zur Navigation zum Inhalt
© privat
Univ.-Prof. Dr. Heinz Weber, Kardiologe aus Wien
 
Kardiologie 24. Februar 2016

Sparzwang: Kardiologinnen und Kardiologen, artikuliert Euch!

Am Puls – Kolumne von Prof. Heinz Weber

Offensichtlich hat die Ärzteschaft in den letzten Jahren ihre gesundheitspolitische Kompetenz eingebüßt. Vielleicht weil das „Leichentuch“ zu oft geschwenkt wurde, oder weil eigene Partikularinteressen zu offensichtlich waren und Denken über den Tellerrand (noch) nicht so modern ist. Die Ökonomen, vor allem die mit einem zusätzlichen Medizin-Doktorat, führen das Wort. Denen wird Kompetenz zugesprochen. Gesundheitspolitiker werden von ihnen sogar abhängig. Ärzte und überhaupt medizinisches Personal werden offensichtlich nur dann eingebunden, wenn sie systemkonforme Ansichten äußern. Zukunfts- und Querdenker sind unerwünscht, gelten für Ökonomen als Kostenverursacher. Ihnen wird der „Kampf“ angesagt, „um das Gesundheitssystem leistbar zu erhalten“; im niedergelassenen wie auch im Spitalsbereich.

Die Kardiologie ist teuer: Personal und Implantate (PM, ICD, Stents…), weniger die Medikamente – im Gegensatz z.B. zur Onkologie – sind Kostenverursacher. Durch organisatorische Maßnahmen wie EU-konforme Dienstzeiten, Abbau von Diensträdern, somit Reduktion von Vorhalteleistungen (OP-Teams), Bereitschaftsdienste, weniger diplomiertes Personal im Pflegebereich usw. lassen sich Kosten reduzieren.

Solange dies alles noch als Rationalisierung, also verbunden mit Effizienzsteigerung der von uns, dem medizinischen Personal, für unsere Patienten zu erbringenden Leistungen gilt und dem § 49 ÄG entspricht („Ein Arzt ist verpflichtet, jeden von ihm in ärztliche Beratung oder Behandlung übernommenen Gesunden und Kranken, ohne Unterschied der Person gewissenhaft zu betreuen“), sind wir am richtigen Weg – gemeinsam mit den Ökonomen. Die Geldgeber, die Politiker als Vertreter der Steuerzahler, könnten zufrieden sein. Aber der politisch unterstützte, medizinisch kaum mehr argumentierbare Sparwahn führt zu einer Verringerung des sozial-medizinisch benötigten Angebots bei gleichbleibender Nachfrage (Stichwort: Wartezeiten bis zum „Tod auf der Warteliste“). Realiter wird eine nicht gewollte 2-Klassen-Medizin unvermeidbar: Die medizinische Leistung hängt vom Geld der Betroffenen ab (1. Klasse) oder es müssen wochenlange Wartezeiten bei Diagnostik und Therapie in Kauf genommen werden, bis ein Sozialversicherter die Leistungen des Trägers in Anspruch nehmen kann.

Hier ist unsere ethische Standfestigkeit gefordert! Sinnvolle Rationalisierungsmaßnahmen gemeinsam mit Ökonomen partnerschaftlich erarbeitet – JA.

Rationierungen, also Leistungsreduktion bis hin zum Vorenthalten medizinisch nötiger Leistungen sind ethisch für uns nicht vertretbar, also – NEIN.

Letzteres wird naturgemäß von der Politik bestritten. Die Praxis zeigt das Gegenteil, z. B.: „Heuer können nur xx Stents oder SM implantiert werden!“ sagt der Spitalserhalter. Kann kein Konsens in partnerschaftlichen Gesprächen gefunden werden, wehrt Euch! Artikuliert Euch! Informiert die Öffentlichkeit, die als potenzielle Patienten davon unmittelbar betroffen wären! Überlegt Euch auch, ob der Dienstgeber dann noch ein ethisch akzeptabler sein kann!

Eine Erhöhung der Gesundheitsausgaben von 11 Prozent des BIP wird bei einem Budget von EUR 35 Milliarden ohne Rationalisierungen nicht möglich, aber auch nicht nötig sein.

Es gibt nach wie vor ausreichend Einsparungspotenziale (z. B. 9 Länder-GKK, KH sind Länderkompetenz, Ergebnisqualität, Ausbau des niedergelassenen Bereichs usw.). Nur ohne partnerschaftliche Einbeziehung der primär betroffenen Kardiologinnen und Kardiologen, aber auch der ÖKG, die ich derzeit in wichtigen gesundheitspolitischen Fragen kaum sehe, wird das Leichentuch nicht mehr nötig sein… Die Realität wird es überholen. Die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist unverändert mit 42 Prozent (2014) am höchsten!

Ihr Heinz Weber FA für Innere Medizin, Kardiologie und Intensivmedizin

Kontakt:

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben