zur Navigation zum Inhalt
Foto: Privat
Die Psychoonkologie-Experten Prof. DDr. Uwe Koch-Gromus, Prof. Dr. Hellmut Samonigg, Elisabeth Andritsch und William Breitbart, MD, beim Pressegespräch im Wiener Restaurant „Hansen“ (von links nach rechts im Bild)
 
Onkologie 9. September 2009

Die psychischen Leiden von Krebskranken lindern

Der Weltkongress der Psychoonkologen tagte in Wien.

Auf die Diagnose Krebs folgen neben den körperlichen oft auch schwere seelische Belastungen. Bleiben sie unbehandelt, verringert sich laut Experten für Psychoonkologie nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen, sondern auch die Lebensdauer.

 

Diagnose: Krebs. Wer diesen Befund jemals stellen musste, weiß, wie schwer es ist, ihn an die Betroffenen weiterzugeben. „Patienten empfinden diese Diagnose als existenzielle Bedrohung. Immerhin 70 Prozent sind in der Lage, dies auch ohne psychologische oder psychotherapeutische Betreuung zu bewältigen. Für die restlichen 30 Prozent gilt dies nicht. Sie reagieren mit schweren psychischen Symptomen bis hin zu Suizidgedanken“, stellte Elisabeth Andritsch, leitende klinische Psychologin an der Klinischen Abteilung für Onkologie der Medizinischen Universitätsklinik Graz, anlässlich des Weltkongresses für Psychoonkologie vom 21. bis 25. Juni in Wien fest.

Das wesentliche Ziel der Psychoonkologie bestehe deshalb darin, dafür zu sorgen, dass diese Menschen mit ihren Sorgen und Ängsten nicht allein blieben. Andritsch: „Es gibt wissenschaftliche Belege dafür, dass psychische Probleme, die zum Zeitpunkt einer Krebsdiagnose entstehen, mittel- und langfristig bestehen bleiben, wenn kurzfristig keine spezifische Betreuung begonnen wird.“

Großer Nachholbedarf

„Nur jeder zweite Krebspatient, der aufgrund der psychischen Belastungen durch seine Erkrankung eine spezifische, zusätzliche Therapie benötigen würde, wird überhaupt als solcher erkannt. Nur jeder vierte wird auch adäquat behandelt“, betonte Prof. DDr. Uwe Koch-Gromus, Dekan des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Symptome wie Angst und Depression würden häufig nicht entdeckt, weil die Betroffenen nicht als „schwache Personen“ gesehen werden wollen und nicht von sich aus über diese psychischen Belastungen sprechen. Andererseits unterschätzen die betreuenden Teams jedoch auch häufig den Schweregrad psychischer Symptome bei Krebspatienten und deren Behandlungsbedürftigkeit.

Wenn psychische Komorbiditäten nicht entsprechend therapiert werden, wirkt sich dies jedoch nicht nur auf die Lebensqualität der Patienten negativ aus, sondern die Aufenthaltszeiten im Krankenhaus verlängern sich dadurch auch nachweislich. „Zudem zeigen Studien, dass diese psychische Unterversorgung letztlich zu früherem Tod führen kann“, so Koch-Gromus. „Das scheint auch leicht erklärbar, da bei psychischen Belastungen mit höherer Wahrscheinlichkeit mit einer schlechten Compliance gerechnet werden muss.“

Das „Grazer Modell“

Im Rahmen des „Grazer Modells“ sind deshalb vier psychoonkologische Betreuer in das Team der Abteilung für Onkologie und Palliativmedizin des Universitätsklinikums der steirischen Landeshauptstadt integriert. „Wir haben diesen Weg schon vor 20 Jahren eingeschlagen und beziehen die Expertinnen und Experten für Psychoonkologie sowohl bei interdisziplinären Besprechungen als auch bei den Visiten mit ein“, erklärte Prof. Dr. Hellmut Samonigg, Vorstand der Abteilung für Onkologie der Medizinischen Universitätsklinik Graz.

Die spezifische psychoonkologische Betreuung, die in der steirischen Landeshauptstadt in Anspruch genommen werden kann, umfasst Einzelberatung und -psychotherapie, Krisenintervention und Informationsgespräche, aber auch Familienberatung und -psychotherapie. „Konflikte, die in einer Familie schon vorher bestanden haben, eskalieren häufig schlagartig, wenn für ein Familienmitglied die Diagnose Krebs gestellt wurde“, so Samonigg.

Kinder nicht allein lassen

Die Familie oder der Partner ist meist für die Alltagsversorgung des Patienten und die emotionale Zuwendung zu ihm verantwortlich. Die Angehörigen müssen aber auch selbst lernen, mit der neuen Situation zu leben und diese zu verarbeiten. Dazu Elisabeth Andritsch: „Für Kinder ist es besonders schwierig, zu bewältigen, dass ein Angehöriger Krebs hat. Häufig wird angenommen, es sollte am besten gar nicht mit ihnen darüber gesprochen werden. Deshalb sagen wir Eltern, wie wichtig es ist, Kindern die Krankheit und deren Folgen in einer altersgemäßen Form zu erklären.“

Was für den deutschen Sprachraum zutrifft, gilt auch auf internationaler Ebene: „Die psychischen und emotionellen Probleme von Tumorpatienten und deren Familien erhalten noch nicht die notwendige Aufmerksamkeit“, betonte William Breitbart, MD, Leiter der psychiatrischen Betreuung im Memorial Sloan-Kettering Cancer Center, New York, und Präsident der internationalen Gesellschaft für Psychoonkologie (IPOS) anlässlich des Weltkongresses in Wien. „Wir wünschen uns mehr psychologische Betreuung. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass die Behandlung von Krebspatienten ein Screening psychischer Belastungen beinhaltet.“

Kasten:
Arzt und Patient im Gespräch
Die Diagnose Krebs an einen Patienten weiterzugeben, wird stets eine Herausforderung bleiben, die nur schwer bewältigt werden kann. Kommunikationstraining, das jetzt auch vermehrt Bestandteil des Medizinstudiums ist, kann dafür Hilfestellungen geben. Das gilt auch für Fortbildungsveranstaltungen, wie etwa die Reihe „Open Mind – Arzt und Patient im Gespräch“ der Austrian Breast Cancer Study Group, www.abcsg.at.
Als bewährtes Modell, wie Gespräche mit Patienten strukturiert werden können, gilt die „SPIKES“- oder „Sechs-Schritte-Methode“, die das Eingehen auf die Emotionen des Patienten als den wichtigsten und zugleich schwierigsten Schritt beschreibt:
S Vorbereitung der Gesprächssituation (Getting the Setting right): zum Beispiel indem versucht wird, jede Form von Störungen des Gesprächs von vornherein auszuschließen
P Was nimmt der Patient wahr (What the patient perceives): nachfragen, wie der Patient seine gesundheitliche Situation und die Betreuung erlebt, bevor ihm die neuen Informationen gegeben werden
I Nur auf „Einladung“ des Patienten hin alle Informationen mitteilen (An invitation to share the news): zum Beispiel indem der Patient gefragt wird, ob er sämtliche Fakten über seine Krankheit erfahren will oder ob er vielleicht lieber nur wissen will, welche Behandlungen vorgesehen sind
K Wissen vermitteln (Giving the Knowledge): Bevor schlechte Nachrichten ausgesprochen werden, sollte eine Vorwarnung erfolgen, zum Beispiel in der Form: „Ich habe Ihnen nun leider etwas Unangenehmes mitzuteilen…“
E In den Patienten einfühlen, seine Gefühle näher bestimmen und auf diese eingehen (Empathising and exploring the patients emotions): Dem Patienten gut zuhören, erspüren, was ihn bewegt, und das auch selbst zum Ausdruck bringen, zum Beispiel durch Äußerungen wie: „Das ist sicher ein Schock für Sie“ oder: „Das ist gewiss nicht, was Sie hören wollten.“
S Planung und Zusammenfassung (Strategy and summary): Das Gesagte zusammenfassen und so auch nochmals sicherstellen, dass der Patient alles richtig verstanden hat sowie die nächsten Behandlungsschritte planen.
Eine ausführliche Darstellung der SPIKES-Methode enthält der Artikel: „Breaking bad news: the S-P-I-K-E-S strategy“, von Robert A. Buckman, MD, PhD, erschienen in: COMMUNITY ONCOLOGY, March/April 2005, Seite 138 ff., www.communityoncology.net

Von Dietmar Schobel, Ärzte Woche 37 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben