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Onkologie 1. März 2008

Seitdem mir der Arzt gesagt hat 'Tumor' – Das war's.

Erkennen und Eingehen auf die Relevanzen und Anliegen von Patienten stellen eine zentrale Grundlage für Patienten-Orientierung dar. Die vorliegende qualitative Studie untersucht mittels Methoden der linguistischen Gesprächsforschung den ärztlichen Umgang mit Relevanzen und Anliegen von Patienten. Datengrundlage bilden Tonaufnahmen von 20 Erstgesprächen zwischen Arzt und Patient an einer onkologischen Ambulanz in Österreich. Zusätzlich wurden soziodemographische Daten aller teilnehmenden Personen erhoben, sowie Ärzte und Patienten nach dem Gespräch gebeten, ihre Zufriedenheit damit einzuschätzen. Im Rahmen einer Makroanalyse werden die Verteilung von Sprechzeiten und die thematischen Verläufe in den Arzt-Patient-Gesprächen untersucht. Es zeigt sich, dass ca. 34% der zur Verfügung stehenden Gesprächszeit auf andere Aktivitäten als das eigentliche Gespräch zwischen Arzt und Patient entfallen. In der tatsächlichen Gesprächszeit zwischen Arzt und Patient kommt der Patient ca. halb so viel zu Wort wie der Arzt. Thematisch nimmt "Aufklärung über die Chemotherapie" am meisten Zeit in Anspruch. Themen wie "Information über Krankheitsstadium" bzw. "Ansprechen psychologischer und sozialer Fragen" nehmen vergleichsweise wenig Platz ein. In Mikroanalysen zeigt sich, dass Patienten immer wieder versuchen, auf für sie besonders relevante Themen hinzuweisen. Sie tun dies jedoch meist sehr subtil und implizit mit Hilfe sogenannter "Relevanzmarkierungen", d.h. sprachlicher und interaktiver Mittel wie z.B. ein Wechsel in der Lautstärke oder Sprechweise, die Verwendung drastischer Metaphern oder Verzögerungen. Ärzte übergehen derartige Initiativen der Patienten jedoch häufig und verfolgen ihre eigenen, oft von institutionellen Erfordernissen geprägten Relevanzen. Exemplarisch wurden vier Gespräche ausgewählt, anhand derer aufgezeigt wurde, wie Patienten für sie relevante Themen markieren und wie darauf von ärztlicher Seite reagiert wird. Es zeigt sich, dass das Übergehen der Relevanzmarkierungen dazu führt, dass Patienten immer wieder versuchen, ihr Anliegen darzulegen, was den weiteren Ablauf der Kommunikation stört und die Zufriedenheit beider Gesprächspartner negativ beeinflusst. Das Eingehen des Arztes hingegen erhöht die Zufriedenheit von Arzt und Patient mit dem Gespräch. Weiters führt das nicht, wie möglicherweise befürchtet, zu einer Erhöhung der Gesprächsdauer.

Marlene Sator, Andreas Gstettner, Birgit Hladschik-Kermer, Wiener klinische Wochenschrift

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