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Kardiologie 8. Februar 2012

Bei Herzkrankheit an Herzschwäche denken

Neue Volkskrankheit ist auch Folge des medizinischen Fortschritts.

Fortschritte der modernen Medizin, die ein Überleben von Krebserkrankungen oder Herzinfarkten ermöglichen, und die steigende Lebenserwartung tragen zum Anstieg der Herzinsuffizienz bei. Wirksame Therapien, hieß es beim 6. Konsensus-Meetings Herzinsuffizienz in Innsbruck, werden zu selten und oft zu spät eingesetzt. In Österreich gibt es eine Viertelmillion Betroffene, die Lebenserwartung der Patienten mit Herzinsuffizienz ist jedoch geringer als bei den meisten Krebsformen, die Lebensqualität massiv reduziert.

 

Herzinsuffizienz wird zur regelrechten Volkskrankheit und die Zahl der Betroffenen wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch weiter wachsen. Eine Ursache dafür ist die steigende Lebenserwartung, denn mit höherem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an Herzinsuffizienz zu erkranken. Ein Prozent der 45- bis 55-Jährigen leidet an Herzschwäche, sogar jeder Zehnte über 80. Bei Patienten über 65 ist Herzinsuffizienz in Österreich die häufigste Aufnahmediagnose im Spital.

Dass immer mehr Menschen an Herzinsuffizienz erkranken, hat paradoxerweise aber auch mit den Fortschritten der Medizin zu tun. „Viele Menschen, die früher an einem Herzinfarkt gestorben wären, überleben diesen heute dank des modernen Therapieangebotes, oft aber mit der Folge einer bleibenden Herzinsuffizienz“, so Doz. Dr. Gerhard Pölzl von der Universitätsklinik für Innere Medizin III in Innsbruck. „Auch Behandlungen wie eine erfolgreiche Chemo- und Strahlentherapie sichern bei vielen Krebserkrankungen das Überleben, können aber eine Herzinsuffizienz nach sich ziehen. Da kommt unausweichlich eine Lawine enormer Belastungen auf uns zu, die bisher noch zu wenig wahrgenommen wird.“

Jede Herzkrankheit kann zu Herzinsuffizienz führen

Bei allen Formen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen muss die mögliche Entwicklung einer Herzinsuffizienz im Auge behalten werden. Hypertonie und die Unterversorgung des Herzens durch Atherosklerose der Herzkranzgefäße gehören zu den wichtigsten Ursachen. Pölzl: „Da kommen viele Belastungen zusammen, und jeder Puzzle-Stein kann dazu beitragen, dass das Herz aus dem Gleichgewicht gerät. Nicht alle Herz-Patient entwickeln tatsächlich eine Herzinsuffizienz, aber alle sind gewissermaßen Kandidaten. Daher sollten auch Betroffenen selbst und ihre Ärzte frühzeitig an diese Möglichkeit denken. Im Bedarfsfall sollte zur Risiko-Abklärung an eine spezialisierte Einrichtung überwiesen werden. Es gilt, die Entwicklung einer schweren Herzinsuffizienz möglichst zu verhindern oder sie zumindest frühzeitig zu behandeln.“

Sterberate bei Herzinsuffizienz höher als bei vielen Krebsformen

Unbehandelt kann eine Herzinsuffizienz dramatische Folgen haben. Die eingeschränkte Pumpleistung des Herzens kann zu Wasseransammlung in der Lunge, den Beinen und dem Bauchraum führen, die Krankheitszeichen reichen von reduzierter Leistungsfähigkeit über Atemnot bis zu Appetitlosigkeit.

Doz. Dr. Matthias Frick von der Universitätsklinik für Innere Medizin III der Medizinischen Universität Innsbruck: „Die Sterberate innerhalb von fünf Jahren ist höher als bei den meisten Krebsformen. Und bei Menschen mit Herzinsuffizienz kommt es sechs- bis neunmal häufiger zu einem tödlichen Herzstillstand als bei Gesunden.“

Etablierte und innovative Therapien zu selten eingesetzt

„Wirksame Therapiemöglichkeiten werden nicht immer in ausreichendem Maß angewendet“, kritisiert Frick. In einem Frühstadium der Herzinsuffizienz gehe es vor allem um die konsequente Behandlung von Risikofaktoren wie zu hohem Blutdruck. Eine Reihe von Medikamentengruppen wie ACE-Hemmer, Betablocker, Angiotensinrezeptor-Blocker oder Aldosteron-Antagonisten hätten sich – einzeln oder in Kombination – bei Herzinsuffizienz als effektiv erwiesen. Dazu kämen andere Optionen. „Durch die Dehnung verengter Koronargefäße über die Implantation ferngesteuert programmierbarer Schrittmacher bis zur Implantation eines Kunstherzens oder der Herztransplantation können wir vielen Patient zur Linderung ihrer Symptome und zu einem längeren Leben mit besserer Qualität verhelfen“, so Frick.

Ungenützte Sparpotenziale

„Ein nicht unerheblicher Teil der mehr als 350 Millionen Euro, die in Österreich jährlich für die Behandlung von Herzinsuffizienz ausgegeben werden, könnten eingespart werden, wenn die Therapien erstens überhaupt und zweitens frühzeitig angewandt werden würden“, so Pölzl. Wichtig sei daher, dass Betroffene und ihre Angehörigen noch besser über mögliche Warnsignale aufgeklärt werden, damit sie rechtzeitig Hilfe suchen. „Zudem müssen wir mehr Mittel in die Erforschung der Entstehung von Herzinsuffizienz und in die Entwicklung neuer, noch besserer Behandlungsmöglichkeiten investieren. Denn sonst kommt auf das Gesundheitswesen ein Problem zu, das ungebremst kaum zu bewältigen ist.“

 

 

Quelle: 6. Konsensusmeeting Herzinsuffizienz, 26. November 2011, Innsbruck

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