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Kardiologie 7. Jänner 2016

Künstliche Herzklappe nach dem Vorbild der Natur

Doktorandin entwickelt Herzklappe, die das Potenzial hat, im Kinderherzen mitzuwachsen.

Mit einem modifizierten Elektrospinnverfahren ist es gelungen, einen Herzklappenersatz herzustellen, dessen Eigenschaften denen natürlicher Klappen sehr nahe kommen.

Gängige künstliche Herzklappen wachsen im Kind nicht mit, sodass sie regelmäßig ausgetauscht werden müssen. Auch bei Erwachsenen halten sie lediglich etwa 25 Jahre, verkalken oder erfordern die lebenslange Einnahme antikoagulierender Medikamente.

Eine alternative künstliche Herzklappe – aus einem elektrogesponnenen Hybridmaterial – entwickelte Svenja Hinderer in ihrer Doktorarbeit am Institut für Grenzflächenverfahrenstechnik und Plasmatechnologie IGVP der Universität Stuttgart unter der Leitung von Prof. Katja Schenke-Layland, die am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB die Abteilung Zellsysteme leitet.

„Um ein als Klappenersatz geeignetes Material zu entwickeln, das den Zellen eine möglichst physiologische Umgebung bietet, habe ich mich in meiner Doktorarbeit immer wieder am Vorbild der Natur orientiert“, sagt Hinderer.

Elektrospinnen weiterentwickelt

Zunächst untersuchte die Chemikerin daher detailliert die extrazelluläre Matrix nativer Herzklappen hinsichtlich struktureller, mechanischer und biochemischer Beschaffenheit. Für die Herstellung von Trägersubstraten als Klappenmaterial entwickelte sie die Methode des Elektrospinnens weiter.

Das auf dieser Grundlage hergestellte Trägersubstrat besteht aus einem Polymergemisch, einem UV-vernetzbaren Polyethylenglykol und Polylactid.

„Um die Eigenschaften des Materials weiter denen nativer Herzklappen anzugleichen, habe ich zusätzlich Proteoglykane versponnen, die unter anderem für die Wasserspeicherfähigkeit des Herzklappengewebes entscheidend sind. Wichtig war, dass die empfindlichen Proteine dabei ihre Funktion nicht verlieren“, erklärt Hinderer. Auf diese Weise gelang es ihr, eine Struktur herzustellen, die morphologisch der nativen extrazellulären Matrix sehr ähnelt, heißt es in der Mitteilung.

In einem Bioreaktor, der Wasser durch die Klappen pumpt, simulierte Hinderer die physiologischen Drücke des Herzens, denen das Material hervorragend standhalte. Ein nächster Test erfolgte in einem Bioreaktor, in dem sie das elektrogesponnene Material zusammen mit menschlichen Zellen kultivieren konnte. „Aufgrund der speziellen mechanischen Reize im Reaktor, die denen im Körper nachempfunden waren, begannen die Zellen nach bereits sechs Tagen, elastische Fasern zu bilden.

Das im Bioreaktor gereifte Gewebe wies die gleichen Strukturen auf wie eine natürliche, sich entwickelnde Herzklappe“, so Hinderer.

Material hält Druck stand

Die elastischen Fasern verleihen Geweben Widerstandsfähigkeit. Sind sie einmal zerstört, kann der Mensch die Fasern nicht wiederherstellen. Sie werden nur während der Embryonalentwicklung und in den ersten Jahren nach der Geburt gebildet. Das stabile und zugleich elastische Trägersubstrat sei biokompatibel und sterilisierbar – und damit für medizinische Anwendungen hervorragend geeignet, heißt es. Zukünftiges Ziel sei es, ein zellfreies Medizinprodukt zu entwickeln, das sich erst nach dem Einsetzen in den Patienten selbst besiedelt.

Dazu erforsche Hinderer, wie die Trägersubstrate mit weiteren spezifischen Proteinen modifiziert werden können, um gezielt Stammzellen anzulocken.

Während die Zellen das Material besiedeln und eine neue Herzklappe mit ihrer eigenen Matrix bilden, soll das polymere Grundgerüst später im Körper abgebaut werden.

Dadurch hat es das Potenzial, im Kinderherzen mitzuwachsen. Doch bis es so weit ist, muss sich die künstliche Herzklappe im Tiermodell an Schweinen beweisen.

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