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Kardiologie 19. November 2012

Gebrochene Frauenherzen

„Broken Heart Syndrom“ – Eine meist reversible Kardiomyopathie.

Nicht nur der akute Gefäßverschluss eines „klassischen“ Herzinfarktes gefährdet Frauenherzen, sondern auch starke psychische oder physische Belastungen können das „Broken Heart Syndrom“ verursachen. Zonta Golden Heart präsentierte in einer Pressekonferenz neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu dieser Kardiomyopathie.

Unter „Broken Heart Syndrom“ versteht man eine Herzerkrankung, die alle Anzeichen eines Herzinfarktes aufweist, ohne dass ein solcher vorliegt. Symptome sind thorakale Schmerzen, Dyspnoe und eine Hypotonie. Da die linksventrikuläre morphologische Veränderung bei dieser Erkrankung der Form eines japanischen Oktopusfangkorbs („Tako-Tsubo“) gleicht, wird das 1990 erstmals in Japan beschriebene Syndrom auch als „Tako-Tsubo Kardiomyopathie“ bezeichnet. Vier Kriterien definieren diese Erkrankung:

  1. Transiente linksventrikuläre Hypokinese, Akinese oder Dyskinesie des mittleren Segments, mit oder ohne Betroffenheit der Herzspitze und Bewegungsabnormalitäten der Myokardwand.
  2. kein Vorliegen von obstruktiven Koronargefäßkrankheiten oder akute Plaquerupturen
  3. spezifische EKG-Änderungen (ST-Hebung und/oder T-Wellen-Umkehrung) und moderat erhöhter Troponinspiegel im Blutwasser
  4. kein Vorliegen von Myokarditis oder Erkrankungen der chromaffinen Zellen des Nebennierenmarks.

Extreme Belastungen brechen das Herz

Das Broken Heart Syndrome geht oft mit extremen psychischen (Tod eines nahestehenden Familienmitglieds, Liebeskummer, Verkehrsunfall, etc.) und/oder physischen Belastungen einher. „Die plötzliche Konfrontation mit extremen seelischen Stresssituationen bricht im wahrsten Sinne des Wortes das Herz,“ berichtete Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek, Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie an der Medizinischen Universität Wien. Weitere Auslöser können massive physische Belastungen, chirurgische Eingriffe (Intubation) und/oder schwere körperliche Erkrankungen sein.

Solch plötzlichen Belastungssituationen können zu einer deutlich erhöhten Konzentration von Stresshormonen (Katecholamine) im Blut führen. Diese Flut von „Stresshormonen“ bringt die Kalziumregulation in der Herzmuskelzelle durcheinander. So weisen Tako-Tsubo-Patienten im linken Ventrikel das Protein Sarcolipin in auffällig hohen Konzentrationen auf. Dieses reguliert die Aktivität der Kalziumpumpe. Zusammen mit anderen Mediator-Proteinen könnte es in der Akutphase die Freisetzung von Kalzium stören und der damit verbundene lokale Kalziummangel läst den Herzmuskel erlahmen. Die Folge ist eine Störung der koronaren Mikrozirkulation.

Vor allem ältere Frauen betroffen

In den meisten Fällen betrifft das Broken Heart Syndrom postmenopausale Frauen zwischen 50 und 70 Jahren. Prämenopausale Frauen werden durch Östrogene vor einer Überaktivierung der kardialen Stressreaktion geschützt und sind somit weniger anfällig. Weshalb die Erkrankung häufiger bei Frauen auftritt als bei Männern, ist noch nicht restlos geklärt.

In Österreich gibt es zum Broken Heart Syndrom noch keinerlei Studien. Einer Statistik aus Deutschland zufolge wurde zwischen 2006 und 2010 bei 324 Patienten die Diagnose Broken Heart Syndrom gestellt. Es wird jedoch von einer hohen Dunkelziffer an Betroffenen ausgegangen. Unter den Diagnostizierten waren 296 (91%) Frauen und 28 (9%) Männer. Das Durchschnittsalter betrug 68 Jahre.

Vollständige Genesung in den meisten Fällen möglich

Normalerweise sollte die vollständige Genesung innerhalb weniger Wochen geschehen, wobei sich auch die morphologische Veränderung des Herzens rückbildet. Die Sterberate liegt bei 2,2 Prozent der Patienten.

Zur Genesung trägt neben der medizinischen Akutversorgung durch symptomatische Behandlung mit Alpha- und Betablockern, Katecholaminen und Diuretika eine Psychotherapie wesentlich bei.

Das Broken Heart Syndrom und psychischer Stress

Psychotherapeutisch gesehen bildet die schmerzhafte Trennung von einem geliebten Menschen Formen der psychosomatischen Herzneurose aus und führt im Akutstadium zu Symptomen, die jenen eines Herzinfarkts entsprechen. „Nach der medizinischen Akutversorgung besteht die psychotherapeutische Aufgabe darin, die emotionale Abhängigkeit vom verlorenen Menschen zu beenden und in Folge zu einer selbstbestimmten Beziehungsform zu verhelfen“, so Mag. Maria-Anna Pleischl, Psychotherapeutin und Supervisorin. Die verhärteten Emotionen müssen gelockert werden, damit der Patient lernt, Schmerz, Trauer, Wut oder Ärger ohne Einengung des Herzens zu verarbeiten.

Tödliche Herzinfarkte bei jungen Frauen deutlich gestiegen

Während das Broken Heart Syndrom meist heilbar ist und hauptsächlich bei älteren Frauen auftritt, steigt die Zahl der tödlichen Myokardinfarkte bei jungen Frauen deutlich an. So zeigt eine aktuelle Studie der European Society of Cardiology, dass die Mortalitätsrate bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Gruppe der 35- bis 44-jährigen Frauen in den letzten Jahren merkbar zunahm, während sie bei allen anderen Altersgruppen im Vergleichszeitraum sank.

Eine Ursache dafür könnten die oft atypischen Symptome (Tachykardie, Hypotonie, selbst Rücken- und Nackenschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Schmerzen im rechten Arm und Kieferschmerzen) in dieser Altersgruppe sein, weswegen sie häufig zu spät erkannt werden, betonte Prof. Dr. Franz Weidinger, Vorstand der 2. Medizinischen Abteilung der Krankenanstalt Rudolfstiftung. „Beim Auftreten derartiger Symptome muss zur Abklärung ein Arzt aufgesucht werden“, mahnte der Experte. Nur so können Herz-Kreislauferkrankung kompetent und rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Eine weitere Ursache für das Ansteigen tödlicher Myokardinfarkte bei jüngeren Frauen ist auch im veränderten Lebensstil zu suchen, vor allem durch die Zunahme des Rauchens und der Adipositas in diesem Alterssegment. .

  

Zonta Golden Heart

Zonta Golden Heart ist die erste österreichweite Informationsinitiative von Frauen für Frauen zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Initiative wurde Mitte 2011 ins Leben gerufen und wird u.a. von öffentlichen Trägern, medizinischen Fachgesellschaften, öffentlichen Organisationen sowie weiteren Partnern und Unternehmen unterstützt. Ein wissenschaftlicher Beirat führender Experten unter dem Vorsitz der Kardiologin Univ. Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek unterstützt die Initiative inhaltlich.

Weitere Informationen unter: www.zontagoldenheart.com

Quelle: Pressekonferenz „Das Broken Heart Syndrom – typisch weiblich?“ 12. November 2012, Wien

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