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© CCC/Barbara Krobath
Prof. Dr. Christoph Zielinski, Universitätsklinik für Innere Medizin I, MedUni Wien
© imago/INSADCO
 
Onkologie 27. August 2012

ESMO 2012: Onkologie im Umbruch

ESMO-Kongress in Wien: Spitzenforschung macht „alte“ Krebsmedikamente „neu“ und die Molekularbiologie erlaubt innovative Therapieansätze.

Die Onkologie befindet sich im Umbruch: Hunderte neue Krebsmedikamente auf der Basis modernster molekularbiologischer Forschung stehen in klinischer Erprobung. „Alte“ Medikamente kommen in neuen Anwendungsformen, sie können im Rahmen der „personalisierten Medizin“ auch ganz neue Einsatzgebiete erhalten. Beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) in Wien (28. September bis 2. Oktober) steht Spitzenforschung an oberster Stelle der Themenliste.

In ganz Europa sollte es in der Onkologie auch zur Etablierung und Umsetzung von möglichst gleichen Standards kommen, erklärte der Wiener Onkologe Prof. Dr. Christoph Zielinski, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin I, MedUni Wien und lokaler Organisator der Großveranstaltung mit erwarteten rund 17.000 Teilnehmern.

Auch wenn „Krebs“ noch immer der Nimbus von schwerer, häufig tödlicher Erkrankung anhängt: Die Zeiten haben sich gewandelt. Zielinski: „Die moderne Medizin hat insgesamt beträchtlich zur Verbesserung der Überlebenszahlen geführt. Überlebten in den USA beispielsweise im Zeitraum 1950 bis 1954 nur insgesamt 35 Prozent aller Patienten ihre Krebserkrankung über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren, waren es in den Jahren 1999 bis 2005 insgesamt 69,1 Prozent. Die Entwicklung ist in Europa ganz ähnlich verlaufen.“

Fortschritt durch Forschung

Hinter dieser Entwicklung steckt – von der Öffentlichkeit oft nicht bemerkt – die speziell in den vergangenen Jahren immer schneller vorankommende internationale wissenschaftliche Forschung. Molekularbiologie, Genetik und Biotechnologie haben in Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen zu völlig neuen Ansätzen geführt.

Der Experte: „Es ist bereits gelungen, manche ehemals unheilbaren Krebsleiden heilbar zu machen. In vielen Fällen können wir früher relativ rasch fortschreitende Erkrankungen zunehmend zu chronischen Krankheiten machen. Das bedeutet aber auch ganz neue Herausforderungen für die Medizin und für unsere Gesellschaft insgesamt.“

Was erwartet die Teilnehmer?

Damit ist der Rahmen für den 37. Kongress der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO 2012) im Austria Center Vienna vorgegeben.

Einige der Themen:

• Genomforschung und die durch sie möglichen neuen Strategien in der Krebstherapie.

• Personalisierte Medizin in der Onkologie zur Steigerung der Wirksamkeit und zur Verhinderung von Nebenwirkungen in der Krebstherapie.

• Verhinderung von Krebserkrankungen (Prävention) und Früherkennung von Tumorerkrankungen. Hier geht es auch um auf jeweils nationaler Ebene durchgeführte Früherkennungsprogramme (z.B. Brustkrebs-Screeningprojekte).

• Neue Krebsmedikamente: Unterschiede in Zulassung und Kostenerstattung in Europa.

• Zugang zu effizienter Schmerzmedikation für Krebspatienten.

Aus alt mach‘ neu

Zielinski: „In der Krebstherapie gibt es neue Arzneimittel für neue Anwendungsgebiete. Aber es gibt auch ’alte‘ Arzneimittel, die jetzt in neuer Form und bei anderen Erkrankungen als ursprünglich angewendet werden. Dazu werden in Wien die aktuellen wissenschaftlichen Studien präsentiert werden.“

Globalisierungsgewinn

Durch ihre Internationalität wird die Entwicklung der Onkologie immer schneller. Der Wiener Onkologe Christoph Zielinski betont: „Die Onkologie ist ein Bereich, in dem die Menschen, die betroffenen Patienten, eindeutig von der sogenannten Globalisierung profitiert haben. Ohne sie hätte es keine so schnelle Weiterentwicklung in der Diagnose und der Therapie von bösartigen Erkrankungen gegeben, wie wir sie in den vergangenen Jahren gesehen haben.“

Derzeit befinden sich Hunderte von neuen Arzneimitteln zur Behandlung verschiedenster Krebserkrankungen in klinischen Studien an Patienten – mehr als je zuvor. Gleichzeitig bedeutet das eine enorme Herausforderung für die Wissenschaft, weil die Kapazitäten für derartige klinische Forschung limitiert sind. Doch die Entwicklung in den vergangenen Jahren hat bereits große Erfolge gebracht. „Wenn beispielsweise heute die durchschnittliche Überlebenszeit beim Multiplen Myelom statt vor einiger Zeit noch 36 Monate heute 72 Monate beträgt, oder für Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs heute 58 statt 22 Monate, dann ist das diesen Entwicklungen zu verdanken,“ weiß der onkologische Experte Zielinski.

Großer Umbruch

Krebsforschung und Krebstherapie befinden sich derzeit durch die Etablierung der molekularbiologischen und Gen-orientierten Arbeiten und Erkenntnisse in einem gewaltigen Umbruch. Zielinski: „Die Krankheit des einzelnen Patienten hat ganz spezifische Merkmale. Diese Merkmale wollen wir identifizieren und unsere Therapie exakt auf diese Charakteristika zuschneiden.“ Diese individualisierte Behandlung ist unter dem Schlagwort „personalisierte Krebsmedizin“ bekannt.

Onkologe Zielinski erklärt: „Immer mehr moderne High-Tech-Krebsmedikamente wurden in den vergangenen Jahren entwickelt, um bösartige Zellen ganz genau an Stellen zu treffen, die für ihr Überleben und ihr Wachstum entscheidend sind. Das nennt man „zielgerichtete Therapie“. Darum werden sich bei dem Kongress in Wien zahlreiche Präsentationen von Studienergebnissen drehen.“

Qualität zählt

Doch die Onkologie hat auch eine hohe Verantwortung, was die Qualität der Patientenversorgung angeht. „Noch immer gibt es von Land zu Land und von Weltregion zu Weltregion große Unterschiede in der Form, wie Krebspatienten betreut werden, bedauert Zielinski. „Wir wollen beim Kongress in Wien zumindest für Europa erreichen, dass in der Diagnose, in der Behandlung und in der Nachbetreuung etwa gleich vorgegangen wird. Das soll eine möglichst hohe und überall ähnlich erreichbare Qualität für die Patienten bedeuten.“

Gesundheitspolitische Herausforderungen

Daneben steht die Onkologie im Europa des Jahres 2012 aber auch vor großen gesundheitspolitischen Herausforderungen. Zielinski führt aus: „Die Onkologen Europas wollen, dass neue Therapien gegen Krebs den Patienten immer möglichst schnell zur Verfügung gestellt werden. Die Versorgung der Patienten macht aber auch einen Schulterschluss in der Gesellschaft notwendig, um die Finanzierung zu sichern. Wir müssen darauf achten, dass die Patienten bei der aktuellen wirtschaftlichen Lage auch in Zukunft diese Möglichkeiten bekommen und noch bestehende Unterschiede ausgleichen.“

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