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Europäischer Tag der Herzschwäche – „Gesunde und kranke Herzen in Bewegung“: Die AG Herzinsuffizienz der Kardiologischen Gesellschaft stellte eine unterschätzte Erkrankung vor. Bewegung und Training helfen nicht nur, Herzschwäche vorzubeugen, sondern mach
 
Kardiologie 11. Mai 2016

Geh, bitte!

Ärztliche Bewegungs-Appelle gehen ins Leere, wenn sie nicht mit Spaß für den Patienten verbunden sind.

Regelmäßige Bewegung kann das Risiko, eine Herzschwäche zu entwickeln, deutlich reduzieren. Doch auch für Menschen, die bereits an der gefährlichen Krankheit leiden, ist das richtige Training unter ärztlicher Anleitung wichtig, um Risiken zu reduzieren und den Rehabilitations-Erfolg zu unterstützen. Modifizierte Formen populärer Sportarten – wie zum Beispiel das von der FIFA anerkannte „Gehfußball“ – sollen den Spaß an der Bewegung fördern.

Gesunden und herzkranken Menschen gleichermaßen Lust auf herzgesunde Bewegung machen: Das wollen Herzinsuffizienz-Spezialisten und Patientenvertreter aus Anlass des Europäischen Tages der Herzschwäche (3. Mai). „Wir wollen damit ins Bewusstsein rücken, wie wichtig Bewegung zur Vermeidung und Behandlung wesentlicher Risikofaktoren für Herzinsuffizienz ist“, sagt PD Dr. Deddo Mörtl vom Universitätsklinikum St. Pölten, Leiter der AG Herzinsuffizienz der Kardiologischen Gesellschaft. „Eine große Studie mit mehr als 21.000 Teilnehmern hat gezeigt, dass bereits mit ein bis drei Trainingseinheiten pro Monat das Risiko, innerhalb der nächsten 25 Jahre an Herzinsuffizienz zu erkranken, um 23 Prozent gesenkt werden kann, mit fünf bis sieben Einheiten pro Woche bereits um 36 Prozent“. Doch laut Daten des Fonds Gesundes Österreich ist nur etwa ein Viertel der Erwachsenen ausreichend körperlich aktiv.

„Wir sehen auch in der klinischen Praxis immer wieder, dass viele unserer Appelle ins Leere gehen und noch so gut gemeinte Trainingsprogramme sowohl in der Primär- als auch in der Sekundärprävention oft keine nachhaltige Wirkung haben“, sagt Mörtl. „Ein neuartiger Ansatz ist es, Lebensstiländerungen weniger als Pflichtübung zu präsentieren, sondern den Spaßfaktor in den Vordergrund zu stellen.“

Vor diesem Hintergrund möchte die AG Herzinsuffizienz gemeinsam mit dem Herzverband dafür sorgen, die Trendsportart Gehfußball auch hierzulande populärer zu machen. In England und zunehmend auch in Deutschland erlebt die langsame – und von der FIFA bereits anerkannte – Variante des beliebtesten Ballsports der Welt gerade einen Boom. Zahlreiche Profi-Vereine haben bereits eigene Geh-Mannschaften gegründet, die sich inzwischen auch in einer eigenen „Walking Football League“ matchen. Mit der Gehfußball-Initiative sollen jene, die mit spätestens 30 aufgehört haben, dem runden Leder nachzujagen, oder die aufgrund einer Herzerkrankung das Kicken nicht mehr wagen, „zurück zu ihrer Spaß-Sportart geführt werden“, erläutert Mörtl.

Wer beim neuen Fußball-Trend nicht mitmachen möchte, hat viele andere Bewegungsoptionen. Am wirkungsvollsten, meinen die Experten-Empfehlungen, beugt vor, wer 150 Minuten pro Woche mit mittlerer Intensität trainiert, wie sie etwa beim Nordic Walking, Radfahren, Tanzen oder der Gartenarbeit nötig ist.

