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Nephrologie 4. Oktober 2012

EHFG 2012: Mehr Bewusstsein für Nierenerkrankungen

Über Nierenerkrankungen in frühen Stadien sollte mehr aufgeklärt werden, um die Erkrankung frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln.

Fortschreitende Nierenerkrankung kann Dialyse oder Nierentransplantation erforderlich machen. Lebendspende ist kostengünstiger als Dialyse und verbessert die Lebensqualität, so Experten beim EHF-Symposium "Be Aware of Your Kidneys" in Bad Hofgastein. Ein neues Organtransplantationsgesetz ist in Begutachtung.

 

Müssen Nierenerkrankungen verstärkt in das öffentliche Bewusstsein gerückt werden? "Ja", betont Prof. Dr. Erich Pohanka als Vorsitzender eines EHF-Symposiums in Bad Hofgastein. Der Nephrologe, Vorstand der 2. Medizinischen Abteilung am AKh Linz und Vorsitzender der "Österreichischen Gesellschaft für Nephrologie" (ÖGN) und von "Austrotransplant", begründet: "Öffentliche Aufmerksamkeit bekommen in der Regel nur Erkrankungen mit vielen Betroffenen. Wenn wir Nierenerkrankungen mit Dialysepflicht gleichsetzen, gibt es in Österreich tatsächlich relativ wenige Patienten." Nierenerkrankungen in frühen Stadien seien hingegen sehr häufig, daher müsse verstärkt aufgeklärt werden, um die Erkrankung frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln.

Jeder Zehnte hat eingeschränkte Nierenfunktion

Denn immerhin jeder zehnte Erwachsene leidet an einer eingeschränkten Nierenfunktion, macht Nierenspezialist Prof. Dr. Alexander Rosenkranz aufmerksam. Allerdings, so der Leiter der klinischen Abteilung für Nephrologie an der Universitätsklinik für Innere Medizin der Medizinischen Universität Graz, nehmen die meisten Betroffenen die Erkrankung zunächst gar nicht wahr, da Beschwerden erst nach Jahren oder Jahrzehnten auftreten. "Ein hohes Risiko für fortschreitende Nierenfunktionsstörungen haben Patienten mit Bluthochdruck und Diabetes", weiß Rosenkranz.

Bleibt die Erkrankung jahrelang unerkannt und unbehandelt, verlieren die Nieren ihre Entgiftungsfunktion und müssen ersetzt werden. Für diese so genannte Nierenersatztherapie gibt es heute drei Möglichkeiten: "Hämodialyse, also die klassische Blutwäsche dreimal die Woche an einem Zentrum, Peritonealdialyse, eine Form der Dialyse, die der Patient nach entsprechender Einschulung auch zu Hause durchführen kann und nur alle vier bis sechs Wochen am Zentrum vorstellig wird, oder Nierentransplantation", zählt Rosenkranz auf. Die Wartezeit für eine neue Niere beträgt in Österreich derzeit durchschnittlich drei Jahre, sodass "wir in Zukunft die Lebendspende forcieren müssen", so Rosenkranz. Derzeit erhalten in Österreich nur etwa zehn Prozent aller Betroffenen eine Lebendspende, in anderen Ländern, etwa in Norwegen, ist die Bereitschaft zur Organspende wesentlich höher. "Welche Form der Nierenersatztherapie letztlich für den Patienten in Frage kommt, müssen Arzt und Patient gemeinsam besprechen", betont Rosenkranz. Neben medizinischen Notwendigkeiten gilt es dabei auch, die persönliche Lebenssituation und die Wünsche des Patienten zu berücksichtigen.

Prof. Dr. Rainer Oberbauer, Leiter der Abteilung für Nieren- und Hochdruckerkrankungen, Transplantationsmedizin (Interne III) am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz, zeigt auf, dass die Lebendspende, sofern medizinisch möglich, längerfristig sogar das kostengünstigste Verfahren ist: "Die Kosten für eine Dialyse sind hoch und bewegen sich je nach Ersatzverfahren im Bereich um 50.000 Euro pro Jahr und Patient", berichtet Oberbauer. "Eine Transplantation ist zwar anfänglich teurer, ab dem zweiten Jahr nach der Transplantation sind die Kosten jedoch deutlich geringer als jene, die für die Dialyse aufgebracht werden müssen." Diese deutliche Kosteneffizienz einer rechtzeitigen Lebendspende konnte in mathematischen Modellen eindeutig dargestellt werden.

Nicht zu unterschätzen sei zudem der Gewinn an Lebensqualität, wenn der Patient eine Spenderniere erhält. Oberbauer: "Hämo- und Peritonealdialyse erreichen bei vielen Befragungen meist niedrigere Werte hinsichtlich der Lebensqualität im Vergleich zur Nierentransplantation." Oberbauer fordert daher ebenso, die Aufklärung über die Möglichkeit zur Lebendspende und damit die Bereitschaft für eine solche Spende zu erhöhen.

"In Folge der EU-Richtlinie über Qualitäts- und Sicherheitsstandards für zur Transplantation bestimmte menschliche Organe muss in Österreich die gesetzliche Regelung über Organtransplantation überarbeitet werden", berichtet Dr. Maria Kletecka-Pulker, Institut für Ethik und Recht in der Medizin, Medizinische Universität Wien. Dieses neue Organtransplantationsgesetz (OTPG) wird derzeit begutachtet und enthält erstmals explizite rechtliche Regelungen für eine Lebendspende. "Organe dürfen nur freiwillig und unentgeltlich gespendet werden. Dies schließt aber nicht aus, dass der Spender eine angemessene Entschädigung für Verdienstentgang und andere angemessenen Ausgaben bekommt", zitiert Kletecka-Pulker zentrale Passagen des Gesetzesentwurfs. Da es sich bei der Entnahme der Nieren nicht um einen medizinisch indizierten Eingriff handelt, ist eine umfassende ärztliche Aufklärung verpflichtend, auf die der Spender auch nicht verzichten kann.

Für den Empfänger stellt die Transplantation im Gegensatz zum Spender einen medizinisch notwendigen Eingriff dar, der sich nach den allgemeinen Regelungen richtet: So ist für die Durchführung einer Organtransplantation die Einwilligung des Patienten und die medizinische Indikation erforderlich. Liegt eine der Voraussetzungen nicht vor, darf der Eingriff nicht durchgeführt werden, denn Patienten können eine medizinische Maßnahme ablehnen. "Selbstverständlich muss auch der Empfänger umfassend ärztlich etwa hinsichtlich der Risiken und alternativer Heilmethode aufgeklärt werden."

Dr. Franz Vranitzky, Bundeskanzler a.D., stand vor etwa acht Jahren vor der Entscheidung einer Lebendspende. "Meine Frau litt seit Jahrzehnten an einer Nierenerkrankung und war bereits transplantiert. Allerdings begann dieses Ersatzorgan müde zu werden." Nach intensiven, sehr einfühlsamen ärztlichen Gesprächen, bei denen kein Druck zur Lebendspende ausgeübt wurde, und nach den erforderlichen medizinischen Vortests stand sein Entschluss fest, seiner Frau eine seiner Nieren zu spenden. "Die Operation und alle Nachsorgeuntersuchungen sind gut verlaufen", betont der frühere Bundeskanzler. "Das Organ meiner Frau funktioniert nach wie vor bestens und heute sind wir dankbar, dass wir uns damals zu diesem Schritt entschlossen haben!"

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