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Kardiologie 16. September 2013

Interaktionen des Herzens

ESC: Neuigkeiten aus der Welt der Kardiologie.

Der diesjährige Kongress der European Society of Cardiology (ESC) bot seinen 30.000 Teilnehmern ein umfangreiches Programm, das weit über das zentrale Thema der Interaktion von Herz und anderen Organsystemen hinausreichte.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass kardiovaskuläre Erkrankungen nach wie vor die Todesursache Nummer eins in Europa sind“, erklärte Prof. Dr. Panos Vardas, Präsident der ESC. „Daher wollen wir verstärkt auf die Bedürfnisse der Patienten aufmerksam machen und uns für eine bessere Versorgung und Implementation von Therapie-Guidelines einsetzen. Auf dem Kongress wurden Grundlagenforschung, klinische Anwendung und Praxis-Leitlinien vorgestellt, darunter auch zahlreiche österreichische Beiträge.

Herzinfarkt: verzögerte Therapie bei schwieriger Diagnose

Je schneller Patienten nach einem akuten Herzinfarkt behandelt werden, umso deutlicher profitieren sie von der Reperfusion und umso besser ist die Langzeitprognose. Wie schnell Patienten eine Reperfusion erhalten, hängt aber auch davon ab, von welchem Herzkranzgefäß der Infarkt ausgegangen ist. EKG-Geräte zur Messung der Herzströme haben eine unterschiedliche Genauigkeit abhängig vom Infarkt-auslösenden Herzkranzgefäß. Das zeigt eine aktuelle Studie mit 4.846 Patienten aus dem Österreichischen Akut-PCI Register (Abstract P468 Doerler J. et al.).

Die Auswertung ergab, dass es bei ST-Hebungsinfarkten aufgrund von Verschlüssen jenes Anteils des linken Herzkranzgefäßes, der vorwiegend die Seiten- und Teile der Hinterwand des Herzens mit Blut versorgt (Arteria Circumflexa, CX) zu auffällig längeren Therapieverzögerungen kam. Die Patienten in der CX-Gruppe wurden auch häufiger über den Umweg eines peripheren Spitals und nicht direkt an das Interventionszentrum zugewiesen.

Die Forscher gingen bei ihrer Analyse von Besonderheiten in der Diagnostik des Herzinfarkts aus: Um einen akuten ST-Hebungsinfarkt zu erkennen, ist neben der klinischen Präsentation das EKG entscheidend. Allerdings werden dabei nicht alle Abschnitte des Herzens gleich gut erfasst. So ist das EKG bei Verschlüssen des rechten Herzkranzgefäßes sowie jenes Anteils des linken Herzkranzgefäßes, das vorwiegend die Vorderwand des Herzens durchblutet, zumeist eindeutig und leichter zu interpretieren als bei Verschlüssen der CX. Die Schwierigkeit bei der Interpretation der EKG-Veränderungen könnte ein Grund für die längere Therapieverzögerung bei Infarkten aufgrund von CX-Verschlüssen sein.

Sterblichkeitsrisiko bei Diabetikern

Diabetes mellitus ist eine der häufigsten Erkrankungen in der westlichen Welt und mit einer erhöhten Herz-Kreislaufsterblichkeit verbunden. Die bisherige Risikoeinschätzung von Diabetikern bezüglich ihrer Mortalität beruhte hauptsächlich auf klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Bluthochdruck und Rauchgewohnheiten. In den vergangenen Jahren wurden immer mehr unabhängige Risikofaktoren entdeckt, die das Potenzial zu wesentlich präziseren Risikovorhersagen haben.

Eine deutsch-österreichische Forschergruppe entwickelte einen neuen Risikoscore mit sieben Parametern. Er erlaubt eine präzisere Vorhersage des kardiovaskulären Sterblichkeitsrisikos von Diabetikern als bisher möglich. In die Studie, die Dr. Georg Goliasch, PhD (MedUni Wien) gemeinsam mit Prof. Winfried März (Universität Heidelberg) durchführte, wurden 864 Patienten aus der Ludwigshafen Risk and Cardiovascular Health (LURIC) Studie eingeschlossen, die im Durchschnitt zehn Jahre nachbeobachtet wurden. Mithilfe einer komplexen statistischen Analyse wurden aus mehr als 100 Variablen sieben Risikomarker mit hohem prädiktivem Wert ausgewählt: Alter, Geschlecht, Dauer der Diabeteserkrankung sowie die im Blut messbaren Biomarker das Peptid NT-pro-BNP, 25(OH)Vitamin D3 und das Enzym Lp-PLa2 (Abstract 1965).

Wiener Studie: erstmals Therapie gegen „steifes Herz“

Für Patienten mit so genanntem „steifen Herzen“, einer speziellen Form der Herzinsuffizienz mit erhaltener Ventrikelfunktion, könnte jetzt erstmals eine wirksame Therapie zur Verfügung stehen. Das zeigt eine aktuelle Studie. Die Substanz Riociguat führt bei Betroffenen zu einer deutlichen Verbesserung der Herzpumpfunktion und zu einer Verkleinerung der rechten Herzkammer, berichtete Priv.-Doz. Dr. Diana Bonderman von der Universitätsklinik für Innere Medizin II, MedUni Wien.

„Betroffen vom steifen Herzen sind vor allem ältere Frauen, die häufig an Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht leiden. Typisch sind Symptome wie Atemnot bei Belastung und in fortgeschrittenen Stadien auch Wasseransammlungen in den Beinen und der Lunge“, so Bonderman. „Leider machen diese Patientinnen oft die Erfahrung, mit ihrem Leiden nicht ernst genommen zu werden, ihre Beschwerden werden mit dem Hinweis auf das Übergewicht abgetan.“ Bedauerlicherweise fehle nicht nur in der medizinischen Fachwelt das Bewusstsein für diese Erkrankung, die mit eingeschränkter Lebensqualität und verminderter Lebenserwartung einhergeht, sondern bisher sei auch keine Therapie zur Verfügung gestanden, so die Expertin.

Das könnte sich jetzt ändern. Die in der Studie (ECS Abstract 3321) untersuchte Substanz Riociguat gehört zu einer neuen Substanzklasse, die verengte Gefäße erweitert. Bonderman: „Gleichzeitig scheint sie auch das Herz quasi weicher zu machen. Das Medikament wurde bereits erfolgreich gegen Lungenhochdruck eingesetzt.“

In dieser Studie wurde in fünf Zentren in Österreich, Deutschland und der Tschechischen Republik das Präparat erstmals bei 36 Patienten mit steifem Herz getestet. Die Studienteilnehmer erhielten eine Tablette Riociguat oder Placebo. „Die Substanz wurde ähnlich gut vertragen wie Placebo, allerdings zeigte sich im Hinblick auf die Wirksamkeit ein eindeutiger Unterschied zur Scheinbehandlung“, so Bonderman.

Auf Basis der Ergebnisse dieser in Österreich konzipierten Studie soll das Präparat nun in weiteren Testphasen in groß angelegten internationalen Untersuchungen erprobt werden. Bonderman: „Ab kommendem Herbst steht auch das AKH Wien als Studienzentrum zur Verfügung und kann betroffenen Patienten über den Weg der Studienteilnahme den Zugang zu dieser Substanz eröffnen.“

Quelle: Jahrestagung European Society of Cardiology (ESC), 31. August – 4. September 2013, Amsterdam.

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