift“ wird das Spitalspersonal zum Reden gebracht: Mitarbeiter erzählen über ihr Fachgebiet, ihren Tagesablauf und ihre Motivation für den Beruf. In den Interviews kommen auch viele, für den Patienten oft unsichtbare, Abläufe im Krankenhaus zur Sprache, was das Verständnis fördert und einen persönlicheren Zugang schafft. Auch dieses Instrument ist mobil und im Liegen anwendbar.

Rätselblock. Suchbilder und Zahlenrätsel in drei verschiedenen Schwierigkeitsstufen erklären medizinische Fachbegriffe.

Mit diesen „greifbaren“ Dingen werden physiologische Vorgänge bildhaft gemacht und auch „die emotionale Bindung zum eigenen Körper verbessert“, sagt Dr. Barbara Streicher, Geschäftsführerin des ScienceCenter Netzwerks. „Selbst in diesem schwierigen Setting – die Patienten sind sehr krank, müde etc. – war das Interesse an den Informationsangeboten sehr groß.“ Allerdings war ein aktives Anbieten nötig: „Von selbst greifen die Patienten nicht zu.“

Die sozialwissenschaftliche Auswertung des Projekts erfolgte vom Institut für Wissenschaftsforschung der Universität Wien und zeigte, dass solch interaktive Wissensvermittlung nicht nur dazu beiträgt, dass Patienten besser verstehen, was mit ihnen passiert: Auch die behandelnden Ärzte lernen, ihre Patienten besser zu verstehen. Zielinski: „Wir erfahren viel über Interaktionsmechanismen, wo Wissen fehlt und wo Barrieren und Hürden liegen.“

Insgesamt war das Projekt also nicht nur eine gelungene Wissenschaftsvermittlung, sondern auch „eine Gelegenheit ins Gespräch zu kommen“, so Streicher. Die Kommunikation zwischen den Patienten untereinander sowie zwischen Gesundheitspersonal und Patienten wurde angeregt.

Das Interesse an weiterführenden Informationen besteht. Der Vorschlag der Projektmitglieder ist daher eine weitere intensivere Begleitung und Betreuung, auch durch medizinisches Personal.

Information vertreibt Angst

„Drei Viertel der Fragen von Krebspatienten sind geprägt von Angst“, ergänzt Doris Kiefhaber, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe. Angst vor der Diagnose, Angst vor der Therapie und Angst vor der Prognose sind ständige Begleiter von Betroffenen und Angehörigen. „Die Angst vor der Prognose kann man kaum beeinflussen, aber die Angst vor Diagnose und Therapie kann man nehmen, indem diese Ängste von Beginn an durch Wissen ersetzt werden.“

Weitere Informationen: www.science-center-net.at

Pressekonferenz „Medizin (be-)greifen“, Wien, 28. November 2012

Leben mit der Diagnose Krebs

„Die Diagnose Krebs trifft meist wie ein Blitz, ohne Vorwarnung, löst eine Art Schockzustand und schwärzeste Fantasien aus“, weiß Prof. Dr. Paul Sevelda, Präsident der Österreichischen Krebshilfe. Die Broschüre „Leben mit der Diagnose Krebs“ soll helfen, Angst durch Wissen zu ersetzen.

Diese und weitere hilfreiche Broschüren für Patienten und Angehörige sowie eine Adressenliste der Beratungsstellen sind auf der Website der Österreichischen Krebshilfe zu finden: www.krebshilfe.net.

C. Lindengrün, Ärzte Woche 50/52/2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben