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Onkologie 3. November 2009

Entfernen oder belassen?

Wie vorteilhaft die Lymphadenektomie für welche Krebspatienten tatsächlich ist, wird derzeit diskutiert.

Bei Krebsoperationen werden auch Teile von befallenen Organen, umliegendes Fettgewebe und befallene oder naheliegende Lymphknoten entnommen. Neue Daten wecken nun Zweifel an der Sinnhaftigkeit der generellen Lymphadenektomie, denn nicht alle Patienten profitieren davon.

 

Das Lymphsystem und seine Funktionen sollen Krebspatienten erhalten bleiben. Chirurgen versuchen deshalb, es bei der Entfernung von Tumoren so wenig wie möglich zu beschädigen und gesundes Körpergewebe zu erhalten. Wichtig sei es, dabei sämtliche Tumorteile zu entfernen. „Unzählige Studien der Vergangenheit haben gezeigt, dass Patienten mit Krebserkrankungen im Bauchraum und Verdauungstrakt eine höhere Überlebensrate haben, wenn eine umfassende Entfernung des Primärtumors und der regionalen Lymphknoten gelingt“, so Prof. Dr. Joachim Jähne, Diakoniekrankenhaus Hannover, am Kongress „Viszeralmedizin 2009“ der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) Anfang Oktober 2009 in Hamburg. Die DGAV empfiehlt seit einigen Jahren, bei Tumoren im Enddarm das umliegende gesunde Fettgewebe mit zu entfernen. Dadurch wurde das Rückfallrisiko für Patienten von 30 auf fünf Prozent gesenkt. Lymphknoten entfernen Chirurgen bei vielen Operationen ebenfalls, denn die Untersuchung von befallenen und nicht befallenen Lymphknoten liefert wichtige Hinweise auf das Erkrankungsstadium.

Epidemiologische Daten stellen diesen chirurgischen Standard jedoch infrage: Das Team um Prof. Dr. Dieter Hölzel vom Tumorregister München (TRM) des Klinikums Großhadern wertete internationale Studien von bis zu 30 Jahren sowie Daten des TRM aus – mit dem Ergebnis, dass Krebszellen in Lymphknoten keine weiteren Metastasen verursachen. Ihre Entfernung, insbesondere die Entfernung umliegender, nicht befallener Lymphknoten, sei überflüssig und könne Nebenwirkungen haben. Je nachdem wie umfassend der Eingriff in das Lymphsystem ist, können Betroffene unter Taubheitsgefühlen, Bewegungseinschränkungen oder Nervenschäden leiden. Die Daten zeigen auch: Werden nicht befallene, umliegende Lymphknoten in einer Operation systematisch entfernt, sinkt die Überlebensrate der Patienten.

„Wir prüfen derzeit, ob diese Daten zutreffend sind und – wenn ja – wo und wie diese Erkenntnisse unsere Behandlungsmethoden und Leitlinien ergänzen und verbessern können“, betonte Jähne. Welche Operationsmethoden das Überleben verlängern, ist wichtiger Bestandteil der onkologischen Chirurgie. Beispielsweise sei es bei Magenkrebs bekannt, dass nicht alle Patienten von einer Lymphadenektomie profitieren. Vor der Operation zu bestimmen, welche Patienten dadurch Vorteile haben und welche nicht, ist bisher jedoch nicht möglich. Daher muss es das primäre Ziel sein, möglichst viele Lymphknoten zu resezieren, um zu einer wirklich relevanten Diagnose zu gelangen, da sich dann prognostische Vorteile ergeben können. „Unser langfristiges Ziel in der Behandlung von Tumorerkrankungen im Bauchraum besteht darin, die Patienten zu identifizieren, die von der Lymphadenektomie profitieren“, meinte Jähne. Die neuen epidemiologischen Daten zeigen, wie wichtig die Weiterentwicklung individualisierter Therapiestrategien ist. Es sei jedoch allein aufgrund der Münchener Ergebnisse völlig verfrüht, die Lymphadenektormie an sich infrage zu stellen. Im Übrigen stellt die Lymphadenektomie und damit die Zahl möglicher befallener Lymphknoten die Grundlage für zusätzliche chemotherapeutische Maßnahmen dar, die gerade beim Dickdarmkrebs ein unverzichtbarer Bestandteil einer modernen und wissenschaftlich fundierten Behandlung sind. Nur durch die Entfernung der Lymphknoten können diese Behandlungskonzepte realisiert werden.

DGVS/DGAV/PH, Ärzte Woche 45 /2009

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