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Ärztlich überwachtes Fahrradergometer-Training im Reha Sport Institut Feldkirch.
 

Prim. Dr. Hanns Harpf, Zentrum für ambulante Rehabilitation Graz

 

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Doz. Dr. Werner Benzer Interventionelle Kardiologie, Institut für Sportmedizin, Landeskrankenhaus Feldkirch

 
Kardiologie 25. Oktober 2012

Gut Herz braucht Weile

Eine leitliniengerechte kardiologische Rehabilitation dauert sechs bis zwölf Monate. In diesen Genuss kommt jedoch in Österreich nicht einmal ein Fünftel der Betroffenen.

Evidenzbasierte Daten zeigen übereinstimmend, dass eine strukturierte kardiologische Rehabilitation in ausreichender Länge für Patienten nach einem Herzinfarkt überlebenswichtig ist. Dennoch absolviert in Österreich nur ein Teil der Betroffenen ein solches Programm.

Auf dem Dreiländerkongress für kardiologische Rehabilitation Mitte Oktober in Wien wurden die neuesten Erkenntnisse der Experten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz ausgetauscht und diskutiert. „Ziel der Tagung war es einerseits, Evidenz zu präsentieren, andererseits wollen wir auch die Implementation initiieren“, sagt Kongresspräsident Doz. Dr. Werner Benzer. „Denn wir wissen, dass richtige Rehabilitation die Sterblichkeit signifikant reduziert und deshalb ebenso zur Therapie gehört wie die Akutversorgung.“

Wichtigste Maßnahme nach Herzinfarkt

„Die kardiologische Rehabilitation ist die wichtigste Nachbehandlungsmaßnahme nach einem Herzinfarkt“, betont Benzer. Aber auch Patienten nach koronarer Stentimplantation oder Bypassoperation sowie Patienten mit chronischer Herzschwäche profitieren.

Eine leitliniengerechte strukturierte kardiologische Rehabilitation besteht aus drei Phasen (siehe Tabelle) und umfasst medizinisch überwachtes körperliches Training, Risikofaktorenanalyse und Modifikation der Behandlung, besonders Raucherentwöhnung, aber auch psychologische und sozialmedizinische Beratungsprogramme.

Mangelndes Angebot

Woran es in Österreich hauptsächlich mangelt, ist die Umsetzung der Phase III. Das liegt laut Benzer einerseits daran, dass den Ärzten die enorme Bedeutung der kardiologischen Rehabilitation zu wenig bewusst ist. Dasselbe trifft jedoch andererseits ebenso dramatisch für die Verantwortlichen in den Sozial- und Pensionsversicherungsanstalten zu, die letztlich für die Bereitstellung des Angebots verantwortlich sind: „In Österreich haben wir zwar ein gutes stationäres Rehabilitationsangebot, die mittel- und langfristige ambulante Rehabilitation muss aber noch dringend weiter ausgebaut werden.“

Derzeit gibt es für ganz Österreich nur zehn ausgewiesene ambulante Rehabilitationszentren mit Behandlungsverträgen – eindeutig zu wenig. Denn die langfristige Rehabilitation soll wohnortnahe und berufsbegleitend durchgeführt werden können. Etwa 20.000 Patienten hätten Bedarf, derzeit kommen allerdings nicht einmal 20 Prozent davon in den Genuss einer solchen Rehab.

Seitens des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger ist bedauerlicherweise keine Erweiterung des Angebots vorgesehen, trotz intensiver Bemühungen der AGAKAR (Arbeitsgemeinschaft für ambulante kardiologische Prävention und Rehabilitation) in dieser Richtung.

Edukative Prozesse benötigen ihre Zeit

In Anbetracht der erwiesenermaßen nachhaltigeren Wirkung der ambulanten kardiologischen Rehabilitation über eine adäquate Zeitspanne sollte gerade die Phase III- Rehabilitation allen infrage kommenden Patienten in uneingeschränktem Umfang angeboten werden.

„Erfahrungsgemäß reicht eine vierwöchige Rehabilitation nicht aus, um beim Patienten eine dauerhafte Lebensstiländerung zu bewirken“, berichtet der AGAKAR-Vorsitzende Dr. Hanns Harpf. Wer allerdings ein Jahr lang ein- bis zweimal pro Woche ein genau definiertes Rehabilitationsprogramm absolviert, profitiert mit reduzierter Mortalität, besserer körperlicher Leistungsfähigkeit und mehr Lebensqualität – ein Benefit, der die 2.000 bis 3.000 Euro, die eine solche Rehabilitation pro Patient kostet, mehr als rechtfertigt.

Zudem werden Komplikationen und Rückfälle im Rahmen der ambulanten Rehabilitation frühzeitig erkannt. Denn im Gegensatz zur Quantität ist die Qualität der kardiologischen Rehabilitation in Österreich exzellent: „Es ist immer ein Arzt anwesend, alle beteiligten Therapeuten sind diplomierte Fachkräfte“, sagt Benzer. „Das österreichische Modell ist international anerkannt und gilt als vorbildlich.“

Längere Reha, längeres Leben

Die internationale Datenlage bestätigt die österreichischen Erfahrungen. Studien zeigen: Je länger die Rehabilitation nach einem Herzinfarkt durchgeführt wird, desto seltener werden neuerliche Spitalsbehandlungen notwendig und desto geringer ist die Sterblichkeit an einem Folgeereignis (Hammill et al. 2010; Martin et al. 2012). Die Mortalität steigt bereits bei jenen Patienten deutlich an, die das Rehabilitationsprogramm vorzeitig abbrechen, und sie ist am höchsten bei den Patienten, die gar keines absolvieren.

Umdenken erforderlich

„Den ESC-Guidelines folgend gibt es eine Klasse-I-Indikation für strukturierte Rehabilitationsmaßnahmen nach einem Herzinfarkt“, fasst Benzer zusammen. „Das heißt, die Pensions- bzw. Sozialversicherungsträger sind gesetzlich verpflichtet sie anzubieten.“ Zwar werden nahezu alle Rehabilitationsanträge von Patienten nach einem Herzinfarkt genehmigt, man geht aber bei den Versicherungen nach wie vor davon aus, dass ein Rehabilitationsprogramm über eine Zeitdauer von drei bis vier Wochen ausreicht, um den Patienten nachhaltig vor einem Wiederholungsereignis zu schützen.

Auch gelte bei den Sozial- und Pensionsversicherungsanstalten immer noch die bereits überholte Überzeugung, dass die meisten Patienten ohnehin nur ein stationäres Rehabilitationsprogramm benötigen. Die Folge davon sei, dass ambulante Rehabilitationseinrichtungen nur in sehr eingeschränktem Umfang einen Behandlungsvertrag erhalten. Dadurch bestehe in Österreich ein eklatantes Missverhältnis zwischen dem bedarfsgerechten Angebot von stationären und ambulanten Rehabilitationsplätzen.

Anträge rechtzeitig stellen

Selbstverständlich sind auch die behandelnden Fachärzte und auch die Hausärzte aufgerufen, ihre Patienten auf das Angebot einer langfristigen Nachbehandlung aufmerksam zu machen. „Wichtig ist, dass der Antrag für die ambulante Rehabilitation innerhalb von zwölf Wochen nach dem Akutereignis oder nach Abschluss der Phase II gestellt wird, weil sonst der Anspruch verfällt“, erinnert Harpf und bittet niedergelassene Ärzte, daran zu denken, wenn die Patienten nach dem Spitalsaufenthalt zu ihnen kommen. „Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass die ambulante Rehabilitation schon im Spital in die Wege geleitet wurde!“ Eine Liste der akkreditierten Institutionen für ambulante kardiologische Rehabilitation findet man auf: www.agakar.at.

Pressegespräch zum Dreiländerkongress für kardiologische Rehabilitation, Wien, 13. Oktober 2012

Strukturierte kardiologische Rehabilitation

Phase I:

Frühbehandlung unmittelbar nach dem akuten Ereignis noch im Krankenhaus

Phase II:

a) ambulant: bei stabilem Krankheitszustand ambulante kardiologische Rehabilitation unmittelbar nach Entlassung aus dem Krankenhaus über 4-6 Wochen in einem dafür ausgewiesenen ambulanten Rehabilitationszentrum.

b) stationär: bei schweren Krankheitszuständen unmittelbar nach Entlassung aus dem Krankenhaus stationäre Rehabilitation über 3 bis 4 Wochen.

Phase III:

ambulante Weiterführung der Rehabilitationsmaßnahmen über weitere 6 bis 12 Monate, in medizinisch begründeten Fällen auch länger

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