zur Navigation zum Inhalt
© ESC
 
Kardiologie 3. Oktober 2012

From Bench to Practice

Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München.

Über 30.000 Besucherinnen und Besucher führte der Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München Ende August zusammen. Motto des Kongresses war „von der Wissenschaft in die Praxis“.

Unter dem Motto „From Bench to Practice“ waren Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche, Herzklappenerkrankungen, Durchblutungsstörungen und Herzinfarkt, Interventionen, Prävention, Rehabilitation, Bluthochdruck, kardiale Bildgebung und Grundlagenforschung einige der Schwerpunktthemen des diesjährigen ESC-Kongresses.

„Die beeindruckenden Fortschritte der modernen Kardiologie tragen, indem sie die Sterblichkeit bei Krankheiten des Kreislaufsystems kontinuierlich senken, maßgeblich zur Verlängerung unserer Lebenserwartung bei“, betonte Prof. Dr. Georg Ertl, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik und Sprecher des Deutschen Zentrums für Herzinsuffizienz Würzburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie im Rahmen einer Pressekonferenz.

Die Erkenntnisse in der Kardiologie haben nach seinen Aussagen innerhalb der letzten 30 Jahre zu einer Reduktion der Sterblichkeit um 70 Prozent geführt. Zwischen 2000 und 2010 ist in Deutschland die Sterblichkeit bei akutem Herzinfarkt und den ischämischen Herzkrankheiten um etwa 20 Prozent gesunken. Die Hauptursache dafür sieht er in der beeindruckend Weiterentwicklung der Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten in der Kardiologie.

„Heute geht es aber in der Kardiologie, neben der weiteren Optimierung der Versorgung und der Förderung der Forschung, in hohem Maße auch um Prävention“, so Ertl. „Zwei wichtige Präventions-Themen wurden auf dem ESC-Kongress prominent behandelt: das Rauchen und das Problem übergewichtiger Kinder und Jugendlicher.“

Rauchen ist für fast jeden zehnten Todesfall verantwortlich

Derzeit rauchen weltweit rund eine Milliarde Menschen. 2012 werden etwa sechs Millionen Menschen – darunter 600.000 Nichtraucher – dem Zigarettenrauchen zum Opfer fallen, es ist damit für fast 10 Prozent aller Todesfälle verantwortlich (Quelle: WHO). Dass Nichtraucherschutz-Gesetze auf die Häufigkeit von STEMI (ST-Hebungsinfarkt), der gefährlichsten Herzinfarkt-Form, positive Auswirkungen haben, zeigt eine auf dem ESC-Kongress präsentierte Studie (Dr. Johannes Schmucker, Bremer STEMI-Register, 3.545 STEMIs). Passivraucher profitieren von diesen Gesetzen ganz besonders. Nach der Einführung der Nichtrauchergesetze in Bremen reduzierte sich in den Jahren 2008 bis 2010 bei Nichtrauchern der Anteil von STEMI um 26 Prozent, bei Rauchern um vier Prozent und in der Gesamtgruppe um 16 Prozent.

„Aus kardiologischer Sicht sollte also der Weg der Rauchverbote und des Nichtraucherschutzes in öffentlich zugänglichen Orten konsequent weiter gegangen werden“, so Ertl.

Übergewichtige Kinder: Mit der Prävention früh beginnen

„Übergewicht ist heute in der EU die häufigste gesundheitliche Störung im Kindesalter“, so Ertl. „Es gibt bereits 15 Millionen adipöse Kinder. Übergewicht im Kindesalter ist jedoch stark assoziiert mit Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, orthopädischen Problemen, psychologischen Störungen, sozialem Stigma, niedrigem Selbstwertgefühl, Depression, schlechter Lebensqualität und Ausbildungs-Nachteilen. Übergewicht im Kindesalter ist ein Prädiktor für Herz-Kreislauf-Krankheiten im Erwachsenenalter und höhere Sterblichkeitsrate.

Übergewicht und Adipositas, so zeigen auf dem ESC-Kongress vorgestellte Studienergebnisse,

• haben bereits bei Kindern und Jugendlichen starke Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Risikofaktoren. Im Durchschnitt weisen die Übergewichtigen neben dem Übergewicht noch zwei weitere Risikofaktoren und die Adipösen noch drei weitere auf. Über 80 Prozent der Normalgewichtigen hatten keinen einzigen Risikofaktor;

• sind bei Kindern und Jugendlichen nicht bloß ein Risikofaktor für spätere Herz-Kreislauf-Krankheiten. Eine Studie des Herzzentrums Leipzig zeigt, dass Übergewicht bereits im Kindesalter mit einer verschlechterten systolischen und diastolischen Funktion der linken Herzkammer einhergehen kann. Die Forscher untersuchten mittels Ultraschall Kinder auf das Vorliegen von Herzmuskel-Veränderungen.

Neues aus der Therapie

Kongressthemen mit voraussichtlich einer besondere Bedeutung für die Kardiologie und ihre Patienten präsentierte Prof. Dr. Michael Böhm vom Universitätsklinikum des Saarlandes und Vorsitzender des wissenschaftlichen Programm-Komitees des ESC.

Hypertonie ist nach den Angaben der WHO für 12,8 Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Er ist ein wesentlicher Risikofaktor für eine Reihe von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Mit der Renalen Denervierung (RDN) steht ein interventionelles, nicht-medikamentöses Verfahren zur Verfügung, das bei Patienten mit Therapie-resistentem Bluthochdruck zur Blutdrucksenkung eingesetzt werden kann. Böhm: „Das kann sich zu einem geradezu revolutionären Durchbruch in der Behandlung von Hypertonie entwickeln, der mit Medikamenten nicht ausreichend beizukommen ist. Das betrifft immerhin etwa 15 Prozent.“

Auf dem Kongress vorgestellte neue Daten zur Ein-Jahres-Wirksamkeit und Sicherheit dieses Verfahrens belegen eine Senkung des Blutdrucks gegenüber dem Ausgangswert um minus 26,3/9,9 mm Hg. „Die RDN führt also bei Patienten mit Therapie-resistenter Hypertonie rasch zu einer signifikanten und anhaltenden Blutdruck-Reduktion. Das ist eine echte Erweiterung des therapeutischen Spektrums“, so Böhm.

Hot Lines: Beispiele für vielversprechende Studien

Einige weitere Beispiele für vielversprechende Studien:,

• Die PURE-Studie von Prof. Salim Yusuf, Hamilton, USA, analysiert die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Risikofaktoren je nach Wohnort, Geschlecht, wirtschaftlichem Status von Personen und dem Bruttosozialprodukt des jeweiligen Landes.

• Die ALTITUDE (ALiskiren Trial In Type 2 Diabetes Using cardio-renal Endpoints)-Studie von Prof. Hans Henrik Parving, Kopenhagen, DK, untersucht die Wirkung des Blutdrucksenkers Aliskiren auf die Nierenfunktion von Diabetikern.

• Die Aldo-DHF-Studie von Prof. Burkert Pieske aus Graz untersucht die Aldosteron-Rezeptor-Blockade bei diastolischer Herzinsuffizienz.

• Die IABP-SHOCK II-Studie von Prof. Holger Thiele aus Leipzig untersucht Patienten mit kardiogenem Schock als Folge eines akuten Herzinfarktes, die eine frühe Revaskularisation erhalten haben, je nachdem ob sie eine intraaortale Ballonpumpe oder eine alleinige optimale intensivmedizinische Therapie erhalten haben.

Böhm: „Man kann mit einigem Optimismus davon ausgehen, dass einige der vorgestellte neue Erkenntnis uns dem Motto der ESC wieder etwas näher bringt – die Belastung durch Herz-Kreislauf-Krankheiten in Europa zu verringern“.

Quelle: Pressekonferenz zum ESC-Kongress, 24. August 2012, München

Herz-Kreislauf-Krankheiten, Todesursache Nummer 1

• Nach Angaben der WHO sind Herz-Kreislauf-Krankheiten weltweit für 17 Millionen Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Bluthochdruck verursacht jedes Jahr 7,5 Millionen Todesfälle, Rauchen 6 Millionen, 2,8 Millionen Menschen sterben an den Folgen von Übergewicht und Fettleibigkeit, erhöhtes Cholesterin ist für 2,6 Millionen Tote verantwortlich, und Diabetes für 1,3 Millionen.

• In Europa sterben jedes Jahr mehr als 4,3 Millionen Menschen an Herz-Kreislauf-Krankheiten und in der EU sind es mehr als 2 Millionen. Fast jeder zweite Mensch stirbt an einer Herz-Kreislauf-Krankheit.

• Schätzungen der WHO zufolge verursachen Herz-Kreislauf-Krankheiten der EU-Wirtschaft Gesamtkosten von jährlich 192 Milliarden Euro.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben