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Onkologie 28. Juni 2011

Krebs und Ernährung

Trotz onkologisch gutem Ergebnis verstirbt der Patient an Mangelernährung.

Die Komorbidität des Ernährungsstatus ist ein wesentlicher Faktor in der Prognose des onkologischen Patienten. Mangelernährte Patienten haben einen deutlich schlechteren Krankheitsverlauf als solche mit ausreichender Energie- und Nährstoffversorgung. In der Praxis wird die Erhebung und Beobachtung des Verlaufs jedoch häufig zu wenig beachtet. Derzeit existieren keine klaren Richtlinien und Zuständigkeiten. Krebs und Ernährung stand bei der Frühjahrstagung der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie im vergangenen Mai in Pörtschach zur Diskussion.

„Ich weiß, ich sollte essen – aber ich habe einfach keinen Appetit“. Auch wenn kein offensichtlicher Grund vorliegt, warum der Patent nicht essen kann, sind Ärzte im Spital häufig mit dem Phänomen Mangelernährung konfrontiert. Im Endstadium verfügt der Patient kaum mehr über Muskulatur, er ist – auch aufgrund häufig vorliegender Herzinsuffizienz – nicht mehr in der Lage aus dem Bett zu kommen und selbstständig körperliche Tätigkeiten durchzuführen, erklärte Univ.-Prof. Dr. Christian Madl, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Wien. Auch wenn das onkologische Ergebnis exzellent ist, kein lokales Rezidiv vorliegt und keine Lymphknoten betroffen sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der mangelernährte Patient das Spital verlassen kann, gering. Trotz onkologisch gutem Ergebnis verstirbt er an Mangelernährung.

Gegebenenfalls kann eine parenterale Zusatzernährung bessere Ergebnisse erzielen als eine orale Supplementernährung, berichtete Univ.-Prof. Dr. Felix Keil, Leiter des Departments für Hämato-Onkologie am LKH Leoben-Bruck. Eine Studie mit 82 Patienten mit diagnostizierter Mangelernährung unter palliativer Chemotherapie zeigte, dass zwar beide Gruppen ausreichend ernährt wurden, die parenteral ernährten Patienten jedoch ein deutlich besseres Überleben aufwiesen als die nicht zusatzernährten. „Die Lebensqualität der parenteral zusatzernährten Patienten wurde signifikant besser“, so Keil, „die Nebenwirkungen der Chemotherapie waren deutlich geringer als bei jenen Patienten, die nur standardmäßig ernährt wurden.“ 40 Prozent aller Patienten im Krankenhaus haben eine zu geringe Proteinzufuhr und erhalten zu wenig Kalorien zugeführt, berichtete Madl die Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2003. 28 Prozent bekommen zwar ausreichend Kalorien zugeführt, aber zu wenig Protein. Lediglich 30 Prozent der Patienten sind im oder über dem Ziel. Der Nutrition Day, an dem einmal jährlich in 43 Ländern der Ernährungszustand der Krankenhauspatienten an einem Stichtag erhoben wird, ergab, so Madl, „dass nur etwa 30 Prozent der Patienten alles, was man ihnen vorsetzt, aufgegessen haben. Mehr als 20 Prozent essen lediglich die Hälfte, und dramatische zehn Prozent essen gar nichts.“ Jene, die nichts essen, weisen mit Abstand die höchste Mortalität auf. Mangelernährung ist auch eine Frage des Alters. Ab dem 50. Lebensjahr nimmt die Malnutrition dramatisch zu.

Lebensqualität und der Gesamtzustand des Patienten wirken sich nicht zuletzt auf die Ausschöpfung aller Therapieoptionen aus, zitierte Keil eine Studie mit 152 Patienten mit fortgeschrittenen Karzinomen. So können die Nebenwirkungen einer Strahlentherapie dazu führen, dass der Patient aufgrund von Durchfall, Übelkeit, Hautreaktionen und Erschöpfung, die im Laufe einer sechswöchigen Strahlentherapie deutlich zunehmen, nicht den gesamten Therapiezyklus erhalten kann und das Therapieziel nicht erreicht wird. Besonders problematisch stellt sich die Situation für Patienten mit HNO-Tumoren dar, da einerseits die Grunderkrankung aber auch die Nebenwirkungen der Chemotherapie die Nahrungsaufnahme erschweren. „Weisen diese Patienten während einer sechswöchigen Therapiephase eine Gewichtsabnahme auf, so führt dies zu einem signifikant schlechteren Überleben“, berichtete Keil Studienergebnisse. Ein frühzeitiger Abbruch oder eine Dosisreduktion hat häufig ein Rezidiv zur Folge. Wenn die Therapie frühzeitig abgebrochen/herabgesetzt werden muss hat häufig ein Rezidiv.“ Patienten mit HNO Tumoren können demnach nur zu 70 Prozent die Therapie abschließen. „Malnutrition hat Auswirkungen auf die verschiedensten Organe“, gab Madl warnend zu bedenken. Sie führt zu schlechter Wundheilung, Dekubitus, Veränderung der Skelettmuskulatur, Reduktion der Muskelkraft, die Elastizität der Lunge nimmt ab, die Ermüdbarkeit nimmt dramatisch zu, auch das Gehirn ist beeinträchtigt, die Anteilnahme reduziert, das Interesse an der Umwelt verschwindet, die Patienten werden zunehmend apathisch. Nur 25 Prozent diese Patienten erhalten eine Ernährungstherapie, so Madl. Die Liegedauer verlängert sich dadurch um 80 Prozent und auch Morbidität und Mortalität sind deutlich erhöht.

85 Prozent aller Krebserkrankungen induzieren metabolische Veränderungen, konstatierte Prof. Dr. med. K. Georg Kreymann, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: „Die einzige Chance, die wir haben, ist die frühzeitige Erkennung und die frühzeitige Intervention. Diese frühzeitige Intervention heißt eine Kombination aus Ernährungstherapie, Pharmakotherapie und Pharmakonutrition.“ Speziell perioperativ bei mangelernährten Patienten, in der supportiven Therapie und bei aggressiver Chemotherapie ist eine parenterale Ernährung speziell indiziert.

Quelle: ÖGHO Frühjahrstagung 5. bis 7. Mai 2011, Pörtschach, Sitzung: Krebs und Ernährung Informationen zum NutritionDay: www.nutritionday.org

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