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Heuer in London: der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie
 
Kardiologie 9. Oktober 2015

ESC präsentiert in London fünf neue Leitlinien

In kaum einem anderen Fach sind Leitlinien so wichtig wie in der Kardiologie. Für fünf Krankheitsbilder gibt es nun „druckfrische“ Guidelines.

Die neue ESC Leitlinie zum Thema „Ventrikuläre Arrhythmien und plötzlicher Herztod“ enthält erstmals die Empfehlung, bei jungen, am plötzlichen Herztod verstorbenen Menschen post mortem eine DNA Analyse vorzunehmen. Ziel ist, mögliche genetische Ursachen zu erkennen, um potenziell gefährdete Familienmitglieder zu schützen. Eine weitere bedeutsame neue Empfehlung dient der Identifizierung von Patienten mit ischämischer Herzerkrankung, die von einem ICD profitieren könnten. Seit den Langzeitergebnissen der MADIT II Studie ist nämlich klar, dass bei einer Auswurffraktion von unter 30% ein ICD die Überlebenszeit von Postinfarktpatienten im NYHA-Stadium II und III verlängert. In den Leitlinien wird eine Reevaluation der linksventrikulären Funktion 6 bis 12 Wochen nach einem Infarkt empfohlen, um über den Bedarf eines ICDs zu entscheiden.

Zum Einsatz der kardialen Resynchronisationstherapie (CRT) fordert die Leitlinie weitere Studien, in denen auch die Rolle des QRS-Komplexes für das Ansprechen auf die Therapie noch weiter untersucht werden müsse.

NSTE-ACS: Arm statt Leiste als Zugangsweg

Zur Frage des Zugangswegs für die PCI bei Patienten mit ACS ohne persistierende ST-Erhöhung zeigen neue Daten, dass der radiale Zugang auch in diesem Patientenkollektiv besser und daher zu favorisieren ist.

Die neue Leitlinie enthält außerdem einen kürzeren Algorithmus für die Diagnose bei Verdacht auf NSTEMI. Wenn hsTroponin-Assays verfügbar sind, kann der Test sofort bei der Präsentation und dann nach 1 Stunde oder, wie bisher empfohlen, nach 3 Stunden erfolgen. Beide Algorithmen können verwendet werden. Das 1-Stunden-Protokoll beschleunigt aber die Diagnose und Behandlung eines NSTEMI – oder schließt ihn aus, sodass der Patient früher entlassen oder anderen Untersuchungen zugeführt werden kann.

Zur Dauer der dualen Plättchehemmung (DAPT) bleibt die allgemeine Empfehlung für eine 1-jährige Dauer aufrecht. Laut neuer Guideline ist aber auch eine verkürzte Dauer von 3-6 Monaten oder eine verlängerte (bis 30 Monate) für Patienten mit erhöhtem Blutungs- bzw. ischämischem Risiko erlaubt.

Bezüglich des optimalen Timings der P2Y12-Inhibitoren bei NSTE-ACS-Patienten, bei denen invasive Maßnahmen geplant sind, war in der 2011er Leitlinie die Gabe direkt bei Diagnose empfohlen, inzwischen gibt es aber eine Studie mit Prasugrel, die bei diesem Vorgehen eine erhöhte Blutungsrate im Vergleich zur Gabe direkt vor der Intervention zeigte. Eine Prasugrel-Vorbehandlung gilt daher nun als kontraindiziert. Für Ticagrelor and Clopidogrel gibt es in bei NSTE-ACS keine Studien zum optimalen Timing vor einer invasiven Therapie bei NSTEMI. Die neue Leitlinie gibt dementsprechend dazu auch keine Empfehlung ab.

Perikardiale Erkrankungen: Neue Leitlinie nach 11 Jahren

Seit der letzten Perikarditits-Leitlinie aus dem Jahr 2004 hat sich viel getan. Vor allem gab es die randomisierten Studien mit Colchicin, das nun als Firstline-Medikament (plus ASS oder NSAR) bei akuter Perikarditis empfohlen wird. In den Studien hatte Colchicin die Remissionsraten erhöht und das Risiko für ein Wiederauftreten der Erkrankung, das im Schnitt rund 30% beträgt, reduziert.

In der Leitlinie sind nun auch spezifische Kriterien für die Diagnose der Perikarditis und des Perikardergusses angeführt.

Die Umsetzung der neuen Guideline lässt Verbesserungen im Outcome und für die Lebensqualität der Patienten erwarten.

Frühe Endokarditis-Behandlung im Team senkt Mortalität

In der neuen Leitlinie zur Endokarditis haben sich vor allem die Empfehlungen zur Bildgebung für die Diagnose geändert. Während die 2009er Leitlinie hauptsächlich auf die Echokardiografie fokussierte, wird in der neuen Version die Notwendigkeit eines multimodalen Bildgebung unterstrichen. Das PET-CT wurde in den neuen Diagnosealgorithmus aufgenommen.

Bezüglich Therapie wird einer interdisziplinäre Betreuung gefordert. Kardiologen, Herzchirurgen und Infektiologen sollen zum Team gehören. Durch den multidisziplinären Ansatz ist es gelungen, die Einjahres-Mortalität der Patienten mit infektiöser Endokarditis dramatisch von 18,5 auf 8,2 Prozent zu senken.

Die Leitlinie streicht auch die Bedeutung der frühen Diagnose, frühen antibiotischen Behandlung und frühen Chirurgie heraus. Strategien zur Verhinderung von Verzögerungen werden angeführt.

Pulmonale Hypertonie

Im Vergleich zur Version aus dem Jahr 2009 führen die neuen gemeinsamen Empfehlungen von ESC/ERS einen neuen Behandlungsalgorithmus ein, wobei die Therapiestrategien vor allem auf dem Risikoprofil des jeweiligen Patienten basieren. Es werden sowohl sequenzielle als auch initiale Kombinationen empfohlen und erstmals wird auch eine frühzeitige Lungentransplantation in Betracht gezogen.

Zur Diagnosebestätigung bei PAH wird eine Rechtsherz-Katheterisierung empfohlen.

Für die chronisch thromboembolische pulmonale Hypertonie (CTEPH) gibt es einen neuen Therapiealgorithmus, der chirurgische, medikamentöse und interventionelle Behandlungsstrategien einschließt. Die aktualisierte Klassifikation und ein neuer Diagnose-Algorithmus sollen helfen, die Erkrankung jedes individuellen Patienten besser zu definieren, sodass er die am besten geeignete Therapie erhalten kann.

Alle Guidelines sind online auf der Seite der ESC sowie des European Heart Journal verfügbar.

Einen ausführlichen Bericht mit den Details zu allen fünf neuen Guidelines finden Sie in der Oktober-Ausgabe von Cardio News Deutschland sowie in der Dezember Ausgabe von Cardio News Austria

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