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© TLAK / Kresser Güner
 
Kardiologie 26. Mai 2015

Erfolg ist, wenn das Gesamtpaket stimmt

Der 17. Kardiologie Kongress Innsbruckwar auch heuer wieder sehr gut besucht. Tagungspräsident Professor W.-M. Franz zieht Bilanz im Gespräch mit Cardio News Austria.

Wie viele Teilnehmer waren zu verbuchen, welche Rückmeldungen bekamen sie von den Besuchern?

Prof. Franz: Heuer wurde erstmals seit Bestehen dieses Kongresses mit über tausend Teilnehmern diese „magische“ Grenze überschritten. Alle Hauptsitzungen waren sehr gut besucht, der Europa Saal war vom Beginn bis zum Ende der Veranstaltung immer voll besetzt. Die Rückmeldungen zum Kongress waren extrem positiv. Besonders die neuen Elemente der Veranstaltung wurden sehr gut angenommen.

Welche Elemente sind das und worauf beziehen sie sich?

Prof. Franz: Zum Beispiel das Cardio-Frühstück, das es heuer zum ersten Mal gab und so große Resonanz fand, dass wir dieses Format auch nächstes Jahr wieder anbieten möchten. Ich dachte nicht, dass es derart gut ankommt, einen ganzen Vormittag lang ausschließlich Fälle zu diskutieren. Wir hatten acht Kasuistiken, die von je einem Präsentator vorgestellt wurden. Die darauffolgende Diskussion, an der sich alle beteiligen konnten, wurde von vier Moderatoren geleitet. Die Teilnehmer konnten viel praxisbezogenes Wissen mit nach Hause nehmen. Ebenfalls neu war, dass es heuer gleich drei Symposien, verteilt auf zwei Tage, für das kardiologische Assistenz- und Pflegepersonal, gab. Nächstes Jahr möchten wir die Inhalte blockförmig anbieten, und zwar parallel zu einer Hauptsitzung, die vom Thema her so gewählt sein wird, dass kein Interessenkonflikt droht.

Bei einem der drei Symposien für Assistenzpersonal wurde ein Film gezeigt. Worum ging es dabei?

Prof. Franz: Das Team unseres Katheterlabors hat einen Film gedreht, der die Wahrnehmung der Herzkatheteruntersuchung aus der Sicht des Patienten zeigt. Ich möchte meinem Team zu diesem außerordentlich wichtigem Film gratulieren, der bei der Veranstaltung in kleinem Rahmen gezeigt wurde, aber sicherlich auch für ein größeres Publikum sehenswert wäre. Es ist wichtig, sich immer wieder klar zu machen, dass die Umgebung im Katheterlabor zwar für das Personal alltäglich ist, nicht aber für den akut kranken Patienten. Die vielen Apparate, die Fachsprache, die er nicht versteht, das Gefühl ausgeliefert zu sein und die Angst vor dem Tod – das alles sollten wir vielmehr in unserem Handeln berücksichtigen. Ein Film, der die Sicht des Patienten darstellt, kann dazu viel beitragen.

Das Programm hat neuerlich die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit unterstrichen. Wo besteht noch Handlungsbedarf?

Prof. Franz: Im interventionellen Bereich wurde die Forderung nach interdisziplinären Heart-Teams schon fast überall umgesetzt. Nachdem in den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie zur koronaren Revaskularisation und zur Behandlung von Herzklappenerkrankungen die Entscheidungsfindung in solchen Teams explizit gefordert wurde, erfolgte rasch die praktische Umsetzung dieser Empfehlung. Auf viel weniger festen Beinen steht die fächerübergreifende Zusammenarbeit beim kryptogenen Schlaganfall und beim onkologischen Patienten. Beiden Bereichen war eine Hauptsitzung gewidmet. Bezüglich des Managements des kryptogenen Insults war man sich einig, dass ein neuer Zugang, mit einem intensiveren Dialog zwischen Neurologen und Kardiologen, zu diesem Krankheitsbild nötig ist. Obwohl davon auszugehen ist, dass die Mehrzahl dieser Insulte eine Embolie zugrunde liegen dürfte, fließen derzeit wichtige Parameter, die die embolische Genese untermauern würden, nicht in die Entscheidungsfindung ein. Weder ein vergrößerter linker Vorhof noch ein typisches Emboliemuster in der Magnetresonanz gelten als anerkannte Argumente für eine Antikoagulation. Auch bezüglich des Einsatzes von Eventrekordern zur Detektion unbekannten Vorhofflimmerns gibt es keine klaren Empfehlungen. Ein erster guter Ansatz sind die neuen (ESUS) Kriterien, die derzeit intensiv diskutiert werden. In jedem Fall aber ist eine engere Zusammenarbeit von Kardiologen und Neurologen nötig, um den Anteil der als kryptogen zu klassifizierenden Insulte in Zukunft zu reduzieren.

Und wie ist der aktuelle Stand in der Kardioonkologie?

Prof. Franz: Hier gibt es viele Fragestellungen, die der Onkologe mit dem Kardiologen besprechen sollte. Die Kardiotoxizität von Chemotherapien, die durch bestimmte Malignome stark erhöhte Thromboemboliegefahr sowie potenzielle Interaktionen von onkologischen und kardialen Medikamenten sind einige Beispiele, die im Rahmen des Kongresses ausführlich abgehandelt wurden.

