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Kardiologie 30. Jänner 2012

Ritalin: Kardiologen für mehr Blutdruck-Kontrollen

Die Frage, ob die langfristige Einnahme von Ritalin das Risiko für Herzleiden erhöht, wird seit Jahren diskutiert. Eine große US-Kohortenstudie an Zwei- bis 24-Jährigen ("New England Journal of Medicine"; 2011; Bd. 365, S. 1896-1904), erbrachte jüngst keine Hinweise für eine erhöhte Zahl von "schweren Zwischenfällen" wie Herzinfarkten oder gar Todesfällen über einen Zeitraum von zwei Jahren. Eine Studie im US-Ärzteblatt "Journal of the American Medical Association" ("JAMA") untersuchte Erwachsene - mit ähnlichem Ergebnis. Doch aus Sicht von Kardiologen drohen Probleme möglicherweise erst langfristig.

Gründliche Anamnese

"Es gibt Hinweise, dass beispielsweise der Ritalin-Wirkstoff Methylphenidat den Blutdruck bei 80 Prozent der Patienten erhöht. Meist nur geringfügig, aber bei Einzelnen steigt er auch stark und dauerhaft an. Das erhöht das Risiko für eine spätere Arteriosklerose", sagte der Kinderkardiologe Martin Hulpke-Wette (Göttingen). Eine gründliche Anamnese vor der Behandlung und ein Check im Drei-Monats-Abstand sei deshalb unerlässlich. "Eltern sollten dies unbedingt ansprechen", empfiehlt er.

Anstieg enorm

Professor Wolfgang Rascher (Kinder- und Jugendklinik der Uniklinik Erlangen und Mitglied der Arzneimittelkommission) ergänzt: "Ich sehe immer noch sehr oft, dass die Diagnose-Kriterien nicht eingehalten wurden." Es sei deshalb sehr wichtig, dass nur Experten mit Zusatzausbildung diese Diagnose stellen und nicht etwa der Hausarzt. Der Anstieg der Ritalin-Verschreibungen habe sich zuletzt zwar abgeschwächt, aber sei dennoch enorm.

Exponentielle Risikofaktoren

Kardiologe Hulpke-Wette schätzt, dass in Deutschland bereits rund 700.000 Kinder Bluthochdruck haben, zumeist unentdeckt. "Für Arteriosklerose, die sich ja über viele Jahre entwickelt, zählt jeder Risikofaktor wie Übergewicht, erhöhte Lipidwerte oder Rauchen. Aber ab drei Faktoren wirken sie nicht mehr additiv, sondern exponentiell", erläuterte er.

Im Dezember hatte der Hersteller des ADHS-Medikaments Strattera (Wirkstoff Atomoxetin) gemeinsam mit dem Bundesamt BfArM in einem Roten-Hand-Brief auf einen deutlich stärkeren Blutdruckanstieg bei einem Teil der Patienten hingewiesen. Ärzte sollten Menschen mit schweren Herzproblemen das Präparat deshalb nur eingeschränkt verschreiben.

Ritalin bei Erwachsenen

Angesichts der Tatsache, dass ADHS-Medikamente seit geraumer Zeit auch erwachsenen Patienten verschrieben werden dürfen, gewinnt der Aufruf der Kardiologen an Gewicht. Denn viele erwachsene ADHS-Betroffene "therapierten" ihren gestörten Dopamin-Haushalt bereits in Eigenregie durch Zigaretten und Alkohol - also weiteren Arteriosklerose-Risikofaktoren, berichten Ärzte. Hinzu kommt die unbekannte Menge an Erwachsenen, die Ritalin in Prüfungszeiten oder beruflichen Stressphasen als "Wachmacher" schlucken - illegal übers Internet besorgt.

Tee trinken

"Generell ist aus meiner Sicht gegen die Medikamententherapie nichts einzuwenden - wenn man eben auf die Nebenwirkungen im Herz-Kreislaufsektor achtet. Solange Bluthochdruck entdeckt und beobachtet wird, ist das ja nichts Schlimmes." Oft reiche es schon aus, die Medikamentendosis anzupassen oder - falls dies in schweren ADHS-Fällen nicht möglich sei - Hibiskusblütentee zu trinken.

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