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Onkologie 25. August 2010

Umdenken in der Krebstherapie

Zu viel Schutz kann krank machen.

Der programmierte Zelltod dient dazu, beschädigte oder veränderte Zellen auszuschalten, bevor sie einen Tumor bilden. Ausgerechnet dieses gesteuerte Zellsterben selbst kann jedoch die Entstehung einer Krebserkrankung fördern, wie Prof. Dr. Andreas Villunger, Leiter der Sektion für Entwicklungsimmunologie, und sein Team herausfanden.

 

Neue Forschungsergebnisse sollen Antworten darauf geben, warum beispielsweise nach einer Leukämie gesundete Kinder oft Jahrzehnte später andere Krebserkrankungen entwickeln. „Bei etwa 15 Prozent von Neuerkrankungen an Krebs handelt es sich mittlerweile um neue Tumortypen, die bei Krebsüberlebenden auftreten. Dies kann mit der aggressiven Apoptose-induzierenden Therapie, also der gezielten Vernichtung von fehlerhaften Zellen, bei der ersten Krebserkrankung zusammenhängen“, erklärt Prof. Villunger. Wissenschaftler in Australien seien zu diesem Schluss gekommen. Die Intensität von Bestrahlungen oder Chemotherapien sollten demnach kritisch geprüft werden.

Das Protein p53 ist in vielen Typen von entarteten Zellen verstärkt aktiv, bei mehr als der Hälfte aller Tumorpatienten aber inaktiv. Es ortet Schäden in den Zellen und entsendet andere Proteine als Helfer. Reicht das nicht aus, wird das Protein PUMA aktiviert, welches die beschädigte Zelle vernichtet. „Die Aktivierung von Apoptose gilt als zentraler Schutzmechanismus im Körper, der normalerweise Tumorentwicklung verhindern soll“, so Villunger.

Als in einem Experiment der Schutzmechanismus in Zellen durch PUMA ausgeschaltet wurde, erwarteten die Forscher eigentlich, dass diese Zellen dadurch äußerst anfällig für Tumorbildungen würden, sobald sie schädlicher Strahlung ausgesetzt würden. Genau das Gegenteil war aber der Fall: Bei Lymphozyten ohne PUMA konnten keine Tumorbildungen nachgewiesen werden. Kontrollgruppen mit dem intakten PUMA-Schutzprogramm entwickelten hingegen nach mehrmaliger Bestrahlung sehr wohl Lymphome. „Wahrscheinlich ein durch Überarbeitung der Stammzellen des Knochenmarks hervorgerufenes Resultat“, vermutet Villunger. Normalerweise verursache die verwendete Strahlung so viel Schaden an der DNA, dass das PUMA-Schutzprogramm aktiviert werde. Allerdings bedeutet dies auch, dass rund 90 Prozent der betroffenen Blut- und Stammzellen absterben. Die überlebenden Stammzellen müssen also einerseits den entstandenen DNA-Schaden beheben, sich aber andererseits um die Neubildung der abgestorbenen Blutzellen kümmern. Dies setze die Stammzellen unter großen Druck bei der Zellteilung, was erneut Zellschäden hervorrufen könne, so Villunger.

 

MedUni Innsbruck/PH, Ärzte Woche 34 /2010

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