Interessante Ansätze verfolgen das von Professor Hilbe initiierte CACOCA-Register, das die Kardiotoxizität von Chemotherapeutika im klinischen Alltag erfassen soll, sowie ein neuer Score, der einer gezielten Evaluierung des individuellen Thromboembolierisiko dient. Medikamente der Wahl zur Prophylaxe und Therapie thromboembolischer Ereignisse beim onkologischen Patienten sind die niedermolekularen Heparine.

Neben rein fachlichen Themen haben sie im Programm auch zwei für die Medizin höchst relevante gesellschaftspolitische Entwicklungen aufgegriffen. Warum?

Prof. Franz: Sie sprechen die Vorträge „Eidenzbasierter Gesundheitstourismus“ und „eHealth-Moblity“ an. Mit beiden Bereichen sollte sich das Fachgebiet der Kardiologie auseinandersetzen. So etwa ist es für alpine Regionen wie Tirol durchaus wichtig, sich mit der kardialen Gesundheit der Urlauber zu beschäftigen. Immerhin sind etwa 30 Prozent der Patienten, die wegen eines akuten Koronarsyndroms an unsere Klinik kommen, Touristen. Zum einen ist es hier wichtig zu kommunizieren, dass eine optimale Versorgung sichergestellt ist. Der Transport mit dem Helikopter im alpinen Bereich funktioniert in Tirol ausgezeichnet, da können wir im internationalen Vergleich gut mithalten. Zum anderen stellt sich die Frage, inwiefern es Sinn machen würde, für Urlauber mit kardialer Grunderkrankung oder entsprechendem Risikoprofil einen Gesundheitscheck anzubieten, bevor sie sich in den alpinen Raum begeben.

Warum liegt Ihnen das Thema eHealth-Mobility am Herzen?

Prof. Franz: Wie aus dem Vortrag des Gesundheitsökonoms, Thomas Kapitza, hervorging, handelt es sich dabei um einen der stärksten Wachstumsmärkte westlicher Volkswirtschaften. Vor allem der Markt für so genannte Smart Health Wearables wie Uhren, Armbänder, Fitnesstracker oder Sensorpflaster, die Daten über Körperfunktionen liefern, sowie für diverse Health Apps ist riesig. Dass damit unvorstellbare Datenmengen anfallen, die nur mehr von jenen verwaltet werden können, die die nötige IT-Kompetenz haben, ist klar. Kein Wunder also, dass Konzerne wie Amazon und Google bereits Milliarden Dollar in diesen Markt investiert haben. In diesem Zukunftsmarkt liegt langfristig die Kontrolle von Gesundheit und Krankheit nicht mehr in den Händen von Ärzten oder anderem medizinischen Fachpersonal, sondern in jenen von internationalen „IT-Riesen“ und deren neuen Geschäftsbereichen. Vor dem Hintergrund der Verknappung der Ressource Arzt sollten wir Kardiologen auf diese Entwicklung vorbereitet sein.

Zurück zur Medizin im engeren Sinn. Was waren für Sie die wichtigsten Botschaften?

Prof. Franz: Eine hochinteressante Neuigkeit ist die Erkenntnis, dass sich bei Frauen die Herzmuskelhypertrophie nach einer TAVI besser zurückbildet als bei Männern. Männer neigen stärker zu fibrotischer Umwandlung des druckbelasteten Herzmuskels, welche weniger reversibel ist. Dies könnte der Grund dafür sein, warum Frauen, vor allem ältere, extrem von der TAVI profitieren. Trotzdem muss klar sein, dass Alter oder Geschlecht, nicht die alleinige Entscheidungsgrundlage für die Art der Behandlung bei Aortenklappenstenose sein dürfen. Die Entscheidung, ob Operation, TAVI oder konservative Therapie muss immer individuell im Heart-Team getroffen werden. Sehr interessant erscheinen mir auch die Westen, die eine Lokalisation von Arealen erlauben, die für das Entstehen und die Aufrechterhaltung von Vorhofflimmern verantwortlich sind. Sie könnten eine Möglichkeit darstellen, um die Erfolgsaussichten der Katheterablation zu steigern. Seitens der Herzinsuffizienz machten die unterschiedlichen Vorträge klar, dass nicht nur neue Therapieansätze, sondern auch neue Strukturen und Organisationsformen nötig sind, um mit der steigenden Prävalenz des Krankheitsbildes klar zu kommen. Ein interessanter Ansatz ist zum Beispiel die Heart Failure Unit, die sich durch eine intensive Zusammenarbeit zwischen Kardiologen und Herzchirurgen auszeichnet. An der Universitätsklinik Heidelberg bereits gut etabliert, würde sich eine solche Einheit auch für das neue Herzzentrum in Innsbruck anbieten. Da aufgrund der Knappheit von Spenderorganen mittlerweile selbst für „HU“, also high urgency, gelistete Transplantationskandidaten die Wartezeit immer länger wird, wird nach Wegen gesucht, die Mortalität dieser Patienten zu reduzieren. Da stehen oft schwierige Entscheidungen und komplexe Therapien an, die am besten in einem spezialisierten, interdisziplinären Team, wie dem einer Heart Failure Unit, getroffen bzw. durchgeführt werden können. Es wären noch einige weitere wichtige Botschaften der Vorträge zu nennen; sie alle anzuführen würde allerdings den Rahmen dieses Interviews sprengen.

 

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