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Prof. Dr. Robert Zweiker Abteilung für Kardiologie, Univ.-Klinik für Innere Medizin, MedUni Graz
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Prim. Dr. René Wenzel Abteilung für Innere Medizin, Krankenhaus Zell am See

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Prof. Dr. Sabine Horn Klinische Abteilung für Nephrologie, MedUni Graz©

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Dr. Holger Grassner Arzt für Allgemeinmedizin, Hinterstoder

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Prim. Prof. Dr. Peter Fasching 5. Medizinische Abteilung, Wilhelminenspital Wien

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Prim. Prof. Dr. Bernd Eber II. Interne Abteilung am Klinikum Wels-Grieskirchen

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Kardiologie 14. Dezember 2015

„Alle Patienten sollten ihren Blutdruck selbst messen“

Blutdruckselbstmessung wird von vielen Experten empfohlen, allerdings müssen die Voraussetzungen passen.

Im Rahmen eines Expertenmeetings erarbeiteten Vertreter verschiedener medizinischer Fachrichtungen Empfehlungen für die Blutdruckselbstmessung – die Ärzte Woche hat darüber berichtet (Ausgabe 19). Wir baten einige der Mitglieder des Gremiums zu Statements. Eines vorweg: Die Selbstmessung erfreut sich bei Patienten und Ärzten gleichermaßen zunehmender Beliebtheit.

Wie hoch ist in der Praxis der Prozentsatz der Hypertonie-Patienten, die selbst Blutdruck messen?

Eber: Also wenn man nach den Einkaufszahlen geht, sollte eigentlich jeder Hypertoniker in Österreich zumindest ein Blutdruck-Messgerät besitzen. Trotzdem ist die regelmäßige Selbstmessung bei Weitem noch kein Standard geworden. Ein Grund dafür: Die Hypertonie ist „No sexy disease“, viele sehen den Bluthochdruck als Makel und vermeiden daher auch die Selbstkontrolle. Ich schätze daher die Rate der Selbstmessung bei Hypertonikern auf maximal 30 Prozent ein.

Horn: Bei uns in der Nierenambulanz Graz messen mehr als 90 Prozent der Patienten selbst ihren Blutdruck; ein massiver Anstieg im Vergleich zu den geschätzten 40 bis 50 Prozent noch vor zehn Jahren.

Fasching: Wirklich verlässliche Zahlen zu dieser Frage kenne ich nicht. Von den diagnostizierten, chronisch medikamentös behandelten Patienten, würde ich circa 30 Prozent annehmen, die regelmäßig oder fallweise ihren Blutdruck messen.

Führt die Selbstmessung tatsächlich zu einer verbesserten Blutdruckeinstellung des Patienten?

Wenzel: Studien weltweit zeigen, dass die Selbstmessung die Eigenverantwortung der Betroffenen für ihre Blutdruckeinstellung und Therapie positiv beeinflusst und damit die Adhärenz verbessert – das kann ich auch aus der Praxis bestätigen. In Österreich zeigt auch das seit einigen Jahren erfolgreich umgesetzte Projekt „herz.leben Austria“ unter der Leitung von Professor Zweiker, dass die Selbstmessung zu einer nachweislichen Verbesserung prognostischer Indizes führt.

Horn: Es gibt Daten, dass sich durch die Selbstmessung eine bessere Blutdruckeinstellung erreicht werden kann. Das zeigt sich auch in der Praxis, obwohl mir genaue Zahlen dazu nicht bekannt sind. Besonders wichtig sind jedenfalls das Einbinden der Betroffenen und die Motivation zur Übernahme von Verantwortung. Und: Dass die bessere Einstellung des Blutdrucks die Rate kardiovaskuläre Ereignisse senken kann, ist belegt.

Ziel der Blutdruckselbstmessungen sind Profile, die mit der 24-Stunden-Messung vergleichbar sind. Ist das überhaupt ein realistisches Ziel?

Zweiker: Eine gegenseitige Ersetzbarkeit der Messungen besteht nicht, aber jede Methode hat ihre Vorteile. Das longitudinale Abbild des Blutdruckverlaufs über die Selbstmessung und die Abbildung der zirkadianen Blutdruckbelastung mit dem besonderen prognostischen Gewicht der nächtlichen Blutdruckwerte in der 24-h-Blutdruckmessung legen nahe, die beiden Methoden nicht als Alternative, sondern komplementär zu verwenden.

Horn: Meiner Meinung nach kann auch die perfekte Selbstmessung die 24h-Blutdruckmessung nicht ersetzen, da wir keine Nachtwerte erhalten. Dipping, non-Dipping oder sogar Reverse Dipping sind jedoch wichtige Informationen für die gute Blutdruckeinstellung sowie für die Bestimmung des kardiovaskulären Risikos.

