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Kardiologie 20. November 2013

Hypothermie bei Myokardinfarkt

STEMI: Kardioprotektion durch therapeutische Kühlung?

Durch Einleitung einer milden therapeutischen Hypothermie konnte die Infarktgröße bei Patienten mit ST-Streckenhebungs-Myokardinfarkt (STEMI) in einer Studie insgesamt nicht entscheidend verringert werden. Es ergaben sich aber Anhaltspunkte, dass zumindest einige Infarktpatienten dennoch von diesem neuen Therapieansatz profitieren könnten.

Das Konzept der therapeutischen Hypothermie ist bisher vor allem – mit einigem Erfolg – bei Patienten mit Herzstillstand untersucht worden. Die Hoffnung besteht, dass eine kontrollierte milde Senkung der Körperkerntemperatur auch beim akuten Herzinfarkt von kardioprotektiver Wirkung sein könnte. Dafür sprechen zumindest tierexperimentelle Befunde, wonach eine solche Kühlung die Infarktgröße reduzieren kann. Dabei schienen protektive Effekte der Hypothermie sowohl in der Ischämie- als auch Reperfusionsphase zur Geltung zu kommen. Eine erst nach der Reperfusion begonnene Kühlung zeigte hingegen kaum Wirkung.

Vorliegende klinische Studien enttäuschten

Die Ergebnisse klinischer Studien bei Infarktpatienten waren allerdings eher ernüchternd. In zwei bereits vor rund zehn Jahren vorgestellten Studien (COOL-MI, ICE-IT) war kein therapeutischer Nutzen festzustellen. Nur bei Patienten mit Vorderwandinfarkt, deren Körpertemperatur bereits vor der Reperfusion auf 35 Grad Celsius und darunter gefallen war, wurde eine tendenzielle Abnahme der Infarktgröße beobachtet.

Neuer Versuch mit CHILL-MI

Einen neuen Versuch, die Hypothermie als innovatives Behandlungskonzept bei akutem Myokardinfarkt zu etablieren, hat eine Forschergruppe um Dr. David Erlinge aus dem schwedischen Lund in der CHILL-MI-Studie unternommen. In die randomisierte kontrollierte Studie sind 120 Patienten mit akutem STEMI (Vorderwand- oder großer Hinterwandinfarkt, Symptombeginn maximal vor sechs Stunden) aufgenommen worden, die alle einer primären perkutanen Koronarintervention (PCI) zur Revaskularisation unterzogen wurden.

Kalte Kochsalzlösung plus Kühlkatheter

Bei der Hälfte der Studienteilnehmer ist noch vor der PCI eine rasche Hypothermie-Induktion mittels Infusion von kalter Kochsalzlösung (4 Grad Celsius) eingeleitet worden, gefolgt von anschließender Kühlung per endovaskulärem Kühlkatheter. Die andere Hälfte der Teilnehmer bildete die Kontrollgruppe.

Primärer Studienendpunkt war die MR-tomografisch gemessene Infarktgröße in Relation zum gefährdeten Myokardareal (area at risk). Die Messungen erfolgten in der Regel nach etwa vier Tagen.

Insgesamt führte die Hypothermie-Behandlung nur zu einer tendenziellen und nicht signifikanten Abnahme der Infarktgröße um 13 Prozent im Vergleich zur Kontrollgruppe. In der Subgruppe mit Hinterwandinfarkt betrug die Reduktion lediglich 9 Prozent, während sie bei Vorderwandinfarkt mit 27 Prozent zwar stärker ausgeprägt, aber ebenfalls nicht signifikant war.

Weitere Forschung bei ausgewählten Infarktpatienten?

In einer exploratorischen Analyse schauten die Untersucher dann auch nach jenen Patienten mit Vorderwandinfarkt, die relativ zügig (maximal nach vier Stunden) zur PCI kamen. Bei diesen Patienten war nach therapeutischer Hypothermie eine auch statistisch signifikante Reduktion der Infarktgröße um 33 Prozent feststellbar (p = 0,046).

Aus Sicht von Erlinge erscheint es deshalb lohnenswert, die klinische Erforschung der Hypothermie-Induktion als ergänzende Infarkttherapie künftig gezielt bei dieser Patientengruppe in Studien fortzusetzen. Ob es dazu kommen wird, bleibt abzuwarten.

 

Quelle: Dr. David Erlinge: CHILL-MI Rapid Endovascular Catheter Core Cooling Combined with Cold Saline as an Adjunct to Percutaneous Coronary Intervention for the Treatment of Acute Myocardial Infarction, vorgestellt bei der 25th Annual Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference, 27. Oktober – 1. November 2013, San Francisco

springermedizin.de/ob, Ärzte Woche 47/2013

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