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Die Messung der Greifkraft ist eine einfache und kostengünstige Methode, um das Mortalitäts- und kardiovaskuläre Risiko einschätzen zu können.
 
Kardiologie 17. Juni 2015

Alles im Griff?

Wer fest zupacken kann, hat eine gute Prognose.

Muskelschwäche als Hinweis auf kardiovaskuläre Probleme? In einer internationalen Längsschnittstudie wurde untersucht, ob dieser Parameter universell und unter verschiedensten wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen zuverlässig ist.

Die Greifkraft ist ein Parameter, der schnell, kostengünstig und einfach zu erfassen ist. Ist sie vermindert, kann dies auf ein erhöhtes Mortalitätsrisiko hinweisen. Im Rahmen einer Längsschnittstudie haben Daryl Leong vom kanadischen Hamilton General Hospital in Hamilton, und Kollegen, die prognostische Bedeutung der Greifkraftmessung in 17 Ländern mit sehr unterschiedlichem sozioökonomischem Hintergrund verglichen. Hierfür werteten sie die Daten von 139.691 Teilnehmern der „Prospective Urban-Rural Epidemiology (PURE)“-Studie aus. Nachdem bei den Probanden im Alter zwischen 35 und 70 Jahren unter anderem mit einem Jamar-Dynamometer die Greifkraft bestimmt worden war, wurden sie über vier Jahre hinweg beobachtet.

Unterschiede etwa bei Europäern und Asiaten

Eine größere Greifkraft war typisch für Jüngere, Männer, Sportler und Probanden, die in einem Arbeitsverhältnis standen, einen höheren Bildungsstand hatten, sich proteinreich ernährten, groß und schwer waren und starke Oberarme hatten. Deutliche Unterschiede zeigten sich bei Männern und Frauen nach Berücksichtigung von Alter und Größe auch im Hinblick auf ihre ethnische Herkunft. So hatten beispielsweise südasiatische Probanden die geringste Greifkraft, während die Probanden in den europäischen Ländern am besten zupacken konnten. Eine bereits zu Studienbeginn herabgesetzte Greifkraft stand im Zusammenhang mit Hypertonie, koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Schlaganfall und COPD.

Während der mittleren Beobachtungszeit von vier Jahren verstarben 3.379 der Probanden. Bei 2.677 von ihnen war die Todesursache bekannt. Der adjustierte Vergleich belegte, dass die unterschiedlichen Einkommensverhältnisse in den verschiedenen Ländern die Zusammenhänge zwischen Greifkraft und Todesursache bis auf zwei Ausnahmen (Krebserkrankungen und Klinikaufnahme wegen einer respiratorischen Erkrankung) nicht beeinflussten. So erhöhte eine um 5 kg verminderte Greifkraft das Risiko für die Gesamtsterblichkeit signifikant um 16 Prozent, für die kardiovaskuläre und nicht kardiovaskuläre Mortalität um jeweils 17 Prozent, für den Myokardinfarkt um 7 Prozent und den Schlaganfall um 9 Prozent. Kein signifikanter Zusammenhang ergab sich für die Entwicklung eines Diabetes.

Auch die Risiken einer Klinikeinweisung wegen Pneumonie oder COPD oder einer Verletzung durch Fall oder Fraktur waren bei verminderter Greifkraft nur gering erhöht. Eine Besonderheit der einkommensstarken Länder war, dass sich zwischen der Greifkraft und dem Krebsrisiko ein positiver Zusammenhang abzeichnete.

Stärkerer Mortalitätsprädiktor als Hypertonie

In einem Post-hoc-Vergleich erwies sich die Greifkraft sogar als stärkerer Prädiktor für die Gesamtmortalität als der systolische Blutdruck (Hazard Ratio HR 1,37 vs. 1,15). Für den kardiovaskulären Tod war der Vorhersagewert einer verminderten Greifkraft ähnlich wie der einer Hypertonie (HR 1,45 vs. 1,43). Die gleiche Analyse zeigte auch, dass das Maß an körperlicher Aktivität keine klare Prognose hinsichtlich Sterblichkeit und Herz-Kreislauf-Problemen erlaubte.

Die Studie belegt, so Leong und Kollegen, dass mit der Messung der Greifkraft eine einfache und kostengünstige Methode zur Verfügung steht, um das Mortalitäts- und kardiovaskuläre Risiko eines Patienten einzuschätzen. Dabei sei die Effektstärke für die kardiovaskuläre Mortalität doppelt so hoch wie die für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Möglicherweise, so Leong und Kollegen, sei die Verringerung der Muskelkraft ein Teilaspekt auf dem Weg zu einem kardiovaskulären Ereignis und damit ein potenzieller Biomarker, mit dem Risikopatienten frühzeitig entdeckt werden könnten. Weitere Studien seien erforderlich, in denen untersucht werden sollte, ob die kardiovaskulären Mortalitätsquoten durch gezielte Intervention und die damit verbundene Verbesserung der Greifkraft reduziert werden könnten.

Originalpublikation: Leong DP et al. Prognostic value of grip strength: findings from the Prospective Urban Rural Epidemiology (PURE) study. Lancet, online 14. Mai 2015

springermedizin.de, Ärzte Woche 25/2015

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