zur Navigation zum Inhalt
 
Kardiologie 16. August 2011

Frauenherzen schlagen anders

87 Prozent der Frauen besitzen ein mittleres bis hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Knapp zwei Drittel unterschätzen ihre Risikofaktoren.

Eine im Jahr 2010 durchgeführte Pilotstudie hat erstmals erhoben, wie groß das Bewusstsein in der Bevölkerung über kardiovaskuläre Risikofaktoren ist, welche Präventionsmaßnahmen ergriffen werden und welche Barrieren bei Frauen und Männern für eine bessere Herzgesundheit bestehen. Die Ergebnisse wurden gemeinsam mit der ersten österreichweiten Herz-Kreislauf-Präventionsinitiative für Frauen – Zonta Golden Heart – im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien vorgestellt.

 

Die häufigste Todesursache in Österreich sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 2010 starben an diesen Erkrankungen 33.196 Menschen. Frauen sind im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung davon deutlich stärker betroffen – so starben laut Statistik Österreich im Jahr 2010 48,1 Prozent aller Frauen an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, hingegen nur 37,4 Prozent der Männer.

Um der steigenden Inzidenz der koronaren Herzkrankheit (KHK) vorzubeugen, wird in Zukunft vor allem der Primärprävention eine bedeutende Rolle zukommen. Heißt also, sich der Risikofaktoren und des eigenen Risikoprofils stärker bewusst zu werden. Unter der Leitung von Dr. Teresa Haidinger, Univ.-Klinik für Innere Medizin II, Abteilung für Kardiologie, Medizinische Universität Wien, wurde daher die Pilotstudie „Bewusstsein kardiovaskulärer Risikofaktoren, Prävention und Barrieren zur Herzgesundheit bei Frauen und Männern in Österreich“ durchgeführt. Insgesamt nahmen 625 Probanden (349 Frauen, 276 Männer) teil, die Datenerhebung erfolgte mittels anonymisierter Fragebögen und in Kooperation mit Gynäkologen in Salzburg, Urologen in Linz und drei großen Firmen in Wien.

Auf die Frage nach der Haupttodesursache in Österreich identifizierten 70 Prozent der Probanden richtig Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Massive Wissensdefizite zeigten sich jedoch bei den Risikofaktoren. Diese betreffen vor allem Diabetes mellitus und die positive Familienanamnese (Tabelle). Sehr viele denken, dass vor allem Übergewicht und Hypertonie die zentrale Rolle in der Entstehung einer KHK spielen. Obwohl auch Cholesterin von etwa 60 Prozent angeführt wurde, konnte keine Assoziation zwischen erhöhtem Cholesterinspiegel, Übergewicht und Diabetes mellitus hergestellt werden – nur von 24 Prozent wurde sie richtig erkannt. „Dieses Ergebnis ist alarmierend, da sich Frauen mit Diabetes mellitus einem sehr hohen Herzkreislaufrisiko aussetzen“, so die Studienautorin.

Hauptgründe für ergriffene Präventionsmaßnahmen, vor allem Ernährungsumstellung und vermehrte körperliche Aktivität, waren die Verbesserung des Gesundheitszustandes und des Wohlbefindens. Im Vergleich mit Männern haben Frauen, die mehr Risikofaktoren benennen konnten, mehr Vorsorge betrieben.

Fehlendes Risikobewusstsein bei Frauen

Hauptbarriere für eine verbesserte Vorsorge war bei Frauen vor allem die fehlende Selbstwahrnehmung als Risikopatientin. Trotz eines Durchschnittsalters von 47,2 Jahren wiesen 80,2 Prozent ein mittelmäßiges Risiko sowie 6,3 Prozent ein hohes Risiko auf, jedoch konnten nur 21 Prozent ihr Risiko richtig einschätzen. 60 Prozent der Frauen unterschätzten ihr kardiovaskuläres Risiko. Zudem trafen Frauen keine erhöhten Vorsorgemaßnahmen, wenn sie sich einem hohen Risiko aussetzten.

Männer schätzten hingegen ihr Risiko weitgehend richtig ein, etwa 58 Prozent überschätzten dieses sogar. „Daher muss das Wissen über kardiovaskuläre Risikofaktoren verbessert werden, Frauen gehören vermehrt über ihr Risikoprofil und die damit verbundenen Risiken aufgeklärt“, so das Fazit der Studienautorin.

Einfluss der Ethnizität

Ebenfalls 2010 wurde eine weitere Studie mittels des gleichen Fragebogens bei türkischen Migranten in Österreich durchgeführt. Die befragten 258 Frauen waren im Durchschnitt 10 Jahre älter (41 Jahre) im Vergleich zu den befragten 250 Männern (31 Jahre).

