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Foto: Spezielle Gynäkologie AKH
v.l.n.r. Dr. Daphne Gschwantler-Kaulich, Prof. Dr. Michael Seifert, Dr. Anne-Catharina Dressler, Prof. Dr. Christian Singer, Mag. Renate Lichtenschopf, Mag. Theresia Mühlbauer, Dr. Georg Pfeiler (alle: Arbeitsgruppe für spezielle Gynäkologie/Brustgesundhe
 
Onkologie 10. November 2009

Schwangerschaft und Brustkrebs

Diagnose und Therapie stellen für das Ungeborene große Risiken dar. Von Mag. Peter Bernthaler

Die Inzidenz schwangerschaftsassoziierter Brustkrebsfälle ist aufgrund des zunehmenden Alters schwangerer Frauen steigend. Prof. Dr. Christian Singer, Abteilung für spezielle Gynäkologie, Brustgesundheitszentrum am AKH Wien (siehe Kasten 1), ging im Rahmen der Veranstaltung „Brustkrebstherapie 2009“ am 9. Oktober in Wien vor rund 200 Ärzten auf Fragen des Risikos, der Diagnose, Behandlung und Prognose sowie auf die Frage der Fertilität nach Brustkrebs ein.

 

Brustkrebs ist nach dem Zervixkarzinom das zweithäufigste Malignom in der Schwangerschaft und gilt dann als schwangerschaftsassoziiert, wenn das Mammakarzinom während oder binnen eines Jahres nach der Geburt diagnostiziert wird (siehe Kasten 2). Schwangerschaftsassoziierte Mammakarzinome werden häufig später diagnostiziert und sind mit einer schlechten Prognose verbunden, auch wenn insgesamt Graviditäten zu einer Verringerung des Brustkrebsrisikos führen. So senken eine frühe Erstgeburt (im Alter unter 35 Jahren), multiple Schwangerschaften und Stillen das Brustkrebsrisiko. Allerdings haben Gebärende (Para) vor dem 40. Lebensjahr ein höheres Brustkrebsrisiko als Nullipara. Dieses Risiko sinkt dann für Para ab dem 40. Lebensjahr.

Mehrmalige Schwangerschaften reduzieren das Brustkrebsrisiko bei BRCA 1-Mutationsträgerinnen, erhöhen es jedoch bei BRCA 2-Mutationsträgerinnen, weswegen Singer den protektiven Effekt der Schwangerschaft als „verzögert und inkonsistent“ bezeichnet.

Erschwerte Krebsdiagnose während der Schwangerschaft

Die Brustkrebsdiagnose während der Schwangerschaft birgt eine ganze Reihe von Problemen: Die Palpation ist wegen der erhöhten Dichte und Größe der Brust wie auch durch Mamillensekretion erschwert.

Eine Mammographie (2-4 mGy pro Untersuchung) mit Abdominalschutz kann, verbunden mit einem Minimalrisiko, durchgeführt werden. Die Interpretation der Mammogramme ist allerdings wegen hoher Brustdichte und niedriger Sensitivität schwierig. Daher bietet sich der Brustultraschall als deutlich einfacheres und sensitiveres Mittel an. Die Effekte von Strahlenexposition auf den Feten orientieren sich an geschätzten Schwellwertdosen:

  • In der Präimplantationsperiode (0-2 Wochen postcoitus) kann es zum Tod oder überhaupt keiner Auswirkung kommen (Schwellwertdosis 50-100 mGy).
  • In der zweiten bis achten Woche postcoitus sind bei 200 mGy kongenitale Anomalien und Wachstumsretardierung möglich.
  • In der Fetalperiode (8.-15. Woche pc, Schwellwertdosis 60-310 mGy) können schwere mentale Retardierung, intellektuelles Defizit oder Mikrozephalie eintreten.
  • Im Zeitraum von der 16. bis zur 25 Woche postcoitus (Schwellwertdosis 250-280 mGy) besteht ein niedriges Risiko schwerer mentaler Retardierung.

Gravierende Risiken einer Therapie

Eine Brustkrebstherapie in der Schwangerschaft ist prinzipiell wie bei nicht graviden Frauen möglich, birgt jedoch das Risiko von Spontanabort und vorzeitigen Wehen. Eine Strahlentherapie ist wegen Teratogenität und des Risikos von pädiatrischen Tumoren kontraindiziert.

Das Problem bei Chemotherapien besteht darin, dass fast alle einsetzbaren Substanzen plazentagängig sind und damit zum Feten gelangen. Generell erhöht eine Chemotherapie das Frühgeburtrisiko. Die Gefahr kongenitaler Malformationen und von Aborten ist abhängig von Gestationsalter und Therapie-Art: Methotrexat ist kontraindiziert, häufig werden Anthrazykline verwendet, mit Taxanen gibt es laut Singer weniger Erfahrung.

Schwangerschaft nach Brustkrebs

Welches Risiko besteht nun für Frauen, die nach Brustkrebs-Erkrankung schwanger werden oder werden wollen? Zunächst muss festgestellt werden, dass Schwangerschaften nach Brustkrebs deutlich seltener, bei Frauen bis 35 Jahre in nur acht Prozent zu einer Austragung führen. Auch die Rate an Spontanaborten ist mit bis zu 25 Prozent hoch, wobei die Ursachen bislang unklar sind: Man weiß nicht genau, welche Rolle das Hormonprofil oder beispielsweise eine systemische Therapie spielen. Singer verweist auf klinische Daten aus neun Studien mit insgesamt 1.000 Patientinnen, die keinen Überlebensnachteil für schwangere Frauen nach Mammakarzinom ergeben haben.

Noch nicht geklärt ist laut Singer, welches das „ideale Intervall“ zwischen einer Brustkrebstherapie und einer darauf folgenden Konzeption sei.

 

Quelle: Brustkrebstherapie 2009 – aus der Klinik für die Praxis, 9. Oktober 2009, Palais Ferstel, Wien

Kasten 1:
Brustgesundheitszentrum im AKH Wien
Mit der speziellen Gynäkologie verfügt das Wiener AKH über eine der größten senologischen Abteilungen in Mitteleuropa. Ein Tumorboard mit Spezialisten der Bereiche Gynäkologie, Radiologie, Onkologie, (plastischer) Chirurgie, Psychoonkologie und Pflege betreut Patientinnen aus ganz Ost-Österreich multidisziplinär und ganzheitlich. Die institutionalisierte Zusammenarbeit ermöglicht optimierte und maßgeschneiderte Behandlungen nach modernsten Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft. „Dabei geht es uns nicht nur um das Organ Brust“, so Prof. Dr. Christian Singer, „als Gynäkologen steht die Frau als Ganzes mit allen Ängsten und Bedürfnissen in der Ausnahmesituation ‚Brustkrebs’ im Zentrum unserer Aufmerksamkeit.“
Einen wichtigen Schwerpunkt nimmt die genetische Beratung bei familiär bedingtem Brust- und Eierstockkrebs ein. Die Universitätsfrauenklinik verfügt über eine der modernsten Mutationsanalytik-Anlagen in Europa. Die genetische Untersuchung auf Veränderungen im BRCA 1/2 Gen mittels Blutabnahme steht allen Frauen zur Verfügung, deren Familienanamnese den Untersuchungskriterien entspricht. Die Untersuchung ist kostenlos und wird im Rahmen einer umfassenden Beratung angeboten. Bei einem positiven Ergebnis kann eine prophylaktische Brustentfernung durchgeführt werden, die zu fast 95 Prozent vor Erkrankung schützt.
 Informationen über Angebot und Ambulanzzeiten der Arbeitsgruppe für Spezielle Gynäkologie unter http://www.meduniwien.ac.at/brustCC/.
Kasten 2:
Besonderheiten von schwangerschaftsassoziiertem Mammakarzinom
• Zunahme von schwangerschaftsassoziiertem Mammakarzinom.
• Dualer und altersabhängiger Effekt von Schwangerschaft auf Brustkrebsrisiko.
• Oft späte Krebs-Erkennung, Diagnose und Staging sind problematisch.
• Operation und Chemotherapie während der Schwangerschaft sind prinzipiell möglich, eine individuelle Planung der Therapie notwendig.
• Reduzierung der Fertilität durch chemotherapie- induzierte Amenorrhoe.
• Eine Schwangerschaft nach Brustkrebs ist nicht riskant, der optimale Zeitpunkt ist jedoch unklar.

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