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© Catherine Yeulet / Getty Images / iStockphoto.com
Die Notwendigkeit einer regelmäßigen Einnahme von Lipid- und Blutdrucksenkern sollte Thema sein.
 
Kardiologie 4. Dezember 2013

Lipid- und Blutdrucksenkung

Herzinfarkt – auch Folge von mangelnder Therapietreue.

Eine unzureichende Einnahme von Lipid- oder Blutdrucksenker begünstigt die Entwicklung von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Autoren einer sehr umfangreichen Metaanalyse schätzen, dass in Europa rund neun Prozent aller kardiovaskulären Ereignisse mangelnder Therapietreue anzulasten sind.

Im Falle „evidenzbasierter“ Therapien, deren Wirksamkeit in kontrollierten Studien dokumentiert wurde, ist zu erwarten, dass eine unzureichende Therapietreue die klinische Effektivität mindert. In welchem Maß steigt bei „Nicht-Adhärenz“, also bei Nicht-Einhaltung von als erforderlich angesehenen Therapiemaßnahmen wie Lipidsenkung, das kardiovaskuläre Risiko der Patienten?

Studien mit knapp zwei Millionen Teilnehmern

Zur Klärung dieser Frage hat eine Forschergruppe an der Universität Cambridge eine riesige Datenmenge systematisch ausgewertet. Ihre im „European Heart Journal“ publizierte Metaanalyse basiert auf Daten aus 44 prospektiven Kohortenstudien, an denen knapp zwei Millionen erwachsene Personen beteiligt waren (Chowdhury R. et al.: Adherence to cardiovascular therapy: a meta-analysis of prevalence and clinical consequences. Eur Heart J. 2013;34:2940-48).

Im Beobachtungszeitraum waren mehr als 135.000 kardiovaskuläre Ereignisse und rund 94.000 aufgetretene Todesfälle erfasst worden. Auf dieser Datengrundlage verglichen die Forscher die kardiovaskulären Risiken von Patienten, deren Therapieadhärenz bezüglich der Einnahme von Statinen oder Blutdrucksenkern als gut oder als schlecht beurteilt wurde. Als gut galt die Therapieadhärenz, wenn mehr als 80 Prozent der in einem bestimmten Zeitraum zu schluckenden Medikamente auch tatsächlich eingenommen worden waren.

Gute Adhärenz nur bei 60 Prozent aller Teilnehmer

Nur bei 60 Prozent aller Studienteilnehmer stellten die Untersucher nach diesem Kriterium eine zufriedenstellende Therapietreue fest. In dieser Gruppe betrug das relative Risiko für das Auftreten kardiovaskulärer Ereignisse 0,8 im Vergleich zur Gruppe mit schlechter Adhärenz, was einer Risikoreduktion um 20 Prozent entspricht.

Dabei zeigten sich Unterschiede in Abhängigkeit von der Art der Medikation. Im Fall der Statine war bei guter Compliance das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse relativ um 15 Prozent niedriger; im Fall der Antihypertensiva war eine gute Adhärenz mit einem um 19 Prozent niedrigeren Risiko assoziiert.

Niedrigere Mortalität bei guter Therapietreue

Die Unterschiede in der Therapieadhärenz spiegeln sich auch in der Mortalität wider: Eine gute Compliance bezüglich der Statintherapie war mit einem um 45 Prozent niedrigeren Sterberisiko assoziiert, bezüglich der antihypertensiven Therapie betrug die entsprechende Risikoreduktion bei guter Adhärenz 29 Prozent.

Absolut betrachtet gehen nach Berechnungen der Autoren jährlich 13 kardiovaskuläre Ereignisse pro 100-000 Personen auf das Konto mangelnder Therapietreue. Auf der Grundlage der ermittelten relativen und absoluten Risiken gelangen sie zu der der Schätzung, dass in Europa rund neun Prozent aller kardiovaskulären Ereignisse in Zusammenhang mit einer ungenügenden Therapieadhärenz stehen.

Adhärenz und Schlaganfallrisiko bei Hypertonikern

In derselben Ausgaben des „European Heart Journal“ präsentiert eine finnische Arbeitsgruppe eine Analyse zum Zusammenhang zwischen Therapieadhärenz und Schlaganfallrisiko bei Patienten mit Bluthochdruck (Kimmo Herttua et al.: Adherence to antihypertensive therapy prior to the first presentation of stroke in hypertensive adults: population-based study, Eur Heart J 2013; 34: 2933-39).

Basierend auf Registerdaten von mehr als 73.500 Hypertonikern haben die Forscher die Einnahmetreue bezüglich Antihypertensiva erstmals langfristig Jahr für Jahr über mehr als ein Jahrzehnt (1995 bis 2007) untersucht und in Beziehung zur Inzidenz von tödlichen und nicht tödlichen Schlaganfällen gesetzt. In dieser Zeit kam es zu 2.144 tödlichen Hirninsulten und mehr als 24.500 Klinikeinweisungen infolge Schlaganfall.

Risiko tödlicher Schlaganfälle vervierfacht

Anhand von Rezepteinlösungen festgestellte Nicht-Adhärenz war nach zwei Jahren mit einem rund vierfach höheren Risiko für einen tödlichen Schlaganfall assoziiert; nach zehn Jahren bestand noch ein um der Faktor 3 höheres Risiko. Nicht-Adhärenz ging auch mit einer entsprechenden Erhöhung der Rate an schlaganfallbedingten Klinikaufnahmen einher. Auch die Art der Medikation schien von Bedeutung zu sein. So war Non-Adhärenz von Patienten, die eine Kombination aus Hemmern des Renin-Angiotensin-Systems und Diuretika oder Betablocker erhielten, mit einer besonders ausgeprägten Risikoerhöhung assoziiert.

Dosis/Wirkungs-Beziehung

Die Forscher beobachteten auch so etwas wie eine Dosis/Wirkungs-Beziehung zwischen Adhärenz und Risiko – was ein starkes Signal für Kausalität ist. Nach einer Graduierung der Therapietreue in „gut“, „intermediär“ und „schlecht“ stellten sie fest, dass das Schlaganfallrisiko mit zunehmender Verschlechterung der Therapietreue kontinuierlich anstieg.

springermedizin.de/ob, Ärzte Woche 49/2013

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