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Medizinischer Fortschritt beginnt fast immer im Forschungslabor. Eisenhans/fotolia.com

 
Kardiologie 1. Juni 2016

Vom Labor in die Praxis – Kardiovaskuläre Grundlagenforschung vom Feinsten

Translationale Forschung spielt in der kardiovaskulären Medizin aktuell eine große Rolle. Bei den Cardiovasular Research Days in Heidelberg fand ein reger Austausch internationaler Wissenschafter statt.

Der Kongress wurde vor 10 Jahren als kleines interdisziplinäres Forum für Herzchirurgen, Kardiologen und Grundlagenforschern im deutschsprachigen Raum ins Leben gerufen. Ziel war, ein bestimmtes Schwerpunktthema von den Grundlagen bis hin zur Klinik in möglichst ungezwungener Umgebung und ohne Zeitdruck umfassend zu beleuchten. „Auch wollten wir jungen ForscherInnen und ÄrztInnen, die Möglichkeit geben, ihre Ergebnisse mit arrivierten KollegInnen zu diskutieren“, erinnert sich Univ.-Prof. Dr. Bruno Podesser, der gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Johann Wojta, beide Ludwig Boltzmann Cluster für kardiovaskuläre Forschung, Medizinische Universität Wien, die Veranstaltung initiiert hat. Schnell wurde aus dem Dreiländertreffen Österreichs, Deutschlands und der Schweiz eine kleine, aber hochaktive Gemeinschaft und die „Cardiovascular Research Days“ eine internationale Tagung.

Krankheitsprozesse mittels miRNA modulieren

Heuer wurden die „Cardiovascular Research Days“ von Prof. Dr. Gabor Szabo, stellvertretender Ärztlicher Direktor und Bereichsleiter der klinisch-experimentellen Herzchirurgie, Universität Heidelberg, ausgerichtet.

Das erste Highlight der Tagung war ein Vortrag über Gentherapie von Dr. Sandor Batkai, Hannover. Podesser: „In dessen Rahmen wurden Möglichkeiten einer Verbesserung der Kontraktilität des Myokards durch Verminderung der Aktivität spezifischer Gene diskutiert und die neuen ‚non-coding RNA‘-Therapien vorgestellt. Darunter versteht man kurze RNA-Sequenzen, genannt microRNAs, die mehrere Gene beeinflussen, aber selbst für keine Proteine kodieren. Durch microRNAs werden ganze Netzwerke von Genen moduliert und komplexe intrazelluläre Prozesse gesteuert. MicroRNAs können durch spezifische Proteine nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip blockiert werden, ein Ansatz, der in den nächsten Jahren vermehrt für diagnostische und therapeutische Zwecke verwendet werden wird.“

NO-Sensoren geben Einblick in die Gefäßfunktion

Im Symposium „Pharmacotherapy of the heart“ stellte Prof. Dr. Papp Zsoltan, Medical and Health Science Center, Universität Debrecen, neue Therapeutika für das akute Herzversagen vor und Priv.-Doz. Dr. Seth Hallström, Institut für Physiologie, MedUni Graz, beschrieb die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Stickoxid (NO) Sensoren, die in Graz entwickelt wurden. Podesser: „Mit diesen Sensoren gelingt es, kleinste Mengen von NO in vivo zu detektieren. Stickoxid spielt bei der Regulation der Vasomotorik eine zentrale Rolle. Deshalb ist es wichtig, diesen Stoff im Organismus genau nachweisen zu können. Die in Graz entwickelten Sensoren, die mit einer neuen Fluoreszenzmethode arbeiten, werden die bisherige Messtechnik revolutionieren. Da damit die Bildung von NO in Echtzeit sichtbar gemacht werden kann, werden sich daraus neue Möglichkeiten der Diagnostik von kardiovaskulären Erkrankungen ergeben.“

Zum Thema „Cardiovascular Tissue Engineering“ stellte Prof. Dr. Wolfram-Hubertus Zimmermann, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie, Universität Göttingen sein Konzept von „Engineered heart muscle“ vor. Podesser: „Ex vivo generiertes Myokard wird dabei auf das infarzierte Herz aufgebracht, stabilisiert damit die Narbe und verbessert die Pumpleistung, obwohl es zu keinem Zusammenwachsen der unterschiedlichen Gewebe kommt. Diese Art der ‚Reparatur‘ könnte vor dem Hintergrund der steigenden Prävalenz der Herzinsuffizienz und den chronischen Mangel an Spenderorganen eine wichtige neue Strategie zur Behandlung der terminalen Herzinsuffizienz werden.“

Der zweite wichtige Bereich des Tissue-Engineerings Gebiet betrifft die Produktion von künstlichen Gefäßen. Laut der Präsentation von Prof. Dr. Beat Walpoth, Herzchirurgie, Universitätsklinik Genf, geht hier der Trend in Richtung abbaubarer Kunststoffe, die nach Einwachsen der eigenen Körperzellen ganz oder teilweise abgebaut werden. Podesser: „Entscheidend dabei ist, ein passendes Material zu finden, welches das Einwandern körpereigener Zellen begünstigt und die gewünschten Interaktionen zwischen Material und Blut, ohne Aneurysmen, Thrombosen oder Entzündungen, ermöglicht.“

Exercise-induced cardiac fatigue durch Überbeanspruchung

Für die Sportkardiologie von großem Interesse waren die Ausführungen von Dr. Tamás Radovits, Semmelweis Universität, Budapest zum Sportlerherz und dem damit verbundenen Risiko für den plötzlichen Herztod oder der „Exercise-induced cardiac fatigue“. Podesser: „Laut den von ihm präsentierten Daten führt ein Training mit nachfolgenden Ruhephasen zu keinen pathologischen Veränderungen am Herzen. Sehr wohl jedoch kann Überanstrengung ohne entsprechende Ruhephasen zu strukturellen und funktionellen Schädigungen des Herzmuskels führen. Es scheint also doch so zu sein, dass selbst bei herzgesunden Sportlern bei extremer Ausdauerbelastung wie etwa bei einem Marathon akute oder chronische myokardiale Schädigungen auftreten können.“

Resümee und Ausblick auf kommende Veranstaltungen

Neben den hochkarätigen Vorträgen wurden 33 Posters diskutiert, beurteilt und schlussendlich drei PreisträgerInnen mit dem von der Firma Dr. Köhler Chemie gestifteten Preisen ausgezeichnet.

Die Tagung schloss mit der Ankündigung, die „Cardiovascular Research Days 2018“ in Debrecen, Ungarn, unter der Leitung von Zsoltan Papp durchzuführen. An translationaler kardiovaskulärer Forschung Interessierte kommen aber auch schon früher auf Ihre Rechnung: Von 8. bis 10. Juli findet die von der ESC unterstütze Tagung Frontieres in Cardiovascular Biology in Florenz statt. Einen Bericht darüber finden Sie demnächst Cardio News Austria.

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