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Gemüse und Obst nehmen im Ernährungskreis mengenmäßig eine dominierende Stellung ein.
 
Onkologie 16. Oktober 2011

Ernährung und Krebsrisiko

Es gibt Hinweise, dass Ernährungsfaktoren an allen Schritten der Krebsentwicklung beteiligt sind.

Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebsrisiko wurde bereits durch die epochale Dokumentation im Jahre 1980 von Doll und Peto zu den Krebsursachefaktoren in das Blickfeld der onkologischen Forschung gerückt.

Das daraus erwachsende Interesse hat zu umfangreichen experimentellen Arbeiten geführt, insbesondere über die Rolle von Nutrienten und biologisch aktiven Lebensmittelbestandteilen im Rahmen der Aktivierung bzw. Deaktivierung von Karzinogenen. Des Weiteren wurden onkologisch orientierte Epidemiologiegruppen motiviert, große Kohortenstudien aufzulegen, die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krebs im Detail untersuchen.

Das geringe Auftreten von Krebs machte es notwendig, in die Kohortenstudien mehrere 10.000 bis 100.000 Probanden einzuschließen. Diese Kohortenstudien liefern heute die Daten über Zusammenhänge zwischen Ernährungsfaktoren und dem Krebsrisiko, die häufig schon aufgrund der Vielzahl der Studien als Meta-Analysen vorliegen und unsere Vorstellungen präzisieren, wie eine gesunde und risikoarme Ernährung aussehen könnte.

Krebs ist ein Kontrollverlust beim Zellwachstum, der sich in vielen Schritten durch Veränderungen am Genom niederschlägt. Diese betreffen zunächst eine einzelne Zelle, dann einen kleinen Zellverband, später das betroffene Organ und zum Schluss durch Metastasenbildung den ganzen Körper. Für alle diese Schritte gibt es experimentell Hinweise, dass Ernährungsfaktoren beteiligt sind.

Weiterhin spielen Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Übergewicht und körperliche Aktivität für das Erkrankungsrisiko an Krebs und anderen chronischen Erkrankungen eine wichtige Rolle. Daher sollte die Ernährung als eine der Komponenten einer gesunden Lebensführung angesehen werden, mit denen das Erkrankungsrisiko beeinflusst werden kann. Es ist nicht zu erwarten, dass mit Ernährung alleine eine substantielle Veränderung im Risiko, langfristig eine Krebserkrankung zu erleiden, erreicht werden kann.

Konzept der lebensmittelbasierten Ernährungsempfehlungen

Bei der Frage zu den Zusammenhängen zwischen Ernährung und Krebs sind die Faktoren aus Sicht der Krebsprävention von besonderem Interesse, die auch mit einem einfachen und verständlichen Konzept breiten Bevölkerungsgruppen kommuniziert werden können. Hier bietet sich das Konzept der lebensmittelbasierten Ernährungsempfehlung an, das auf eine ausgewogene Auswahl von Lebensmitteln hinausläuft. Die Auswahl sollte so gestaltet sein, dass sowohl die Nährstoffzufuhr gesichert als auch das Krankheitsrisiko minimiert ist. Als einen Vorschlag gibt es den DGE-ÖGE- Ernährungskreis, der primär entwickelt wurde, um die Nährstoffzufuhr nach den D-A-CH-Referenzwerten sicherzustellen.

Die Lebensmittelgruppen des Ernährungskreises umfassen derzeitig Getreide und Getreideerzeugnisse
Kartoffeln (30 % der Aufnahme)
Gemüse, Salate (26 %)
Obst (17 %)
Milch, Milchprodukte (18  %),
Fleisch, Wurst, Fisch, Eier (7 %)
Fette, Öle (2 %) und
Getränke (> 1.5 l).

Der Ernährungskreis bietet eine Wahl aus den verschiedenen Lebensmittelgruppen unter Berücksichtigung des dargestellten Mengenverhältnisses an. Jedoch kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle diese Lebensmittelgruppen in gleicher Weise Einfluss auf das Krebsgeschehen nehmen. Daher ist es aus primärpräventiver onkologischer Sicht um so wichtiger, auf Basis gesicherter Daten und damit evidenzbasiert die Lebensmittel zu identifizieren, die Einfluss auf das Krebsrisiko nehmen.

Neubewertung der Lebensmittel

Gemüse und Obst nehmen im Ernährungskreis mengenmäßig mit 43 Prozent eine dominierende Stellung ein. Gerade bei dieser Lebensmittelgruppe hat aber eine Neubewertung ihres krebspräventiven Potenzials stattgefunden. Die neuen Auswertungen der Kohortenstudien konnten zwar weiterhin eine Abnahme des Krebsrisikos bei steigendem Verzehr beobachten. Dieser war jedoch moderat und bezog sich häufig auf Untergruppen wie rauchbedingte Krebserkrankungen oder ein Geschlecht.

Auf der anderen Seite konnte aus der Gruppe der Getreideprodukte die ballaststoffreichen Getreide als diejenigen identifiziert werden, deren Verzehr mit einem abgesenkten Risiko für Dickdarmkrebs einhergeht.

Aus der Gruppe der tierischen Lebensmittel ist die Erhöhung des Erkrankungsrisikos für gastrointestinale maligne Tumore in Verbindung mit dem Verzehr von rotem Fleisch und Fleischwaren auffällig. Dies betrifft aber nicht das Geflügelfleisch, dessen Verzehr in einer großen Studie nicht mit dem Krebsrisiko assoziiert war. Weiterhin gibt es in den neuen Untersuchungen zur Lebensmittelgruppe der Milch und Milchprodukte eine Bestätigung, dass mit steigendem Verzehr das Risiko von Dickdarmkrebs absinkt. Gleichzeitig steigt bei einer steigenden Aufnahme von Milch und Milchprodukten das Risiko für Prostatakrebs an.

 

Prof. Dr. Heiner Boeing leitet am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke die Abteilung Epidemiologie.

Von H. Boeing , Ärzte Woche 41 /2011

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