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Neue Therapieformen werden als „Rettungsanker“ eingesetzt, wenn die Erstbehandlung eines Lungenkarzinoms nicht (mehr) wirkt.
 
OEGP 2011 14. Dezember 2011

Lungenkrebstherapie wird immer komplexer

Individuelle Behandlung ist Routine. Wenn erste Therapien nicht mehr wirken, stehen immer mehr Alternativen zur Verfügung.

Ein Hotspot der derzeitigen onkologischen Forschung ist das Lungenkarzinom, von dem die meisten auf den nicht-kleinzelligen Lungenkrebs entfallen. Eine ähnliche Entwicklung wie ehemals beim Mammakarzinom und später beim Dickdarmkrebs spielt sich derzeit beim Lungenkarzinom ab: Immer mehr Therapeutika mit unterschiedlichen Ansatzpunkten stehen zur Verfügung. Die Therapie wird immer individueller – und selbst wenn die erste oder die zweite onkologische Therapie nicht mehr den erwünschten Erfolg bringt, gibt es zunehmend weitere Möglichkeiten der Behandlung.

 

„Heute sollte eine optimale Therapie beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) im Rahmen einer Besprechung von Diagnosefachleuten und Experten in der Behandlung festgelegt werden. Es gibt Empfehlungen, aber die Therapie muss laufend an die Charakteristika des einzelnen Patienten angepasst werden“, erklärte Prof. Dr. Jean-Paul-Sculier, Lungenkrebsspezialist an der Freien Universität in Brüssel.

15 Prozent Früherkennung

Das Problem ist die geringe Früherkennungsrate: In Österreich wird die Diagnose Lungenkrebs im Jahr rund 3.900 Mal gestellt. 3.300 Patienten erliegen einer solchen Erkrankung jedes Jahr. Nur 15 Prozent der Erkrankungen werden im Frühstadium entdeckt. Das bedeutet, dass man bei diesen Patienten – primär durch eine Operation – eine Heilung erreichen kann. Für den Rest der Betroffenen gab es bis vor einigen Jahren nur sehr schlechte Aussichten. Nur fünf Prozent überlebten fünf Jahre.

Erst in den vergangenen 15 Jahren gelang es, diesen Prozentsatz auf an die 15 Prozent hinauf zu schrauben. Zunächst durch Strahlen- und Chemotherapie, in der jüngeren Vergangenheit kam die sogenannte zielgerichtete Behandlung (targeted therapy) hinzu.

Hier werden zunehmend Arzneimittel – vor allem monoklonale Antikörper (Biotech) und kleine, synthetische Moleküle – entwickelt, die sehr spezifisch in molekulare Abläufe in Krebszellen eingreifen. Mit ihnen gelingt es, einen über die bisher übliche Chemotherapie hinausgehenden Effekt zu erzielen.

Behandlung mit individuellen Abänderungen

Am Beginn jeder Behandlung eines Lungenkarzinoms steht die genaue Bestimmung des Stadiums und der Art der Erkrankung, das „Staging, sowie die Stellung einer wahrscheinlichen Prognose. Dann wird entsprechend dieser Einteilung – mit individuellen Abänderungen – die Erkrankung behandelt, so der belgische Spezialist:

  • Frühstadium: Ist dem Patienten eine Operation zuzumuten, wird der Tumor im Stadium I chirurgisch entfernt. In diesem Fall kann eine nachfolgende Chemo- oder Strahlentherapie unterbleiben. Lässt sich der Tumor im Stadium II oder IIIa komplett entfernen, sollte eine nachfolgende „adjuvante“ Chemotherapie überlegt werden. Der belgische Spezialist: „Das erhöht die Langzeit-Überlebensrate um rund fünf Prozent.“ Ist für die Patienten eine Operation mit Entfernung des ganzen betroffenen Lungenflügels zu gefährlich, gebe es Alternativen in der Form kleinerer Eingriffe oder einer Strahlenbehandlung.
  • Beim lokal fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC im Stadium III) bringt die Kombination von Chirurgie, Strahlenbehandlung und/oder Chemotherapie eine Steigerung der Überlebensraten um 15 bis 20 Prozent. Die Kombi-Chemotherapie sollte jedenfalls als Basis Cisplatin oder ähnliche besonders wirksame Medikamente enthalten.
  • Keine Operation ist bei einem fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom sinnvoll. Auch hier werden Cisplatin & Co. eingesetzt. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der verschiedenen Onkologika, die hier verwendet werden können, auf an die 15 erhöht, Dutzende weitere stehen derzeit in klinischer Prüfung.

Therapien als „Rettungsanker“, wenn Behandlung nicht wirkt

Sculier: „Die aktuell größte Neuerung ist die Einführung von Therapien, die einen Rettungsanker darstellen, wenn die erste verwendete Behandlungsform nicht oder nicht mehr wirkt.“ War die durchschnittliche Überlebenszeit von Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom noch vor einigen Jahren nicht länger als fünf oder sechs Monate, hat sich das auf etwa ein Jahr verdoppelt.

Dies ist beispielsweise auch den Arzneimitteln der „zielgerichteten Therapie“ (targeted therapy) zu verdanken. Mit Bevacizumab steht in der EU ein monoklonaler Antikörper zur Verfügung, der die Gefäßneubildung in den Tumoren verhindert. Kleine synthetische Wirkstoffe als Enzym-Hemmer (Tyrosinkinase-Hemmer) wie Erlotinib oder Gefitinib entfalten ihre Wirkung über die Hemmung eines Signalweges, der die Tumorzellen zum ständigen Wachstum antreibt.

Erstmals Test zur Wirksamkeit einer Behandlung möglich

Hier allerdings kann erstmals schon vor der Behandlung getestet werden, ob ein Effekt zu erwarten ist: Man untersucht vor einer geplanten Therapie – beispielsweise mit Gefitinib –, ob in den Tumorzellen eine mutierte und dadurch besonders aktivierte Form der Rezeptoren für den Wachstumsfaktor EGF (Epithelial Growth Factor) vorliegt. In diesem Fall wirkt die Substanz ganz besonders gut. Der belgische Experte: „Heute sollte man bei Adeno-Lungenkarzinomen routinemäßig auf diese Mutationen untersuchen. Immerhin kann man mit dieser Behandlung in diesen Fällen eine hoch signifikante Verlängerung der Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung erzielen.“

Lungenkrebs durch Rauchen – Warnung vor Gesellschaftskrise

Freilich, beim vor allem durch das Rauchen hervorgerufenen Lungenkrebs steht der Gesellschaft noch eine echte Krise bevor. Das macht das exorbitante Aufholen der Frauen beim Zigarettenkonsum im Vergleich zu den Männern. 1983 erkrankten in Österreich 2.823 Männer und 745 Frauen an einem Lungenkarzinom. Im Jahr 2008 waren es 2.682 Männer und bereits 1.459 Frauen.

Quelle: Aussendung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) zum Pneumologen-Kongress 2011, Wien.

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