zur Navigation zum Inhalt
© Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs
 
Kardiologie 19. Oktober 2015

Seelisches Trauma Herzinfarkt

Interview Beste Gesundheit-Betriebe

Ein Myokardinfarkt bedeutet für den Patienten einen psychischen Ausnahmezustand, der zur Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung führen kann. Moderne Behandlungsmethoden haben gute Erfolgschancen, berichtet Mag. Alexander Urtz vom Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs im Gespräch mit der Ärzte Woche.

Seit wann ist das Auftreten eines seelischen Traumas nach einer rein somatischen Erkrankung bekannt?

Urtz: Die ältesten Arbeiten wurden bereits in den 60er- und 70er-Jahren veröffentlicht. Die posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, ist natürlich in vielen anderen Bereichen schon länger bekannt, wird aber häufig ausschließlich mit seelischen Traumen assoziiert. Die Erkenntnis, dass sie auch nach rein somatischen Erkrankungen auftreten kann, hat sich im medizini- schen Bereich am frühesten wahrscheinlich bei Krebserkrankungen durchgesetzt.

Wie hoch ist der Prozentsatz der Patienten mit kardialer Erkrankung, die nachfolgend eine PTBS entwickeln?

Urtz: In Österreich werden jährlich mehr als 300.000 Patienten stationär mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung versorgt, rund elf Prozent entwickeln in der Folge ein psychisches Trauma mit Angst, vegetativer Übererregtheit, Schlafproblemen, Nervosität und immer wieder auftretenden Symptomen, die einer Herzerkrankung ähneln wie Druck in der Brust, Atemnot und Herzrasen. Ein Beispiel: Ein Patient erleidet einen Myokardinfarkt, wird medizinisch gut versorgt und wieder entlassen. Monate später sucht er aufgrund eines Druckgefühls im Thoraxbereich, Atemnot und Angst, wieder einen Infarkt zu haben, erneut das Krankenhaus auf. Laut Untersuchung ist das Herz aber gesund, die Beschwerden lassen nach und der Patient wird mit einem Beruhigungsmittel nach Hause geschickt.

Im wiederholten Falle wäre es wünschenswert, den Patienten über die Möglichkeit einer PTBS aufzuklären und ihn an einen Psychologen oder Psychotherapeuten zu überweisen; im Optimalfall hat dieser Psychologe oder Therapeut eine traumapsychologische Ausbildung. Auch bei Hausärzten, die ja ebenfalls häufig eine erste Anlaufstelle für beunruhigte Herzpatienten sind, sollte das Bewusstsein für die Möglichkeit einer PTBS verstärkt werden, ebenso das Wissen, dass es psychologische Behandlungsmethoden gibt, nicht nur Antidepressiva oder Anxiolytika.

Umgekehrt gilt das natürlich auch: Psychologen und Psychotherapeuten müssen ein verstärktes Bewusstsein dafür entwickeln, dass eine PTBS auch nach einer rein somatischen Erkrankung auftreten kann. Man muss also die Schnittstellen zwischen Ärzten und Psychologen entwickeln und verbessern; wir werden beispielsweise nächstes Jahr am 21. Mai einen eintägigen Kongress zum Thema „der traumatisierte Herzinfarktpatient“ abhalten.

Welche Methode zur Behandlung der PTBS nach Myokardinfarkt setzen Sie in Groß Gerungs ein?

Urtz:Wir setzen die Methode des „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ ein, kurz EMDR*. In der Traumabehandlung mit EMDR wird das Erlebte noch einmal erinnert, diesmal aber langsam, mit Pausen und in Begleitung eines klinischen Psychologen. Dabei wird jedes Erinnerungsfragment so lange bearbeitet (dies entspricht dem Vorgang des ‚Desensitization and Reprocessing‘), bis es als neutral erlebt wird. Unterstützt wird die Verarbeitung durch bilaterales Tappen auf den Brustkorb oder bilaterale Augenbewegungen. Des Weiteren werden positive, auf den Infarkt bezogene Kognitionen eingewoben wie: „Ich habe überlebt. Es ist vorbei. Es ist gut gegangen. Ich habe Glück gehabt.“ Die Kognitionen müssen für den Patienten stimmig und dem Erlebten angepasst sein. Dem Gehirn wird in dem Behandlungsprozess Zeit gegeben, die fragmentierten Informationen zu sammeln, zu bearbeiten und neu abzuspeichern.

Wie sehen die Erfolgsquoten für diese Methode aus?

Urtz: Sehr gut, in einer hauseigenen Studie an 33 Patienten konnte die psychische Belastung betroffener Patienten deutlich reduziert werden, und der Behandlungserfolg war im Follow up stabil oder hat sich bei den meisten Patienten noch weiter verbessert.

Das Gespräch führte Dr. Lydia Unger-Hunt

 

* Unter http://www.emdrnetzwerk.at/ ist eine List der EMDR-ausgebildeten Psychologen abrufbar.

Das Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs

Das Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs im Waldviertel ist sowohl auf die Rehabilitation nach akutmedizinischen kardiovaskulären Eingriffen als auch auf Präventionsmaßnahmen spezialisiert. Nach einer umfassenden Diagnostik, bei der die relevanten prognostischen Parameter (Herzmuskelleistung, körperliche Leistungsfähigkeit) erhoben werden, wird ein individualisiertes Bewegungsprogramm zusammengestellt. Ernährungstherapeutische Maßnahmen, psychologische Betreuung und Optimierung der Medikation ergänzen den multimodalen Ansatz der stationären Rehabilitation, um einen nachhaltigen Behandlungserfolg zu gewährleisten! EMDR wird im Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs seit mittlerweile sieben Jahren erfolgreich angewendet.

Weitere Informationen:

Tel: +43 (0) 2812/86 81-0

www.herz-kreislauf.at

Vertragspartner der Österreichischen Sozialversicherung

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben