zur Navigation zum Inhalt
© Starpics / fotolia.com
Auch bei Frauen sind Brustschmerz und Engegefühl die wichtigsten Alarmzeichen bei einem Herzinfarkt.
 
Kardiologie 10. Juni 2013

Provokante These

Die atypische Angina pectoris der Frauen – nur ein Mythos?

Der berühmte Geschlechterunterschied beim Herzinfarkt – gibt es ihn vielleicht gar nicht? US-Autoren zufolge besteht der Hauptunterschied darin, dass Frauen die Angina-pectoris-Symptome mit anderen Worten schildern.

Seit Jahren warnen kardiologische Fachgesellschaften, dass sich der Myokardinfarkt bei Frauen untypisch ankündigen kann, beispielsweise mit Kurzatmigkeit, Übelkeit, Erbrechen oder Oberbauchbeschwerden. Wenn solche unspezifischen Zeichen „in zuvor noch nicht gekannter Heftigkeit“ auftreten, ist es wichtig, an einen Herzinfarkt zu denken.

Eine kleine provokante Mitteilung im Fachblatt „JAMA“ (Kreatsoulas C et al. JAMA Intern Med 2013, online 8. April) sorgt jetzt für Zündstoff. Die Theorie der Autoren von der Harvard School of Public Health in Boston, Massachusetts: Angina-pectoris-Symptome bei zugrunde liegender koronarer Herzkrankheit (KHK) treten bei beiden Geschlechtern prinzipiell in gleicher Weise auf. Von einer „atypischen Angina“ bei den Frauen könne demnach nicht die Rede sein. Der Unterschied bestehe einfach darin, dass sich Frauen oft anders ausdrücken.

Unterschiede in der Wortwahl

Die Forscher ließen 128 Männer und 109 Frauen mit Verdacht auf KHK und/oder Angina pectoris ihre Symptome schildern. Eine angiografisch gesicherte KHK (eine mindestens 70-prozentiger Stenose in mindestens einem größeren Herzkranzgefäß über 2 mm Durchmesser) lag bei 46 Prozent der Frauen und bei 70 Prozent der Männer vor. Von den Frauen besonders häufig gewählte Begriffe zur Beschreibung der subjektiven Symptome waren „Unbehagen“, „erdrückend“ und „schlimmer Schmerz“. Dieses Vokabular war aber keineswegs spezifisch weiblich, Männer benutzten dieselben Begriffe, wenn auch nur jeweils etwa halb so häufig. Die Wahl der Worte sei „mehr eine Funktion der geschlechtsgeprägten Ausdrucksweise“ und weniger ein Ausdruck biologischer Geschlechtsunterschiede, vermuten die Autoren. Tatsächlich zeigte sich bei den „biologischen“ Symptomen kein nennenswerter Unterschied: Kurzatmigkeit berichteten 67 Prozent der Männer und 76 Prozent der Frauen, 48 bzw. 46 Prozent klagten über Schweißausbrüche, 32 bzw. 46 Prozent über körperliche Schwäche.

Männer und Frauen ähnlicher als gedacht

Mit jeweils etwa gleicher Häufigkeit berichteten Männer wie Frauen zudem von Schmerzen, die in verschiedene Körperregionen ausstrahlten: in die Arme (43 gegenüber 50%), in den Rücken (26 vs. 30%) und in die Schultern (32 vs. 26%). Die häufigsten Deskriptoren waren bei allen Patienten „Brustschmerz“, „Druck“ und „Engegefühl“, auch hierin unterschieden sich die Geschlechter kaum.

„In der klinischen Präsentation einer KHK sind sich Männer und Frauen ähnlicher als wir denken“, kommentiert die Kardiologin und JAMA-Chefredakteurin Dr. Rita F. Redberg, San Francisco. Beide Geschlechter zeigten „mit höchster Wahrscheinlichkeit“ typische Symptome wie Brustschmerz, Druck- und Engegefühl. Allen Frauen, so Redberg, die befürchteten, sie könnten gewissermaßen aus heiterem Himmel und ohne erkennbare Alarmsymptome einen Herzinfarkt erleiden, könne man damit eine Last von der Seele nehmen.

Für beide Geschlechter gilt nach wie vor: Bei starken Schmerzen, Brennen oder massivem Engegefühl im Brustraum von mindestens fünf Minuten Dauer sofort die 112 wählen!

springermedizin.de, Ärzte Woche 24/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben