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Nephrologie 24. Juni 2013

Wachsende Zahl an Dialysepatienten

Internationale Experten diskutieren in Wien über Früherkennung, Prävention und Innovationen in der Therapie.

Rund 8.500 Menschen leben in Österreich laut Österreichischem Dialyse- und Transplantationsregister bereits mit einer Dialyse oder einem funktionierenden Nierentransplantat. Die 11. Wiener Gefäßgespräche, veranstaltete vom Gefäßforum Österreich (GFÖ) waren dem Thema „Niere – Ersatz – Therapie“ gewidmet. Im Fokus stand dabei der interdisziplinärer Dialog.

„Eines der brennenden Themen und Herausforderungen unseres Gesundheitssystems sind Dialysepatienten, die sehr herausfordernde Erkrankungsmuster aufweisen. Derzeit gehen wir davon aus, dass aufgrund der steigenden Zahl an Betroffenen, welche Hauptrisikofaktoren wie Bluthochdruck und Diabetes sowie ein höheres Alter aufweisen, die Zahl der Dialysefälle weiter ansteigen wird“, erklärte Doz. Dr. Afshin Assadian, Leiter der Gefäßchirurgie am Wilhelminenspital Wien. Um trotzdem ein funktionierendes Versorgungssystem gewährleisten zu können, sind Anpassungen und Weiterentwicklungen des bestehenden Systems notwendig. Assadian plädierte für umfassende Maßnahmen in den Bereichen Diagnostik, Sekundärprävention sowie einer stabilen Struktur der dialysechirurgischen Versorgung. „Medizinisch-wissenschaftliche Studien belegen, dass eine rechtzeitige Früherkennung und geeignete Therapie die Dialyse verhindern oder zumindest verzögern kann“, so Assadian.

Schleichende Erkrankung

Nierenerkrankungen bleiben lange unbemerkt und verlaufen meist schleichend. Etwa zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Österreich weisen eine eingeschränkte Nierenfunktion, etwa die Hälfte eine signifikant eingeschränkte. Erste Anzeichen sind Müdigkeit und Leistungsschwäche. „Im fortgeschrittenen Stadium kommt es zu geringerer Harnausscheidung, Ödemen, arterieller Hypertonie, Anämie, Muskelschwäche und Appetitlosigkeit. Wird die Nierenfunktion nicht rechtzeitig verbessert, entwickelt sich oft eine terminale Niereninsuffizienz, die in Folge eine Dialyse oder eine Nierentransplantation notwendig macht“, erklärte Dr. Christian Moser, GFÖ Vorstand und Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie am Wilhelminenspital Wien.

Früherkennung durch Screening

Die Zahl der Dialysepatienten in Österreich beträgt derzeit 4.238. Während lange Zeit vermehrt an der Verbesserung der Dialysetherapie geforscht wurde, legt man seit einigen Jahren den wissenschaftlichen Fokus verstärkt auf den Prädialysebereich. Therapien in der Prädialyse sind beispielsweise die Infusions- oder Medikamententherapie. Vor allem das Screening der pathologischen Nierenwerte und der Harnbefunde bei Risikopatienten mit Diabetes mellitus und arterieller Hypertonie kann erste Anzeichen für ein zunehmendes Nierenversagen aufdecken. Im Mittelpunkt der Prävention stehen das Erkennen der Risikopatienten seitens der behandelnden Ärzte sowie Aufklärung und die flächendeckende Risikominimierung (z. B. gesündere Lebensführung). „Auch zusätzliche Maßnahmen wie Kommunikations- und Schulungsinitiativen bei Bezirksärzteveranstaltungen, Pflegeschulen, Selbsthilfegruppen etc. müssen forciert werden“, empfahl Moser.

Vielsichtige Ursachen

Zu den Hauptrisikofaktoren zählen arterielle Hypertonie ebenso wie Diabetes mellitus. Nikotinabhängigkeit und auch der Altersfaktor spielen gleichsam eine Rolle. Aber auch verschiedenste Krankheiten können zur Nierenschädigung führen, wie beispielsweise Nierensteine, chronische Nierenentzündungen, Nierenkrebs, Nierenbeckenentzündungen oder auch die unsachgemäße Einnahme von Schmerzmitteln.

Strenge Diät und starke Medikation: Verlust der Lebensqualität

Trotz massiver Verbesserungen in der Dialysetherapie bedeutet terminale Niereninsuffizienz für Betroffene noch immer eine sehr strenge Lebensführung mit erheblich eingeschränkter Lebensqualität. Abgestimmte Ernährungspläne, Beobachtung der zugeführten täglichen Trinkmengen, medikamentöse Therapie, Injektionen und mehrmals wöchentlich Krankenhausbesuche sind für Dialysepatienten unumgänglich. Dadurch wird versucht, auch gegen andere Krankheitsrisiken wie renale Anämie, arterielle Hypertonie, Hyperphosphatämie, einen gestörten Vitamin-D-Stoffwechsel oder auch eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen anzukämpfen. „Nicht nur körperlich, auch psychisch besteht für Patienten oftmals enormer Leidensdruck, deshalb sind einerseits die soziale, andererseits finanzielle Unterstützung gerade wegen hoher Therapiekosten besonders wichtig“, erklärte Moser.

