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Onkologie 18. Oktober 2011

Europäische Leitlinien fehlen

Neuropathischer Schmerz ist bei onkologischen Patienten weit verbreitet.

40 Prozent der Krebspatienten in Europa leiden an neuropathischen Schmerzen, doch keines der gängigen Medikamente ist für diese spezielle Indikation zugelassen. Daher kommt den Behandlungsempfehlungen der Fachgesellschaften eine besondere Bedeutung zu. Diese sind in Europa allerdings sehr uneinheitlich, wie ein aktueller EFIC-Vergleich zeigt.

 

Neuropathische Schmerzen sind unter Krebspatienten sehr verbreitet. Hilfe für Betroffene gibt es derzeit nicht in ausreichender Weise. „Gegenwärtig ist kein einziges der gängigen Schmerzmittel für diese Indikation zugelassen“, kritisierte EFIC-Präsident Prof. DDr. Hans Georg Kress beim Europäischen Schmerzkongress EFIC 2011.

Ein internationales Forschungsteam aus fünf Ländern hat jetzt die Behandlungsempfehlungen nationaler Fachgesellschaften zu neuropathischen Schmerzen speziell bei onkologischen Patienten europaweit zusammengetragen und verglichen. Insgesamt zog das Team neun Therapie-empfehlungen heran, die zumindest einen Abschnitt zur Behandlung von neuropathischem Schmerz bei Krebspatienten enthielten und alle Kriterien einer medizinischen Leitlinie (Clinical Practice Guideline – CPG) erfüllten. Die neun medizinischen Leitlinien stammten aus Schottland, Italien, Norwegen, Frankreich, den Niederlanden und Spanien und waren zwischen 2006 und 2010 publiziert worden.

Die Wissenschaftler untersuchten die Leitlinien hinsichtlich ihrer Validität: Dabei wurden große Qualitätsunterschiede gefunden. Die Mittelwerte für „Anwendungsbereich und Verwendungszweck“ (80%) und Übersichtlichkeit der Darstellung (61%) waren akzeptabel. Der Bereich der Anwendbarkeit wies den geringsten Mittelwert auf (39%) – nur Norwegen erzielte dabei einen Wert, der über 60 Prozent lag. Beim Punkt „redaktionelle Unabhängigkeit“ schnitten fünf Leitlinien schlecht ab. Die norwegische Leitlinie von 2009 erreichte einen Wert von mindestens 60 Prozent in jedem Bereich, die niederländische von 2008-1 schaffte mindestens 80 Prozent bei vier Punkten. Bei der italienischen Richtlinie lagen fünf Bereiche unter 60 Prozent. Sieben Leitlinien bekamen hohe Werte für den Punkt „Anwendungsbereich und Verwendungszweck“. Am besten schnitten die vier Leitlinien ab, die von einer Organisation zur Entwicklung von Leitlinien entworfen worden waren – sie hatten in allen Bereichen die besseren Werte. Zwei der Leitlinien mit den besseren Werten waren von auf die Erstellung von Leitlinien spezialisierten Instituten entwickelt worden.

EFIC-Präsident forderte strukturiertes Leitlinien-Programm

„Diese Situation ist unbefriedigend. Ob schwer kranke Menschen mit einer angemessenen, leitliniengemäßen Linderung ihrer Leiden rechnen können oder nicht, darf nicht davon abhängen, in welchem Land Europas sie leben. Das dürfen wir nicht hinnehmen“, so Kress. „Klinische Behandlungsrichtlinien sollten in Europa im Rahmen eines strukturierten Leitlinien-Programms entwickelt und entsprechend methodologisch unterstützt werden.“ Da ein solches Vorgehen kostspielig und zeitaufwändig ist, forderte er ein einheitlicheres Vorgehen und mehr internationale Zusammenarbeit, etwa über eine multinationale Föderation wie EFIC. „Die Entwicklung einer qualitativ hochwertigen europäischen medizinischen Leitlinie für die Behandlung von neuropathischem Schmerz bei Krebs ist dringend notwendig. Eine solche würde dazu beitragen, die vorhandenen Ressourcen an Zeit und Geld sowie Know-how und Anstrengungen der Experten zu bündeln. Auch wirtschaftlich weniger potente Staaten hätten so die Möglichkeit, sich an einer hochwertigen klinischen Leitlinie zu orientieren, ohne die mit der Entwicklung verbundenen Kosten in vollem Umfang tragen zu müssen“, betonte Kress.

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