Die Expertenempfehlung lautet, je nach Patient ein „Optimal“- oder „Minimal“-Regime einzusetzen: Was ist in der Praxis häufiger?

Eber: Diese Empfehlungen für ein Optimal- oder Minimal-Regime, die vom Präsidenten der Österreichischen Hypertonie-Gesellschaft Universitäts-Dozent Doktor Thomas Weber erstmals in Österreich ausgesprochen wurden, spiegeln das Bild in der Praxis sehr gut wider. Grundsätzlich sollte das individuelle Regime je nach Compliance des Patienten festgelegt werden. Häufige, bis zu dreimal tägliche Messungen empfehlen sich bei hoch motivierten Hypertonikern, die dann auch die Möglichkeit der medikamentösen Therapieanpassung haben sollten. Das Minimalregime definiert die Minimalanforderungen, die jeder Hypertoniker hinsichtlich Blutdruckselbstmessung befolgen sollt, also zumindest einmal pro Woche – da ist noch sehr viel Arbeit nötig.

Fasching: Ich würde meinen, dass mehr als 90 Prozent das „Minimalprogramm“ absolvieren. Die Optimalvariante würde natürlich die beste Begleitung einer komplexen Therapieumstellung oder das ideale Monitoring eines stark schwankenden Blutdrucks ermöglichen.

Oberarm oder Handgelenk – welche Messstelle ist Ihrer Meinung nach besser geeignet?

Wenzel: Die ÖGH empfiehlt Oberarm-Messgeräte, da die Messfehler hier deutlich geringer sind. Doch wenn ein Patient diese Geräte partout ablehnt, sollte er lieber mit einem Handgelenksgerät messen, als seinen Blutdruck gar nicht zu kontrollieren. Wir haben auf unserer Homepage ( www.hochdruckliga.at ) übrigens die aktuell empfohlenen Geräte gelistet. Dazu sei aber noch angemerkt: Die Liste besagt nicht, dass andere, nicht gelistete Geräte, nicht auch geeignet sein können. Die gelisteten Geräte erfüllen jedoch die von der deutschen und österreichischen Hochdruckgesellschaft festgelegten Kriterien und wurden zertifiziert.

Fasching: Ich persönlich bevorzuge Geräte mit Oberarmmanschette. Messungen am Handgelenk sind vielleicht einfacher durchzuführen, bei manchen Vergleichen aber weniger verlässlich. Letztlich bleibt es der Entscheidung des Einzelnen überlassen, mit welchem zugelassenen Blutdruckmessgerät er lieber misst.

Eber: Wo möglich, sind die standardisierten Oberarmgeräte zu empfehlen. Die Handgelenksmessung ist sinnvoll bei stabilem Sinusrhythmus, großem Oberarmumfang und aufgrund der Handlichkeit auch auf Reisen. Der diastolische Wert wird bei der Handgelenksmessung jedoch nur errechnet, das sollte bedacht werden.

Gewährleisten Allgemeinmediziner eine gute Schulung der Patienten?

Wenzel: Wir – das heißt, die Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie (ÖGH) – arbeiten sehr eng mit den Allgemeinmedizinern zusammen. Meine persönliche Erfahrung ist, dass viele Allgemeinmediziner eine gute hypertensiologische Arbeit leisten, insbesondere wenn sie sich für das Thema interessieren. Eine sehr gute Basis für die Ausbildung der Allgemeinmediziner in der Hypertensiologie ist das von der ÖGH seit einigen Jahren etablierte Hochdruck-Diplom.

Und reicht die einmalige Schulung, oder muss man bei Patienten doch regelmäßig nachkontrollieren, ob die Messung noch korrekt durchgeführt wird?

Grassner: Die Reevaluierung des Messvorgangs ist sicher in regelmäßigen Abständen nötig. Diese und auch die Grundschulung sollte durch geschultes Fachpersonal – also etwa auch die Ordinationshilfe oder diplomierte Kräfte – mit Ärzten gemeinsam durchgeführt werden, und kann durch Zusammenfassung von Patienten im Sprengel oder auch individuell erfolgen.

Wie stehen eigentlich Ärzte der Selbstmessung gegenüber? Geben sie gerne den Patienten mehr Kontrolle über ihre Krankheit?

Zweiker: In Österreich hat die Selbstmessung zu Recht eine lange Tradition. Die Akzeptanz ist daher bei Ärzten und bei Patienten sehr hoch. Dass Patienten damit auch Eigenverantwortung über ihre Erkrankung übernehmen können, ist aus meiner Sicht kein unerwünschter, sondern ganz im Gegenteil ein hochwillkommener Nebeneffekt.

Heißt das, in Zukunft werden (fast) alle Patienten Selbstmesser?

Grassner: Mit entsprechender Schulung, ähnlich der strukturierten Therapie des Diabetes Disease Management Programms wäre das anstrebenswert.

Die Interviews führte Dr. Lydia Unger-Hunt.

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