Alternativ könne mit dem gleichen Effekt auch wöchentlich 75 Minuten mit höherer Intensität wie beim Fußball spielen, Rennrad fahren oder Laufen trainiert werden. Idealerweise sollte jede Einheit mindestens zehn Minuten dauern und die Aktivitäten auf möglichst viele Tage der Woche verteilt werden.

Dass auch Patienten, die bereits an Herzinsuffizienz leiden, regelmäßig trainieren sollten, ist eine relativ junge Einsicht. „Bis vor einigen Jahren war die einhellige Meinung, dass ein geschädigtes Herz Ruhe braucht. Körperliche Anstrengungen waren tabu“, berichtet Prim. PD Dr. Johann Altenberger, Leiter der Sonderkrankenanstalt Rehabilitationszentrum Großgmain für Herz-Kreislauf- und neurologische Erkrankungen. „Inzwischen haben aber zahlreiche Studien gezeigt, dass das falsch war. Gerade Patienten mit geschwächten Herzmuskeln profitieren von dosiertem Ausdauer- und moderatem Krafttraining enorm.“

Regelmäßiges Spazierengehen, Wandern, Walking oder Radfahren stärkt den Herzmuskel und führt zu einer Senkung des Ruhepulses. Schon dadurch wird das Herz entlastet. Zudem führt die körperliche Aktivität zu einer Erweiterung der Blutgefäße und einem geringeren Gefäßwiderstand, das entlastet das Herz zusätzlich. „Der Haupteffekt“, erklärt Altenberger, „entsteht allerdings durch die Stärkung der Skelettmuskulatur. Aktive Muskeln nehmen Sauerstoff besser auf, können Nährstoffe besser verarbeiten und ersparen dem Herzen so belastende Mehrarbeit“.

Im Fall von Herzinsuffizienz-Patienten stellte sich die Frage, ob das Risiko einer Herz-Überlastung nicht schwerer wiegt als die positiven Effekte. „Diese Sorge konnten die bisher vorliegenden Untersuchungen eindeutig ausräumen. In allen Studien zeigte sich, dass maßgeschneidertes Training nicht nur kein zusätzliches Risiko bringt, sondern ganz im Gegenteil zu einer Verringerung weiterer Komplikationen und Krankenhausaufenthalte führt“. Lediglich Patienten mit einer sehr schwer ausgeprägten Herzschwäche sollten körperliches Training erst nach entsprechender Stabilisierung durchführen.

Auch für alle anderen gilt: Voraussetzungen für ein Training sind eine optimale medikamentöse Einstellung und ein längerfristig anhaltender stabiler Zustand. Wie viel Bewegung nötig und gesund ist, ist individuell verschieden. „Sport-Einsteiger“, sagt Altenberger, „sollten ihr Übungsprogramm mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin abstimmen. So lässt sich je nach Ausmaß der Herzschwäche ein den jeweiligen Belastungsgrenzen angepasstes Programm festlegen“.

Angesichts der eindeutigen Studienlage sei es höchst an der Zeit, diesbezügliche spezialisierte Angebote auszubauen, fordert Altenberger. „Die Rehabilitation von Herzinsuffizienz-Patienten wird immer noch vernachlässigt. Europaweit kommt nicht einmal jeder Fünfte in ein Rehab-Programm, in dem ein gezieltes körperliches Training unterrichtet und forciert wird.“

Auf sich allein gestellt, fällt es vielen Patienten schwer, gute Bewegungs-Vorsätze im Alltag auch umzusetzen. „Weiterführendes Training im Rahmen einer ambulanten Rehabilitation wird nur für Berufstätige angeboten“, erklärt der Präsident des Niederösterreichischen Herzverbandes, Franz Fink. „Alle anderen finden in Fitness-Centern oder Turnvereinen kaum Angebote, die auf die speziellen Bedürfnisse von Herzinsuffizienz-Patienten Rücksicht nehmen“.

Der Herzverband, der heuer sein 40-jähriges Bestehen feiert, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Lücke zu füllen. „In unseren wöchentlichen Koronarturngruppen werden die besonderen Erfordernisse der Herz-Rehabilitation und die Leistungsfähigkeit jedes und jeder Einzelnen berücksichtigt“, sagt Franz Fink, der selbst vor 21 Jahren nach einem Herzinfarkt drei Bypässe bekommen hat. „Als Betroffener weiß ich: Schon mit einem Minimum an körperlicher Aktivität lässt sich nicht nur die Beweglichkeit zu fast 100 Prozent erhalten, sondern auch die Leistungsfähigkeit selbst bei schweren Fällen von Herzinsuffizienz zumindest stabilisieren“.

Fit wie ein Gummiband

In den Herzverband-Gruppen lernen Patienten unter Anleitung diplomierter Physiotherapeuten einfache Übungen mit Bällen, Reifen oder Gummibändern, die Beweglichkeit, Ausdauer und den Gleichgewichtssinn zu fördern. Darüber hinaus lernen sich die Teilnehmer bei Angeboten wie Qi Gong zu entspannen. Zusätzlich wird die geistige Fitness mit einem speziellen Gedächtnis-Training gefördert. Fink: „Fortsetzung findet das Sportprogramm bei Wanderungen, Nordic Walking-Touren oder Radfahrten. Dabei werden die Teilnehmer auf nach Schwierigkeitsgrad abgestuften Routen von im Umgang mit dem Defibrillator geschulten Mitgliedern begleitet.“

Neben dem Bewegungstraining ist für die Mitglieder die Möglichkeit zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen wichtig. Beim wechselseitigen Austausch profitieren die Mitglieder nicht nur von den Erfahrungen der anderen, etwa wenn es darum geht, den richtigen Arzt zu finden, sondern finden auch Motivation beim Versuch, weitere klassische Risikofaktoren wie falsche Ernährung, Rauchen, Alkohol und Stress zu minimieren.

Tödlicher als Krebs

Herzinsuffizienz ist nicht nur eine der häufigsten Erkrankungen überhaupt, sondern auch eine Erkrankung mit besonders hohem Leidensdruck, mit häufig akuten Verschlechterungen und einer hohen Sterberate erklärt Mörtl. „Insbesondere ohne adäquate Behandlung versterben 50 bis 80 Prozent der Betroffenen innerhalb von fünf Jahren nach der Diagnosestellung. Damit ist die Herzschwäche tödlicher als viele Krebserkrankungen.“

Das hat damit zu tun, dass viele lange Zeit gar nicht erkennen, dass sie an einer Herzschwäche leiden. Oft werden nachlassende Leistungsfähigkeit und zunehmende Kurzatmigkeit dem normalen Alterungsprozess zugeschrieben.

Die Herzinsuffizienz ist bei den über 65-Jährigen die häufigste Ursache für eine stationäre Aufnahme, „doch die Dunkelziffer ist sehr hoch“, sagt Mörtl. Diagnostiziert wird die Krankheit bei zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung, Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Betroffenen noch einmal so hoch liegt. Das sind bis zu 300.000 Österreicher.

Die schlechte Prognose bei einer Herzschwäche müsste nicht sein, betont Priv.-Doz. Mörtl: „Es stehen uns sehr gute Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung und alleine mit medikamentöser Therapie lässt sich die Lebenserwartung verdreifachen. Aber wir wissen auch aus den Daten des Herzinsuffizienz-Registers, dass zwei Drittel der Patienten nicht einmal die Hälfte der in den Leitlinien vorgesehenen Medikamenten-Dosierung erhalten“.

Gerade Herzinsuffizienz-Patienten benötigen, wie internationale Studien zeigen, eine besonders engmaschige Betreuung in strukturierten und interdisziplinären Programmen. Doch die würden in Österreich, abgesehen von regional beschränkten Einzelinitiativen, nicht angeboten werden, kritisiert Mörtl: „Daher fordert die Arbeitsgruppe Herzinsuffizienz der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft eindringlich alle gesundheitspolitischen Partner auf, für die längst überfällige Etablierung von Disease Managementprogrammen für Herzinsuffizienz zu sorgen.“

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