Die am häufigsten genannten Risikofaktoren waren Rauchen (68,8  Prozent der Frauen, 72 Prozent der Männer), gefolgt von Übergewicht (58,8 Prozent der Frauen, 50 Prozent der Männer). Auch in dieser Analyse wurde Diabetes mellitus nicht mit einer KHK in Zusammenhang gebracht. Auch die arterielle Hypertonie wurde nicht als Risikofaktor identifiziert.

Vorsorgemaßnahmen im letzten Jahr haben 25 Prozent der Männer und 50 Prozent der befragten Frauen durchgeführt, Hauptgründe waren auch hier die Verbesserung der Leistungsfähigkeit und des Wohlbefindens.

Als Hauptbarrieren gaben die Probanden vor allem Unwissenheit über geeignete Präventionsmöglichkeiten (29 Prozent der Männer, 41 Prozent der Frauen) an, Männer auch Schwierigkeiten mit der Lebensstiländerung (25,6 Prozent). Türkische Frauen beklagten auch die geringe Aufklärung durch Ärzte (27,2 Prozent). Nur 24 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen nahmen sich nicht als Risikopatient wahr. 51 Prozent der befragten Männer und 47 Prozent der Frauen wiesen ein mittleres Risiko auf, eine hohes lag bei 25 Prozent der Männer und 16,7 Prozent der Frauen vor. Konnten türkische Männern ihr Risiko nicht richtig wahrnehmen, war dies immerhin 45,4 Prozent der Frauen möglich. Damit lag die richtige Wahrnehmung über jener von österreichischen Frauen.

Wie die Studien zeigen, bestehen große Unterschiede zwischen Österreichern und türkischen Migranten. Während österreichische Frauen vor allem ihr Risiko nicht richtig wahrnehmen können, haben türkische Frauen vorrangig das Problem der Unwissenheit über geeignete Präventionsmöglichkeiten – oft aufgrund von Sprachbarrieren. „Diese ethnischen Unterschiede müssen in zukünftigen Präventionsprogrammen berücksichtigt werden“, so Staudinger.

Erste österreichweite Herz-Kreislauf-Initiative für Frauen

Gezielte Informationskampagnen schaffen eine bessere Selbstwahrnehmung und senken damit erfolgreich die Herz-Kreislauf-Mortalität. Die neue Initiative Zonta Golden Heart (www.zontagoldenheart.com) versucht dabei bewusst neue Wege in der Prävention zu gehen. „Bloße Angstparolen, Mortalitätszahlen und erhobene Zeigfinger bewirken keine Verhaltensänderung“, erklärte Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek, Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates von Zonta Golden Heart. „Stattdessen stellen wir die Herzlichkeit in allen Lebensbereichen, unsere Vitalität und damit die Freude am Leben in den Mittelpunkt und knüpfen daran unsere Informationen“, so die Kardiologin der Medizinischen Universität Wien.

Mit dem Slogan „Mehr Herz. Mehr Frau. Mehr Leben“ startete der Zonta Club Wien City eine Kampagne, um eine Steigerung des Herzbewusstseins im positiven Sinn zu erreichen – „wir müssen Verantwortung für unser Leben und unsere Gesundheit übernehmen, um bewusst und gut zu leben“, betonte Eva-Maria Kerjaschki, Präsidentin des Zonta Club Wien City. Geplant bzw. bereits im Laufen sind Vortragsreihen in allen Bundesländern, Vorsorge-Kooperationen mit Partnern und niedergelassenen Ärzten, eine Online-Plattform, Social-Media-Aktivitäten, aktive Mitwirkungen an Gesundheitstagen, Enqueten und Frauen-Events, die finanzielle und operative Unterstützung von Herz-Kreislauf-Forschungen, Aktionen zum Welt-Herztag sowie der Aufbau einer Zonta Golden Heart Community von „herzlichen“ Frauen. Im nächsten Schritt sollen sich über das Zonta-Netzwerk weitere europäische Länder dieser Initiative anschließen.

 

Quelle: Pressekonferenz „Zonta Golden Heart – Mehr Herz. Mehr Frau. Mehr Leben“, 14. Juli 2011, Wien

Erkennen kardiovaskulärer Risikofaktoren
Risikofaktor  
Übergewicht 79,7%
Erhöhter Blutdruck 77,7,%
Rauchen 69,6%
Verminderte körperliche Aktivität 59,6%
Erhöhter Cholesterinspiegel 59,6%
Alkohol 36,1%
Diabetes Mellitus II 24,6%
Positive Familienanamnese 12,6%

Von F. Hörandl, Ärzte Woche 29/33/2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben