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Onkologie 6. Dezember 2011

Messerscharfe Stromschläge

Eine neue Methode ermöglicht die punktgenaue Zerstörung von Leber- und Nierentumoren.

Im Kampf gegen Leber- oder Nierenkrebs setzen Radiologen am Bonner Universitätsklinikum seit kurzem eine neuartige Methode ein. Bei der irreversiblen Elektroporation (IRE) öffnen sie mittels mittelstarker, örtlich begrenzter elektrischer Pulse dauerhaft die Poren der Tumorzellwand. Dies führt zum Zelltod, ohne das umgebende Gewebe zu schädigen. Bereits fünf Patienten, bei denen der Tumor direkt neben sensiblen Strukturen lag, konnte die Radiologische Universitätsklinik in den letzten vier Monaten damit erfolgreich behandeln.

 

Die Diagnose traf Heinz B. unerwartet: Eine größere Eisenablagerung, bedingt durch eine angeborene Stoffwechselstörung, hatte seine Leber bereits stark geschädigt und zusätzlich zu einem Lebertumor geführt. Eine Transplantation in etwa einem Jahr hätte dem bereits walnussgroßen Tumor Zeit zum weiteren Wachstum gegeben und so die Transplantation gefährdet. Eine Entfernung des Tumor war aber aufgrund der Lage in einem Netz aus Blutgefäßen schwierig. Bei der für diese Tumorgröße herkömmlichen Radiofrequenz-Ablation bestand die Gefahr, diese Blutgefäße zu verletzen. „Als Lösung bot sich die irreversible Elektroporation an. Dieses weltweit sehr junge Verfahren arbeitet nur mit elektrischen Strömen, ganz ohne Wärmebildung. Blutgefäße, Nerven und Bindegewebe werden nicht dauerhaft geschädigt“, sagt Prof. Dr. Holger Strunk, Oberarzt an der Radiologischen Klinik des Universitätsklinikums Bonn.

Tumorzerstörung präzise gesteuert

Über kleine Hautschnitte werden bis zu sechs nadelartige Stahlsonden, geleitet durch ein Ultraschall- oder CT-Bild, zum Tumor geführt. Diese dort exakt zu platzieren, ist der entscheidende, aber auch der kniffligste Schritt. Jeweils zwischen zwei Sonden wird ein elektrisches Feld aufgebaut. Dabei müssen diese einen ganz bestimmten Abstand haben, um das gewünschte Resultat zu erzielen. Dazu werden deren Abstände mit Hilfe eines CT-Bildes genau gemessen. Die benötigte Zahl der Sonden hängt von der Ausdehnung des Tumors ab, der für dieses Verfahren nicht größer als vier Zentimeter sein sollte.

Wenn alle Elektroden punktgenau platziert sind, wird eine Serie extrem kurzer elektrischer Pulse ausgelöst. Durch die Stromschläge bilden sich Poren in der Zellwand. Bei Pulslängen von 100 Mikrosekunden mit einer Stärke von 2.000 bis 3.000 Volt wird diese wichtige Umhüllung dauerhaft geschädigt. Die Tumorzellen sterben ab, wobei laut bisherigen Erfahrungen sogar direkt benachbarte Strukturen komplett erhalten bleiben. Im Idealfall regeneriert sich das behandelte Gewebe rasch ohne Bildung von Narben.

„Bei der IRE gelingt eine scharfe Trennung zwischen zu behandelndem und gesundem Gewebe. Eine Tumorzerstörung ist so bis an die Grenze von Gefäßen möglich, ohne deren Funktionalität zu beeinträchtigen“, betont Strunk. Den einzigen Nachteil sieht er bisher darin, dass der Eingriff in Vollnarkose erfolgen muss. Da die kurzen elektrischen Pulse sonst unkontrollierte Muskelzuckungen auslösen würden.

Um eine erneute Tumorbildung frühzeitig zu erkennen, ist eine engmaschige Nachsorge notwendig. Auch ist IRE eine brandneue Methode – weltweit wurden seit 2005 etwa 400 bis 500 Patienten so behandelt. Das Prinzip wird bereits seit längerem in der Lebensmittelindustrie zur Sterilisation von mit Bakterien und Amöben verschmutztem Wasser genutzt. Bisher liegen noch keine größeren Patientenstudien und auch keine Langzeitergebnisse vor. Doch Einzelerfahrungen sind durchweg positiv – auch die der bisher am Bonner Universitätsklinikum erfolgreich mit IRE behandelten fünf Patienten.

 

Quelle: Universität Bonn

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