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Kardiologie 1. Februar 2016

Schlechte Prognose im Penthouse

Ein Herzstillstand sollte im Parterre passieren, denn jenseits von Stockwerk 16 schwinden die Überlebenschancen.

Treppensteigen ist gut fürs Herz? Im Prinzip ja. Wer allerdings weit oben in einem Wolkenkratzer lebt oder arbeitet, dem können Treppen und Aufzüge zum Verhängnis werden. Die Überlebensrate bei Herzstillstand sinkt rapide, je weiter oben das Ereignis eintritt.

Intuitiv ist das sofort nachvollziehbar: Es hilft wenig, dass ein Notarzt bei einem Herzstillstand in einem Hochhaus rasch vor Ort ist, wenn er dann ewig auf den Aufzug warten muss, der ihn in den dreißigsten Stock bringen soll. Und selbst bei jenen Gebäuden, die Aufzüge mit Notfallfunktion haben, kann es wertvolle Minuten dauern, bis die Lifttüren in Wolkennähe oder darüber endlich wieder aufgehen.

Der Faktor Architektur

Eine kanadische Gruppe von Wissenschaftlern, das Rescu-Konsortium, hat sich etwas genauer angesehen, welche Konsequenzen die architektonisch induzierte Verzögerung von Rettungseinsätzen haben kann. Im Rahmen einer retrospektiven Beobachtungsstudie wurden Daten eines regionalen Notfallregisters ausgewertet, und zwar über einen Zeitraum von fünf Jahren in der an hohen Häusern gewiss nicht armen Region Toronto ( 1.usa.gov/1JyhGgo ).

Für die Analyse herangezogen wurden sämtliche erwachsenen Patienten mit Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses ohne offensichtliche Ursache in den Jahren 2007 bis 2012. Nur wenn zufällig ausgebildete Ersthelfer Zeuge des Ereignisses waren, wurde der entsprechende Patient in der Auswertung nicht berücksichtigt.

Die Auswertung war simpel: Die Überlebensraten der Patienten zum Zeitpunkt der Entlassung aus dem Krankenhaus wurden mit dem Stockwerk korreliert, in dem das Ereignis stattfand. Außerdem wurde untersucht, wie oft es jeweils gelang, vor Ort die Zirkulation zumindest temporär wieder herzustellen. Aufgeschlüsselt wurden die Ergebnisse unter anderem nach Geschlecht, Art der Laienhilfe und Art des Herzstillstands bzw. Erst-EKG.

Höhe des Stockwerks macht einen Unterschied

Letztlich konnten 7.842 Patienten mit Herzstillstand ausgewertet werden. Drei von vier dieser Ereignisse traten unterhalb des dritten Stockwerks auf. Diese Grenze machte einen deutlichen Unterschied: Einer von 24 Patienten (4,2 %) mit einem „straßennahen“ Herztod überlebte bis zur Krankenhausentlassung. Im dritten Stock und darüber war es nur noch einer von 38 (2,6 %, p=0,002). Die Detailanalyse zeigte dann, dass die Überlebenschancen ziemlich gut mit der Höhe korrelierten: Wer sich zum Zeitpunkt des Herztods im 16. Stock oder darüber aufhielt, dessen Überlebenschance betrug nur noch 0,9 Prozent. Jenseits des 25. Stockwerks überlebte kein einziger.

Woran lag es? Es dürfte primär ein Zeitproblem gewesen sein. Die Zeit zwischen Ankunft des Notarztwagens und erstem Patientenkontakt betrug unterhalb des dritten Stockwerks im Mittel 3,0 Minuten, ab dem dritten Stock waren es 4,9 Minuten (p=0,01). Der spätere Patientenkontakt ging einher mit einem geringeren Anteil von Patienten mit potenziell defibrillierbaren Rhythmusstörungen: 19 Prozent der Patienten mit straßennahem Herzstillstand wurden als defibrillierbar eingeordnet, weiter oben waren es nur 13,3 Prozent (p<0,001). Entsprechend häufiger gelang es direkt vor Ort, eine spontane Zirkulation wieder herzustellen (29,0 vs. 25,9 %, p=0,01). Die Ergebnisse der Primäranalyse wurden von den Wissenschaftlern noch um diverse Störgrößen bereinigt. Unter anderem war der Frauenanteil weiter oben etwas höher, und es gab geringe Altersunterschiede. Auch nach der statistischen Bereinigung blieb die Korrelation zwischen Stockwerk und Prognose des Herzstillstands aber eindeutig signifikant: Pro Stockwerk sinkt die Überlebensrate um 5 Prozent.

kardiologie.org, Ärzte Woche 5/2016

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