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Onkologie 11. Oktober 2011

Bewegung und Sport zur Krebsprävention

Krebsprophylaxe 2011 – was ist gesichert?

Bewegung gehört seit tausenden Generationen zum „normalen“ Verhalten von Menschen. Menschen mit „sedentary lifestyle“ müssten eigentlich als krank angesehen werden, da sie aus evolutionärer Sicht „gegen Inaktivität“ programmiert sind.

 

Es wurde mit vielen Untersuchungen weltweit bestätigt, dass regelmäßige Bewegung gesundheitliche Effekte hat. Blair (Blair St. Am. J. Clin.Nutr 2004;79:913-20) bezeichnet die Inaktivität als das größte Problem und gleichzeitig die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Regelmäßige Bewegung hat weiters Einfluss auf das Krebsrisiko und die Lebenserwartung von Krebs-Überlebenden.

Gesichert ist auch, dass Bewegung die Lebensqualität bei Krebspatienten verbessert, jedoch stellt sich immer wieder die Frage, in welchem Umfang und mit welcher Intensität man Bewegung durchführen sollte, um gegen Erkrankungen, auch gegen Krebs, präventive Maßnahmen zu treffen.

1992 beschrieb die amerikanische Herz-Kreislaufgesellschaft (AHA), dass zu wenig Bewegung ein Risikofaktor für die Entwicklung von Übergewicht und die Entstehung von Herz-Kreislauferkrankungen ist. Übergewicht gehört zu den unabhängigen Risikofaktoren für die Entwicklung von Krebs. 1995 wurden vom ACSM (American College of Sports medicine) eine tägliche Bewegung von 30 Minuten sieben Mal pro Woche zur Prävention empfohlen. Nach Untersuchung vom US Department für Gesundheit erreichen 74 Prozent der US-Bevölkerung diese Empfehlung nicht.

Als Ursachen für die Entstehung von Krebs werden, neben genetischen Faktoren mit 5-10 Prozent, Rauchen mit 30 Prozent, Ernährung mit 35 Prozent, Übergewicht mit 14-20 Prozent, Infektionen mit 18 Prozent und Verschmutzung und Strahlung mit sieben Prozent angegeben.

Mc Tieman (Anne McTiernan, Nature reviews cancer, volume 8,march 2008, 205) kommt zu dem Schluss, dass 25 Prozent aller weltweiten Krebserkrankungen auf Übergewicht und „sedentary Lifestyle“ zurückzuführen sind. Sedentary lifestyle gehört zum „modernen Lebensstil“ und hängt mit der Abwesenheit von „self-sufficiency“-Notwendigkeit zusammen. Kühlschrank, Klimaanlage, Mobiltelefon, Internet und alle anderen Anpassungen, die spontane Bewegung nicht mehr notwendig machen, haben zu der Entwicklung vom „faulen Phänotyp“ geführt. Die konstante Zunahme von Krebserkrankten kann darum teilweise durch einen Mangel an Bewegung erklärt werden.

Wie viel Bewegung ist ausreichend?

Die Empfehlung der amerikanischen Herz-Kreislaufgesellschaft für tägliche Bewegung liegt bei mindestens 30 Minuten, 7 Tage pro Woche, bzw. maximal 90 Minuten pro Tag. Vergleicht man nun den täglichen Bewegungsumfang zwischen Naturvölkern, welche heute noch eine Lebensweise im Stile des Jagens und Sammelns verfolgen, mit der westlichen Lebensweise, sind deutliche Unterschiede erkennbar. Menschen mit westlicher, moderner Lebensweise legen 200 m bis 2.000 m, Männer und Frauen der Naturvölker (Kung, Ache) etwa 9 bis14 km pro Tag zurück (Cordain L et al, Int J Sport Med 1998;19:328-335). Dadurch beträgt der durchschnittliche Energieverbrauch von Jägern und Sammlern etwa 6.300 kcal/Woche bei Männern und 4.200 kcal bei Frauen, hingegen jener bei täglicher 30-minütiger Bewegung knapp 1.000 kcal bzw. bei 90 Minuten zwischen 2.700 und 3.100 kcal pro Woche, die durch Bewegung verbraucht werden. Die Krebsrate bei diesen Völkern liegt weit unter jener in Europa und den USA (Lindebergh S., Wiley-Blackwell (2010): pp 124, 186, 187 12).

Durch die heutzutage unzureichende Bewegung kommt es zum Verlust an Muskelmasse und zur Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit. Als Standard-Messparameter für die körperliche Leistungsfähigkeit kann die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max/ml/min-1/kg-1) herangezogen werden. Untersuchungen von Cordain in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zeigten eine deutlich verringerte Sauerstoffaufnahme von Menschen mit moderner Lebensweise (modern lifestyle) und geringem täglichem Bewegungsumfang. Bei afrikanischen Lufas lag die maximale Sauerstoffaufnahme bei beachtlichen 67 ml/min-1/kg-1, hingegen bei Frauen und Männern im Alter von 20-29 Jahren mit modernem Lebensstil nur bei 40,8 ml/min-1/kg-1.

Risiken mangelnder Bewegung

Bewegungsmangel führt zu einer dramatischen Änderung auf Makro- und Mikroebene. Verlust von Atmungsmuskulatur, Entwicklung von Insulin-Resistenz, Thrombosegefahr, Herzatrophie und Atrophie von bestimmten Teilen des Gehirns sind nur einige Beispiele von Bewegungsmangel. Ein weiteres Problem ist die Entwicklung von abdominalem Fettgewebe, gekennzeichnet durch vergrößerte Adipozyten und Einlagerung von vermehrtem fibrotischem Bindegewebe. Dieses „harte Fettgewebe“ leidet oft an Sauerstoffmangel, wodurch Hypoxie-Nekrose mit der Folge von einer Infiltration und Aktivierung von Makrophagen im diesem Entzündungs-Fettgewebe entsteht. Eine Aktivierung von Makrophagen im Fettgewebe führt zu einer Produktion von entzündungsfördernden Zytokinen wie z.B. Cox II, TNF-α, IL-6, CRP. Ebenso kann es innerhalb der Leber zu einer gesteigerten Aktivität von Kupferzellen mit nachfolgender Produktion von Entzündungsfaktoren kommen (Abbildung.).

Die sogenannte „Low Grade Inflammation“ – erhöhter CRP Wert(>1), Serum Amyolid A, Interleukin 6 und TNF-α – gilt als Marker einer chronischen Entzündung. Sie steht im Zusammenhang mit der Entstehung von sämtlichen Zivilisationserkrankungen wie Herz-Kreislauferkrankung, Insulinresistenz und Diabetes, Depression und auch Krebs. Dass durch Bewegung und Reduzierung des Körpergewichtes der CRP-Wert zwischen 20 und 60 Prozent reduziert werden kann, wurde durch mehrere Untersuchungen bestätigt. Chronische Entzündungen stehen auch deutlich im Zusammenhang mit einem erhöhten Krebsrisiko. Auch bei einer bestehenden Krebserkrankung ist die Reduktion des Entzündungsherdes rund um das Tumorgewebe ein Ziel der Therapie, da das Risiko einer Neovaskularisierung und Metastasenbildung durch Entzündungen (NFK-ß) gefördert wird.

Walsh 2011 beschreibt, dass durch Bewegung abdominales Fettgewebe, freie Sexualhormone wie Östrogen und Testosteron und Wachstumsfaktoren wie IGF-1 reduziert werden können. Des Weiteren wird das Immunsystem, vor allem NK-Zellen, durch Bewegung aktiviert und so eine verbesserte Krebsabwehr erreicht. Die Abbildung zeigt die Zusammenhänge von Bewegungsmangel, abdominalem Fett und dem Folgerisiko einer Fettleber und einer Low Grade Inflammation. Bei Menschen mit Fettleber, an der rund 30-50 Prozent der Bevölkerung leiden, werden erhöhte Wachstumshormone, freies IGF-1 (Insulin growth Factor-1), erhöhte Insulinwerte, Glucose und Adipokine gemessen.

Zusammenfassung

Bewegungsmangel („sedendary lifestyle“) kann als eine der gesundheitsgefährdendsten Verhaltensweisen betrachtet werden. Mehrere ätiologische Faktoren sind für diese bewegungsarme Lebensweise identifiziert worden. Die Tatsache, dass sich homo sapiens über tausende von Jahren und Generationen mit Bewegung entwickelt hat und sich nun erst seit wenigen Jahren gegen die genetische Programmierung „Bewegung” wendet, kann einen Teil der dramatischen Anstiege von kranken Menschen erklären. Die Auswirkungen von Bewegungsmangel auf systemischer, metabolischer, zellulärer, molekularer und genetischer Ebene sind so vielfältig und gravierend, dass die Bemühungen, eine „Bewegungspille‘‘ zu finden, wahrscheinlich zu gut sind, um wahr zu sein.

Inaktive Menschen, die ihren Lebensstil ändern wollen, benötigen anfangs als Basis ein ausführliches „deep learning programm“ über die positiven Effekte wie z.B. Verbesserung der Insulinsensibilität, Normalisierung der Energiebereitstellung und Energieverteilung im Körper. Als Grundlage jeder Therapie sollte die Motivation zu regelmäßiger Bewegung und Nahrungsaufnahme sowie Nahrungskarenz stehen. Die Notwendigkeit zur regelmäßigen Bewegung sollte schon in frühen Jahren für alle nachfolgenden Generationen, nämlich in der Grundschule, erfolgen.

 

Mag. Dr. Markus Stark ist Dozent für klinische Psycho-Neuro-Immunologie, 8625 Turnau

Von M. Stark, C. Janssen, K. U. Hanusch, L. Pruimboom , Ärzte Woche 41 /2011

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