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Kardiologie 26. September 2007

Forschung und Praxis im Wettlauf

Der Kongress der Europäischen Kardiologischen Gesellschaft (ESC) bot den Rahmen zur Präsentation neuester Forschungsergebnisse. Eine internationale Kooperation mit österreichischer Beteiligung treibt die Entwicklung einer stammzellbasierten Therapie bei Herzinfarkt voran. Gleichzeitig trägt die angewandte Stammzelltherapie in Deutschland erste Früchte.

 Fakten

Präsentiert wurden die Ergebnisse der Zusammenarbeit österreichischer, ungarischer, spanischer und deutscher Institute von Doz. Dr. Mariann Gyöngyösi. Sie ist Leiterin der experimentellen Gruppe der Herzkatheter-Stammzellforschung unter Prof. Dr. Dietmar Glogar und tätig an der Universitätsklinik für Innere Medizin II, AKH Wien.

Rückschlag im Vorjahr: von der Klinik zurück ins Labor?

Im Jahr 2006 waren hinsichtlich der Stammzelltherapie beim Herzinfarkt mehrere Studien zu negativen Ergebnissen gekommen. Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit dieses therapeutischen Ansatzes schienen in Frage gestellt, und es wurden vermehrt grundlegende experimentelle Studien verlangt. Der ESC-07 gab diese Grundstimmung wieder: „Stem cells: from bedside to bench again?“ oder „Critical issues in stem cell research“ lauteten manche Sitzungsnamen.
Dementsprechend aktuell sind die von Gyöngyösi vorgestellten Forschungsergebnisse. Am ESC-07 wurde die Studie für eine Präsentation der Höhepunkte des Kongresses ausgewählt.

Experimente am Großtier

Die Forschungsarbeiten wurden an Hausschweinen durchgeführt, denen zuerst Knochenmark entnommen wurde. Aus diesem Knochenmark wurden mesenchymale Stammzellen selektioniert und dergestalt modifiziert, dass sie einen speziellen Positronenemmissionstomographie (PET)-Tracer aufnehmen konnten. Kurz nach der Stammzellentnahme wurde den Paarhufern mittels Ballon-Katheter ein Herzinfarkt zugefügt.
Die PET-markierten Stammzellen wurden dann mit Hilfe spezieller 3D-Navigationstechnik perkutan in die Randzone des künstlichen Infarktes injiziert. Dieselbe Technik kommt auch bei perkutanen intramyokardialen Injektionen beim Menschen zur Anwendung, wie Gyöngyösi betont. 30 Stunden nach Zellinjektion wurde der erste PET-Scan durchgeführt, sieben Tage später eine weitere PET-Untersuchung. Das Resultat: eine gleichmäßige Verteilung der injizierten Stammzellen in der Infarktrandzone 30 Stunden nach der Stammzelltherapie. Eine Woche später konnte eine Wanderung der Stammzellen über Lymphgefäße in nahe liegende Gewebe nachgewiesen werden. Damit konnte das internationale Forscherteam in Großtierexperimenten (welche den Verhältnissen am Menschen wesentlich besser entsprechen als Kleintierversuche, wie Györgyösi hervorhob) nachweisen, dass die injizierten Stammzellen mindestens sieben Tage lang überleben und funktionstüchtig sind. Die von den Forschern entwickelte Methodik ist ebenfalls von Bedeutung: Sie erlaubt es, die Vitalität und Funktion der injizierten Stammzellen zu verfolgen. Die Wissenschaftler planen die Ausweitung der Experimente auf Dosis-Wirkungs- und Effektivitätsstudien.
Eine rezente Meta-Analyse der 18 bislang veröffentlichten kontrollierten Studien mit insgesamt 999 Patienten hat ergeben, dass Stammzelltherapie bei Herzinfarktpatienten zu einer Verbesserung der Herzpumpenfunktion führt: um 3,66 Prozent im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. In dieser Meta-Analyse wird die Anwendung von Stammzellen als Routinetherapie bei Herzinfarkt vorgeschlagen. Dazu Gyöngyösi: „Stammzelltherapie ist eine zusätzliche Therapieart. Die intrakoronare Gabe der Zellen ins offene infarktbezogene Gefäß bringt nur geringfügige zusätzliche Kosten mit sich.“

Ein Herzinfarkt in Düsseldorf bestätigt die Wissenschaftler

Inzwischen wurden die Forschungsergebnisse in der Praxis bestätigt: Am Düsseldorfer Universitätsklinikum hat sich ein Herzinfarkt-Patient nach Stammzelltherapie von einem kardiogenen Schock erholt, wie eine aktuelle Ausgabe der Deutschen Medizinischen Wochenschrift berichtet (DMW 2007; 132:1944-1948). Bei diesem Fall handelte es sich um einen 64-jährigen Patienten mit koronarer Dreigefäßerkrankung.
Vor 14 Jahren hatte der Mann bereits einen Vorderwandinfarkt erlitten. Anfang Mai diese Jahres war er erneut mit großem Vorderwandinfarkt hospitalisiert worden. Trotz akuter perkutaner koronarer Intervention (PCI) blieb der Patient über sechs Wochen in kardiogenem Schock: Abhilfe schaffte erst eine Knochenmarkstammzell-Transplantation. Die autolog gewonnenen Stammzellen wurden angereichert und in beide Koronararterien injiziert, mit dem Erfolg, dass eine gewisse Erholung eintrat: Innerhalb von neun Tagen verbesserte der linke Ventrikel seine Funktionsfähigkeit von 17 auf 28 Prozent. In weiterer Folge konnte die Beatmung beendet werden, der Patient konnte schließlich wach, orientiert und kreislaufstabil von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt werden.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 39/2007

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