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Kardiologie 21. September 2011

Das Herz im Fokus

Mehr als 30.800 Teilnehmer aus 154 Ländern nahmen an dem weltweit größten Kardiologiekongress, dem ESC (European Society of Cardiology) vom 27. bis 31. August 2011 in Paris teil. Die wissenschaftlichen Beiträge widmeten sich sowohl kardiologischen Präventivmaßnahmen als auch aktuellen Therapiestrategien.

Ein am Kongress formuliertes Anliegen der European Society of Cardiology war die Verbesserung der noch immer inakzeptabel schlechten Behandlungsergebnisse bei Patienten mit akuter Herzinsuffizient (HI, Herzschwäche). Diese Kritik basiert auf den präsentierten aktuellen Daten der laufenden ESC EURObservational Research Programms. Die Gesamtsterblichkeit bei Patienten mit akuter Herzinsuffizienz, so die Ergebnisse der Pilotstudie, betrug innerhalb eines Beobachtungsjahres 17 Prozent, die Kombination von Gesamtsterblichkeit und erneuter Aufnahme in einem Spital 35 Prozent. In das Register eingeschlossen waren 5.118 Patienten aus 136 Herzzentren in zwölf europäischen Ländern, der Beobachtungszeitraum betrug zwölf Monate. Die Mortalität bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz hingegen verbesserte sich auf sieben Prozent.

Ziel der Untersuchung war es, die Krankheitsgeschichte der Herzinsuffizienz-Patienten zu dokumentieren, inklusive der akuten Episoden, der Änderung ihres klinischen Zustandes und der Behandlungsstrategien. Prof. Dr. Franz Weidinger, Präsident elect der Österreichischen Kardiologengesellschaft (ÖKG), dazu: „Die vergleichsweise guten Behandlungsergebnisse von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz können damit erklärt werden, dass Europas Kardiologen sehr häufig Richtlinien-gestützte medikamentöse Behandlungen anwenden. Im Gegensatz dazu werden Patienten mit akuter HI häufig nicht Evidenz-basiert, sondern nach bestem Wissen und Gewissen behandelt. Das Fehlen von speziellen kontrollierten Studien, die effektive Behandlungsstrategien für bessere Ergebnisse aufzeigen, kann eine Ursache für die beobachtete hohe Sterblichkeit und Krankheitsanfälligkeit bei Patienten mit akuter HI sein.“

Inzwischen wurde ein langfristiges ESC-Register ins Leben gerufen, das seit Mai 2011 die Daten in 32 europäischen Ländern erhebt. Bei den ESC-Registern handelt es sich allerdings um freiwillig gemeldete Daten, die nicht notwendigerweise repräsentativ sind.

Weltweite Herz-Kreislauf-Prävention mit der Polypille?

Mit einer Polypille, einer ein Mal täglich einzunehmenden Fünffach-Kombination von ASS, ACE-Hemmer, Statin, Diuretikum und Betablocker, soll zukünftig eine geeignete Basis der Primärprävention für alle Patienten ab 55 Jahren gelegt werden, so die Idee von Prof. Dr. Salim Yusuf von der kanadischen McMaster-Universität. In seinem Vortrag auf dem ESC-Kongress vertrat er die These, dass die Polypille aufgrund der aktuellen Studienlage bei Hoch-Risiko-Patienten eingesetzt werden kann, zum Beispiel in der Sekundärprävention: „Warum sollten Sie sie nicht nutzen – Sie würden bei diesen Patienten die darin enthaltenen Wirkstoffe schließlich auch einzeln verordnen“, argumentierte Yusuf: Die Ein-Pillen-Prävention werde die Therapietreue der Patienten erhöhen und die Behandlungskosten deutlich senken. Auch für andere Hoch-Risiko-Patienten wie Hypertoniker mit einer Fettstoffwechselstörung, viele Diabetiker und Personen mit mehreren Risikofaktoren könnte die Polypille eine interessante Option sein, so Yusuf.

