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© Natalia Lukiyanova/Thinkstock/iStock
 
Kardiologie 14. Dezember 2015

Oft unterschätzt

Mit dem Alter steigt häufig auch der Blutdruck.

Zwischen 30 und 45 Prozent der europäischen Allgemeinbevölkerung leiden unter einem zu hohen Blutdruck, wobei das Auftreten mit zunehmendem Alter rasant zunimmt. Parallel dazu wächst auch die Gefahr, an einem Schlaganfall zu sterben. Immerhin gelten Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der westlichen Welt als Haupttodesursache.

Meist stehen beim Thema Hypertonie die Arterien im Fokus. Aber auch das venöse System leidet langfristig, denn es muss gegen den hohen Druck arbeiten, was zu Rückstau und Überlastungserscheinungen führt.

Der Körper steuert den Blutdruck über verschiedene Mechanismen. Während die Niere über den Wasserhaushalt das Blutvolumen beeinflusst, dienen Herzfrequenz und Eng- oder Weitstellung der Blutgefäße sozusagen als mechanisches Stellwerk. Maßgeblich sind an diesen Prozessen verschiedene Hormonsysteme beteiligt.

Im Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) wird in mehreren Schritten Angiotensin II gebildet, das eine Engstellung der Blutgefäße sowie die Ausschüttung verschiedener Hormone wie Aldosteron, Adrenalin und Adiuretin bewirkt.

Aldosteron wird bei Flüssigkeitsmangel in der Nebennierenrinde gebildet und steigert in der Niere die Wiederaufnahme von Wasser.

Adiuretin. Das Antidiuretische Hormon (ADH) oder Vasopressin wird im Hypothalamus gebildet und vermindert bei Blutdruckabfall die Diurese, indem es die Wasserrückresorption steigert.

Das Stresshormon Adrenalin wird im Nebennierenmark gebildet und aktiviert das sympathische Nervensystem. Unter anderem steigert es den Blutdruck über eine Erhöhung der Herzfrequenz und die Engstellung der Blutgefäße.

Niedrig oder hoch?

Sinkt der Blutdruck unter 100 zu 60 mmHg, liegt ein zu niedriger Blutdruck (Hypotonie) vor, und es besteht die Gefahr, dass Organe nicht ausreichend versorgt werden. Nimmt mit dem niedrigen Blutdruck die Sauerstoffversorgung im Gehirn ab, macht sich das durch Schwindelgefühl, Ohrensausen, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Schwarzwerden vor den Augen und Bewusstseinsstörungen bemerkbar. Optimale Blutdruckwerte bleiben unter 120 zu 80 mmHg. Liegen die Werte darüber, werden sie oft lange Zeit nicht bemerkt. Trotzdem können schon in dieser Phase nachhaltige Organschäden entstehen, die als kardiovaskuläres Risiko beschrieben werden.

Hypertoniefolgen. Fehlende Beschwerden bei einem dauerhaft erhöhten Blutdruck sind definitiv kein Zeichen für Entwarnung, denn auch ohne Symptome können sich über die Jahre schwerwiegende Folgeerkrankungen einstellen.

Arteriosklerose. Ein erhöhter Blutdruck kann Verletzungen der inneren Epithelschicht der Arterien auslösen, in deren Zusammenhang sich Plaques bilden. Diese schränken die Durchflussleistung der Blutbahnen ein, mindern die Elastizität der Adern und steigern den Druck innerhalb des Gefäßsystems. Im fortschreitenden Verlauf werden die Endorgane schlechter mit Blut versorgt. Das kardiovaskuläre Risiko steigt.

Aneurysma. Mit jedem Pulsschlag überdehnt ein erhöhter Druck die Wand der Aorta und kann sie irreversibel sackartig ausstülpen (Aneurysma). Die Wand des Blutgefäßes ist im Bereich eines Aneurysmas aufgrund der Überdehnung dünner und reagiert noch empfindlicher auf den Druck. Sie kann reißen. Je nach Lage des Gefäßes kann eine solche Ruptur lebensbedrohlich sein.

Herzmuskelschwäche. Der Herzmuskel reagiert auf den ständig erhöhten Druck mit einer Verdickung. Dadurch versteift die Herzwand und dehnt sich in der diastolischen Entspannungsphase nicht mehr genügend aus, weshalb die Herzkammern nicht mehr adäquat befüllt werden können. Dies senkt die Auswurfleistung des Herzens und bedingt eine Herzschwäche, die mit Herzrhythmusstörungen und Vorhofflimmern einhergehen kann.

Endorganschäden. Zum einen schädigt eine Hypertonie die feineren Gefäße in den Organen, zum anderen wird die Blutversorgung durch fortschreitende Arteriosklerose als Hypertoniefolge verschlechtert. Besonders empfindliche Organe leiden darunter, sodass der Prozess beispielsweise in den Nieren zum Organversagen oder in den Augen zur Sehverminderung oder gar Erblindung führen kann.

Ischämie

Das Gehirn mit seinem hohen Sauerstoffumsatz zeigt zum Beispiel nur eine sehr geringe Ischämietoleranz und reagiert bereits innerhalb weniger Minuten auf eine Unterbrechung des Blutzuflusses mit irreversiblen Schäden. Die Ursachen einer Ischämie können freilich vielfältig sein. Sie können im Inneren der Blutgefäße liegen (u. a. Arteriosklerose, Embolie, periphere Arterielle Verschlusskrankheit) oder von außen herrühren, beispielsweise wenn Abschnürungen oder raumfordernde Prozesse wie Tumoren Druck auf das System ausüben. Aber auch Gefäßspasmen (Raynaud-Syndrom, auch nach Vergiftungen mit Schwermetallen oder Mutterkornalkaloiden) und selbst ein drastisch verminderter Blutdruck haben diese Konsequenz.

Infarkt

Eine klassische Ischämiefolge ist der Infarkt, bei dem das Gewebe, das vom betroffenen Blutgefäß versorgt wird, infolge Sauerstoffmangels abstirbt. Dies muss nicht zwingend am Herzen erfolgen, auch andere Organinfarkte sind möglich.

Herzinfarkt. Ursache ist meist ein Blutgerinnsel, das an einer durch Arteriosklerose verengten Gefäßstelle hängen bleibt. Das führt zu folgenden Leitsymptomen: akute, (häufig in den Arm ausstrahlende) Schmerzen hinter dem Brustbein, Engegefühl (wie eiserner Reifen um die Brust), Atemnot, Todesangst, Blässe und kalter Schweiß.

pAVK

Die periphere Arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) ist eine Folge zunehmender Engstellung (Stenosierung) der Blutgefäße in Armen und Beinen (Körperperipherie). Sind die Beine betroffen, wird auch von „Schaufensterkrankheit“ gesprochen, weil der schmerzhafte Blut- und Sauerstoffmangel in den Beinen häufig zum Stehenbleiben zwingt (intermittierendes Hinken, Claudicatio intermittens). Im zunehmenden Krankheitsverlauf verringert sich die schmerzfreie Gehstrecke, und es tritt bereits ein Ruheschmerz auf.

Kardiovaskuläres Risiko

Das kardiovaskuläres Risiko setzt sich aus der Erkrankungswahrscheinlichkeit für Schlaganfall, Herzinfarkt und periphere Arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) zusammen. Die Risikofaktoren dafür sind arterieller Bluthochdruck, Diabetes mellitus, kardiovaskuläre Erkrankungen im familiären Umfeld, männliches Geschlecht, zunehmendes Alter (Männer ab 55, Frauen ab 65), Übergewicht und Nikotinmissbrauch. Desweiteren steigern Fettstoffwechselstörungen, chronische Nierenerkrankungen und Schädigungen der Endorgane das kardiovaskuläre Risiko, selbst wenn diese noch asymptomatisch sind.

Dyslipidämie. Eine Erhöhung der Blutfettwerte liegt vor, wenn das Gesamtcholesterin 4,9 mmol/l übersteigt und/oder das LDL-Cholesterin 3 mmol/l überschreitet und/oder das HDL-Cholesterin bei Männern unter 1 mmol/l und bei Frauen unter 1,2 mmol/l liegt sowie wenn die Triglyzeride die Marke von 1,7 mmol/l überschreiten.

Ein Teufelskreis

Arteriosklerotische Veränderungen in den Blutgefäßen zeigen, wie komplex das Zusammenspiel der verschiedenen Risikofaktoren ist. So können sich aufgrund von Störungen des Fett- oder Kohlenhydrathaushalts Lipide und komplexe Kohlenhydrate in den Wänden der Arterien ablagern. Sie führen zur bindegewebigen Verhärtung und Verdickung der Arterien. Die im Volksmund „Verkalkung“ genannte Symptomatik geht mit einem Verlust von Elastizität und Durchflussvolumen einher. Dadurch steigt der Blutdruck, der durch Verletzungen des Gefäßwandepithels zu weiteren Ablagerungen und einer Verstärkung der Arteriosklerose führt, die wiederum eine Verschlechterung der Hypertonie und eine Fortsetzung des Teufelskreises bewirkt.

Richtig messen

Kunden nutzen gern das wohnortnahe, niederschwellige Angebot, in der Apotheke den Blutdruck messen zu lassen. Gelegentlich führen Abweichungen zu den daheim oder beim Arzt bestimmten Messergebnissen zur Verunsicherung. Dem ist entgegen zu halten, dass bereits je nach Methode und Gerät voneinander abweichende Werte gemessen werden können und der Blutdruck eine Größe ist, die mit dem Tagesverlauf, körperlicher Tätigkeit und unter Einfluss vieler anderer Faktoren variiert.

Springer Medizin/red

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