Nierentransplantation im Vorteil gegenüber Dialyse

Bei bereits bestehender dialysepflichtiger Niereninsuffizienz ist jeweils die nach wissenschaftlicher Evidenz und unter der Berücksichtigung der individuellen Lebensumstände des Patienten geeignete Therapieoption zu wählen. Aus medizinischer und ökonomischer Sicht liegt bei der Nierentransplantation laut Moser ein deutlicher Vorteil gegenüber den verschiedenen Dialyseverfahren vor – die Belastung und der Lebensqualitätsverlust sind weniger hoch. Innerhalb dieser ist die Heimdialyse (Peritonealdialyse und Heim-Hämodialyse) gegenüber der Zentrums-Hämodialyse medizinisch zumindest gleichwertig. Die Peritonealdialyse setzt aber eine gute Kooperation und relativ wenige Begleiterkrankungen des Patienten voraus. Diese Methode ist zwar schonend, der Nachteil ist aber ein hohes Infektionsrisiko der Katheter. Bei einer Heim-Hämodialyse ist die Lebensqualität aufgrund der geringeren Einschränkung der Bewegungsfreiheit sowie der Hygienesituation besser. Die Zentrumsanalyse im Spital ist wiederum weniger kostspielig, bringt also ökonomische Vorteile.

Neue Hybrid-Gefäßprothesen

Eine neue Therapieoption in der Dialysechirurgie stellen Hybrid-Gefäßprothesen dar. Diese innovativen Dialysezugänge aus expandiertem Polytetrafluorethylen verfügen über einen mit Nitinol verstärkten Abschnitt, der auch in Gefäße einfach eingesetzt werden kann, die auf herkömmliche Weise schwierig zu erreichen sind oder sich an anatomisch problematischen Stellen befinden, wodurch die Anzahl verfügbarer Zugangsstellen im langfristigen Therapieverlauf eines Dialysepatienten aufrechterhalten bzw. erweitert werden kann. Als zusätzliche Vorteile der Hybridprothese werden das nahtlose Anbringen einer Anastomose, eine verbesserte Hämodynamik sowie die Reduktion unerwünschter Komplikationen wie Intimahyperplasie, Thrombosen und Serome genannt. Eine optionale drahtgeführte Einführmethode senkt zudem das Risiko von Gefäßverletzungen.

Hohe Kosten für das Gesundheitssystem

Das Gesundheitssystem steht durch die hohen Therapiekosten einer Nierenersatztherapie unter Druck. Nachsorge und Folgemedikation der Transplantation kosten jährlich zwischen 6.000 Euro und 12.500 Euro, die Dialyse dagegen je nach Methode zwischen 25.000 und 50.000 Euro pro Jahr und Patient. Insgesamt werden jährlich in Österreich etwa 172 Millionen Euro für Dialysepatienten ausgegeben.

Förderung von Forschung, Diagnose und Therapie

Das GFÖ stand heuer im Zeichen der interdisziplinären Zusammenarbeit zur Verbesserung der Versorgung von Dialysepatienten. Neben der Aufklärungs- und Informationsarbeit für Patienten widmet sich das GFÖ auch der Förderung von Forschung, Diagnose und Therapie rund um Gefäßerkrankungen.

Quelle: 11. Wiener Gefäßgespräche, 14. bis 15. Juni 2013, Wien

Daten und Fakten zur Niereninsuffizienz

• Etwa 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Österreich weisen eine eingeschrankte Nierenfunktion auf, davon etwa die Hälfte eine signifikante Einschränkung von unter 60 Prozent. Weniger als 1 Prozent aus dieser Gruppe weist eine terminale Niereninsuffizienz auf, die dialysepflichtig ist oder mittels Nierentransplantation versorgt wird.

• Die Zahl der Österreicher mit terminaler Niereninsuffizienz steigt. Derzeit leben laut Österreichischem Dialyse- und Transplantationsregister 8.458 Menschen mit der Dialyse oder einem funktionierenden Nierentransplantat.

• Gegenüber 2002 beträgt die Steigerung der Dialysepatienten etwa 33 Prozent. Der Neuzuwachs an chronischen Dialysepatienten beträgt jährlich rund 1.200.

• Ende 2012 waren 4.220 Patienten mit einem funktionierenden Nierentransplantat versorgt. Im letzten Jahrzehnt nahm diese Zahl im Durchschnitt um etwa 122 Patienten pro Jahr zu.

• In Summe werden in Österreich 49,9 Prozent der Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz mit einem Transplantat, 45,9 Prozent mit Hämodialyse in einem Dialysezentrum und etwa 4,2 Prozent mit Peritonealdialyse versorgt.

• Während für einen Peritonealdialysepatienten ein jährlicher Kostenaufwand von etwa EUR 34.000 besteht, sind es für einen Hämodialysepatienten EUR 41.200. Nachsorge und Folgemedikation der Transplantation kosten jährlich zwischen EUR 6.000 und EUR 12.500, die Dialyse dagegen je nach Methode zwischen EUR 25.000 und 50.000 pro Jahr und Patient.

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