Auch eine Chance in der Primärprävention

Ob Patienten mit mittlerem Risiko wie Personen über 55 Jahren mit mehreren moderat erhöhten Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen ebenfalls primärpräventiv von der Polypille profitieren, soll die Indische Polycap Studie 3 (TIPS-3) klären. Die Studie wird im November gestartet und wird zunächst die Effizienz einer solchen Polypille ohne ASS in der Primärprävention bei Patienten mit moderatem Herz-Kreislaufrisiko untersuchen.

Erst die Pille, dann die Allgemeinmaßnahmen?

In jedem Fall könne die Einleitung einer Polypillen-Therapie in der Primärprävention auch genutzt werden, um Patienten zu einer Veränderung ihres Lebensstils hin zu einer herzgesunden Lebensweise zu bewegen, regte Yusuf in seinem ESC-Vortrag an: „Wir sollten die Polypille nicht nur als Pille betrachten, sondern als Teil einer neuen Präventionsstrategie. Statt zunächst den Lebensstil zu betrachten und erst in zweiter Linie Medikamente einzusetzen, könnten wir die Medikamente auch als Basis der Prävention nutzen und die Patienten im weiteren Verlauf zur Lebensstiländerung motivieren.“ Vielleicht würde diese Strategie besser funktionieren als die bisherige, spekulierte Yusuf.

Eltern lernen Gesundheitsbewusstsein von ihren Kindern

Dass kardiovaskuläre Präventionsprogramme, die sich ausschließlich an Kinder richten, offenbar messbare Effekte auch bei den Eltern bewirken, zeigte eine brasilianische Studie von Dr. Luciana Forlani aus Sao Paulo. Bei dieser Studie handelte es sich um ein einjähriges Gesundheitsprogramm für 197 Schulkinder im Alter von sechs bis zehn Jahren.

Die 323 Eltern der Kinder wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, wobei eine Gruppe nur schriftliches Material für ein gesundheitsbewusstes Verhalten – vermehrte Bewegung, geeignete Nahrungsmittel, Rauchverzicht – erhielt.

In der Interventionsgruppe wurde das gleiche Informationsmaterial verteilt, die Kinder dieser Eltern erhielten aber zusätzlich praktischen Unterricht in gesundem Kochen, Sport und Rauchverzicht. Dazu gehörten Filme, Spiele, Übungsstunden und Gespräche mit Psychologen, Ökotrophologen oder Sportlehrern.

Gemessen wurden zu Beginn der Studie und nach einem Jahr Größe, Gewicht, Bauchumfang, Blutdruck und Lipidwerte der Eltern. Daraus wurde der Framingham-Risk-Score ermittelt. Es zeigte sich, dass 15 Eltern (9,3 %) in der Kontrollgruppe und 11 Eltern (6,8 %) in der Interventionsgruppe einen Risikoscore größer zehn Prozent hatten, in den nächsten zehn Jahren an einem kardiovaskulären Ereignis zu sterben.

Nach einem Jahr waren es nur noch eine Person in der Interventionsgruppe und 13 Eltern in der Kontrollgruppe, die dieses Risiko aufwiesen. Die Forscher schlossen daraus, dass es ein erfolgreicher Weg sei, Kinder in Sachen kardiovaskuläre Prävention zu unterweisen, um bei deren Eltern einen messbaren Effekt auszulösen. Eine Besserung nach einem Jahr war vor allem bei einer Senkung des Blutdrucks und bei den Cholesterinwerten der Eltern festzustellen.

Die ESC-Politik bei Studien

Kritisch nachgefragt wurde nach der ESC-Politik im Umgang mit großen Studien, deren Hauptergebnis bereits bekannt ist. ESC-Präsident Prof. Dr. Michal Komajda erläuterte, dass die Bekanntgabe des positiven Resultats eines primären klinischen Endpunkts noch keine Veröffentlichung im wissenschaftlichen Sinne sei. Damit werde die Vorstellung einer Studie auf dem ESC-Kongress nicht gefährdet. Eine solche frühe Veröffentlichung geschehe von Unternehmensseite aufgrund von gesetzlichen Regelungen in einzelnen Ländern.

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