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Onkologie 13. Oktober 2012

Immer längere Überlebensraten

Viele früher rasch fortschreitende onkologische Erkrankungen sind heute chronische Krankheiten.

Bereits zum dritten Mal wurde Österreich zum Zentrum der europäischen Krebsforschung – vom 28. September bis 2. Oktober fand der Kongress der European Society for Medical Oncology (ESMO) in Wien statt.

Jährlich erkranken in Österreich etwa 38.000 Menschen an Krebs. Rund 300.000 sind von einer Krebserkrankung betroffen, diese stellen nach den Herz-Kreislauferkrankungen die zweithäufigste Todesursache dar. Dabei ist Brustkrebs mit 59.500 daran Erkrankten am häufigsten, gefolgt von Prostatakrebs mit rund 51.200, Darmkrebs mit 38.000, Gebärmutterkrebs mit 20.700, Harnblasen-Krebs mit 15.200, Hautkrebs mit 14.900, Nierenkrebs mit 12.700, Lungenkrebs mit 10.240, Schilddrüsenkrebs mit fast 10.000 Betroffenen. „In vielen Fällen ist es uns gelungen, Erkrankungen, die früher relativ rasch fortgeschritten sind, zunehmend zu chronischen Krankheiten zu machen“, betonte Prof. Dr. Christoph Zielinski, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Wien und Koordinator des Comprehensive Cancer Center.

Einige Zahlen, die die Fortschritte der Onkologie veranschaulichen:

  • Vor zehn Jahren haben Patientinnen mit fortgeschrittenem Brustkrebs im Durchschnitt 22 Monate überlebt, heute 58 Monaten.
  • Patienten mit B-Zell-Lymphomen überleben heute im Durchschnitt 91 Monate, vor einem Jahrzehnt waren es noch 37 Monate.
  • Beim Multiplen Myelom verdoppelte sich die Überlebenszeit von 36 auf 72 Monate.
  • Auch bei Nieren- und Dickdarmkrebs verdoppelte sich die durchschnittliche Überlebenszeit.
  • Auch bei aggressiven Hirntumoren sind ermutigende Entwicklungen zu beobachten.
  • Selbst beim aggressiven Lungenkarzinom konnte durch neue Therapien die Überlebensdauer um 50 Prozent verlängert werden.

Im Kino zu negativ dargestellt

Trotz dieser positiven Entwicklung wird das Thema Krebs in Spielfilmen häufig viel zu negativ präsentiert, nur selten werden auch die Chancen eines Patienten realistisch dargestellt, die Krankheit zu überleben. Das ist das Ergebnis einer Studie von Dr. Luciano De Fiore, Sapienza Universität Rom, die 82 Filme zum Thema Krebs analysiert.

Erstaunlicherweise spielen auch die gefährlichsten Krebsformen mit der Ausnahme von Lungenkrebs im Kino keine wesentliche Rolle, diagnostizieren die Studienautoren. „Obwohl Brustkrebs einen starken Einfluss auf Frauen hat, ist er in Spielfilmen kaum repräsentiert, stattdessen dominieren relativ seltene Krebsformen wir Leukämie, Lymphome und Gehirntumore“, so Dr. De Fiore.

HER2/neu-positiver Brustkrebs

Eine zweijährige Behandlung mit dem monoklonalen Antikörper Trastuzumab bringt keine Vorteile gegenüber einer einjährigen Therapie bei Frauen mit HER2/neu-positivem Brustkrebs in einem frühen Stadium, die bereits eine initiale Behandlung mit – je nach Situation – Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie absolviert haben. Die ist das Ergebnis der HERA-Studie mit 5.102 Teilnehmerinnen mit HER2/neu-positivem Brustkrebs in einem frühen Stadium, die nach der primären Therapie in Untergruppen aufgeteilt wurden: Trastuzumab-Infusionen alle drei Wochen über ein Jahr, über zwei Jahre oder keine Trastuzumab-Therapie. Der Anteile von Patientinnen, die einen Rückfall erlitten und die Gesamtüberlebensrate war in beiden Trastuzumab-Gruppen vergleichbar, rund 75 Prozent waren nach acht Jahren Rückfalls-frei“, .berichtete Prof. Richard Gelber von der Harvard Medical School und Dana-Farber Cancer Institute, Boston, MA, USA. „Die Kernaussage für 2012 ist, dass die Einjahres-Behandlung mit Trastuzumab die Standard-Therapie für Patientinnen in einem frühen Stadium eines HER2/neu-positiven Brustkrebs ist.“

Kleinzelliger Lungenkrebs

Krebs-Spezialisten der Medizinischen Universität Innsbruck arbeiten an diagnostischen und therapeutischen Behandlungspfaden, um die Betreuung von Patienten mit kleinzelligem Lungenkarzinom zu optimieren. Nach der Auswertung der Daten von mehr als 400 Patienten durch Doz. Dr. Michael Fiegl von der Abteilung für Hämatologie und Onkologie und seine Co-Autoren zeigte sich: 56 Prozent der Patienten sprechen auf eine palliative medikamentöse Therapie an. Je weiter die Krankheit fortgeschritten war, desto schlechter war die Ansprechrate. Nach Beginn der Therapie dauerte es im Durchschnitt sieben Monate, bis die Krankheit fortschritt. Hier schnitten Frauen etwas besser ab, Patienten mit Entzündungszeichen. Auch erhöhte Laktat-Dehydrogenase als Zeichen von Gewebeumbau und schlechterer Allgemeinverfassung waren negative Zeichen. Im Durchschnitt überlebten die Patienten 11,3 Monate unter der medikamentösen Therapie. Eine Untergruppe überlebte jedoch fünf Jahre, größtenteils Patienten mit begrenzter Erkrankung bei Erstdiagnose und die eine kombinierte Chemo- und Strahlenbehandlung bekamen.

Impfung gegen Nierenzell-Krebs erfolgreich getestet

Deutsche Krebs-Spezialisten tasten sich an eine Impfung heran, die bei Kranken mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom eine stärkere immunologische Reaktion gegen den Tumor hervorrufen soll. Diese zeige in einer ersten Studie eine Erfolg versprechende Effektivität und ein gutes Sicherheitsprofil, berichtete Prof. Dr. Ingo G. Schmidt-Wolf, Centrum für Integrierte Onkologie, Universitätsklinikum Bonn. In einer ersten klinischen Studie der Phase I/II wurden 19 Patienten mit weit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom aufgenommen, zehn von ihnen absolvierten die volle geplante Impfserie. Sieben sind weiterhin am Leben und haben eine stabile Erkrankung für bis zu 65 Wochen. Ihre Lebensqualität verbesserte sich im Laufe der Behandlung. Bei zwei Patienten, bei denen die Erkrankung offenbar binnen zwölf Wochen zum Stillstand kam und die weiter mit der Tumorvakzine behandelt wurden, kam es zu einer anhaltenden Remission für über 48 Wochen oder einer Stabilisierung für 60 Wochen. Derzeit wird eine weitere klinische Studie der Phase II vorbereitet.

Immunsystem ankurbeln

Hirn-Metastasen sind häufige, begleitende Komplikationen von anderen Krebsarten. Die körpereigene Immunantwort im Gehirn wird bei der Bekämpfung dieser Metastasen durch Entzündungsreaktionen wirkungslos gemacht. MedUni Wien-Forscher haben nun die Immunantwort des Gehirns auf einwachsende Metastasen erstmals genau charakterisiert. „Die aktivierten Fresszellen werden vom Tumor geradezu überrannt und auch die weißen Blutkörperchen sind im Kampf gegen die Metastasen zu schwach und müssten erst angekurbelt werden“, erklärte Dr. Matthias Preusser von der Universitätsklinik für Innere Medizin I und vom Comprehensive Cancer Center. Diese Erkenntnisse könnten dazu beitragen, neue Therapie-Strategien zu entwickeln, die dahin abzielen, die weißen Blutkörperchen oder andere Teile des Immunsystems stärker zu aktivieren – und zwar medikamentös wie zum Beispiel mit Antikörpertherapien oder Impfungen.

Aufholbedarf bei der Prävention

„Beim Zugang von Krebspatienten zu modernen Therapien und bei der Versorgung mit Informations- und Beratungsangeboten sind wir in Österreich unter den Europameistern“, betonte Prof. Dr. Gabriela Kornek, Universitätsklinik für Innere Medizin I, MedUni Wien. „Doch in einigen Bereichen haben wir Aufholbedarf. So fehlt ein nationaler Krebsplan und bei den Risikofaktoren müssen wir die Präventionsanstrengungen verstärken.“

Dies schon deshalb, weil bei der Entstehung und Vermeidung vieler Krebserkrankungen Lebensstilfaktoren eine zentrale Rolle spielen. So gehen etwa 25 Prozent aller Krebsfälle auf das Konto von Übergewicht und Bewegungsmangel, 25 bis 30 Prozent aller Krebs-Todesfälle sind direkt auf das Rauchen zurückzuführen. Ein neuartiges Bildungsangebot für Nicht-Mediziner organisiert seit November 2011 die Cancer School des Comprehensive Cancer Center (CCC) des AKH Wien und der MedUni Wien (www.cancerschool.at) , die sich in der öffentlichen Aufklärung zum Thema Krebs engagiert.

Seminar für Krebspatienten

Im Rahmen des Kongresses fand auch ein spezielles Seminar für Krebspatienten statt. Zentrales Anliegen war, „Information, Interaktion und Kommunikation zu fördern“. Ein wesentliches Motiv war, so Prof. Dr. Heinz Ludwig vom Wilhelminenspital in Wien und Vorsitzen des 9. ESMO 2012 Patientenseminars.: „Informierte Patienten können mit Ärzten in einen besseren Dialog eintreten und wichtige Fragen mitentscheiden. Das bedeutet mehr Patientensouveränität und ein besseres Ausnützen der Möglichkeiten der modernen Medizin.“ Patienten hatten auf dem Seminar auch die Möglichkeit mit anderen Betroffenen zu kommunizieren, Sorgen loszuwerden und sich auszutauschen. Ludwig: „Auch das ist eine Bewältigungsstrategie.“

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