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Foto: Anna Rauchenberger
v.l.: Dr. Reinhold Glehr, Präsident der ÖGAM, Dr. Hans Altenberger, Leiter der Arbeitsgruppe Herzinsuffizienz der ÖKG, Prof. Dr. Irene Lang, Präsidentin der ÖKG; Helmut Schulter, Bundesgeschäftsführer des Österreichischen Herzverbandes mit dem Patientenfo
 
Kardiologie 17. Mai 2011

Mehr Aufklärung

Am 8. Mai fand der zweite „Europäische Tag der Herzschwäche“ statt, um das Bewusstsein für diese schwere Erkrankung zu erhöhen.

Herzinsuffizienz betrifft in Österreich etwa eine Viertelmillion Personen, europaweit sind es etwa 28 Millionen. Die Todesrate ist höher ist als bei vielen Krebsarten. Obwohl effiziente Therapien zur Verfügung stehen, werden diese zu wenig genutzt, kritisieren Experten.

 

Herzinsuffizienz (HI) hat sich zu einem „Gesundheitsproblem enormen Ausmaßes“ entwickelt, erklärte die Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG), Prof. Dr. Irene Lang von der Univ.-Klinik für Innere Medizin II der MedUni Wien. In der Altersgruppe der 45- bis 55-Jährigen leidet rund ein Prozent an HI, jenseits von 80 Jahren sind es bereits 10 Prozent. Und diese Zahlen würden kontinuierlich steigen.

Viele Betroffene wissen nicht von ihrer Krankheit und erhalten deshalb erst sehr spät eine exakte Diagnose und adäquate Behandlung. Lang: „Fast 40 Prozent der Patienten, die erstmals einer der 31 österreichischen Herzinsuffizienz-Ambulanzen zugewiesen werden, leiden bereits an den Krankheitsstadien NYHA III oder IV.“

„Eine 2010 vom Österreichischen Herzverband durchgeführte Umfrage ergab, dass mehr als die Hälfte der Befragten keinerlei Symptome mit der Erkrankung Herzschwäche in Verbindung bringen konnten“, sagte Helmut Schulter, Bundesgeschäftsführer des Österreichischen Herzverbandes aus Graz. Und Lang ergänzte: „Daher haben wir uns der Initiative der Heart Failure Association der Europäischen Kardiologengesellschaft angeschlossen und nehmen den Europäischen Tag der Herzschwäche zum Anlass, auf breiter Basis auf das Problem aufmerksam zu machen. Ziel ist eine verbesserte Aufklärung über Risikofaktoren, Beschwerden, Symptome, Vorbeugung und Therapie der Herzschwäche.“

Sichere Diagnostik, wirksame Medikamente

„Die sicherste Diagnosemethode bei HI ist der Herz-Ultraschall, auch in einem Lungenröntgen können sich Hinweise zeigen“, so Dr. Johann Altenberger, Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Salzburg und Vorsitzender der AG Herzinsuffizienz ÖKG. „Ein sehr zuverlässiger Blutwert ist das BNP, die Möglichkeit, diesen Wert zu bestimmen, steht aber leider noch immer nicht allen Ärzten zur Verfügung.“ Zur differenzierten medikamentösen Therapie steht eine Reihe von Medikamentengruppen zur Verfügung. „Wird eine HI rechtzeitig erkannt, kann diese aufgehalten oder stark verzögert werden“, so Altenberger. „Durch eine leitliniengerechte medikamentöse Kombinationstherapie erfahren Patienten, die an Symptomen leiden, eine deutliche Verbesserung ihrer Beschwerden und Prognose.“

Neben Medikamenten stehen auch verschiedene Kategorien implantierbarer Geräte zur Verfügung, beispielsweise die kardialen Resynchronisationstherapie (CRT), eine neue Form von Herzschrittmachern oder implantierbare Kardioverter-Defibrillatoren (ICD). Eine gute Versorgung für ausgewählte Patienten bieten Schrittmacher, die mit einem internen Defibrillator kombiniert sind (CRT-ICD). Der letzte Ausweg bei schwerer HI ist die Herztransplantation. „Leider werden die zur Verfügung stehenden Therapien nicht in ausreichendem Maße eingesetzt“, kritisierte Altenberger. „Das zeigen Studien und Register in Österreich und anderen Ländern.“

Zusammenarbeit wirkt sich positiv für Patienten aus

„HI ist auch einer der häufigsten Anlässe für Patienten, die Ordination ihres Hausarztes aufzusuchen“, so Dr. Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM). „Den Allgemeinmedizinern kommt bei der HI gerade in der Prävention eine entscheidende Rolle zu. Sie sorgen nicht nur für die Abklärung der Risikofaktoren wie Diabetes, Übergewicht, Hypertonie, Anämie oder Schilddrüsenfunktionsstörungen, sondern übernehmen häufig auch die Rolle des mahnenden Gewissens.“

Wie positiv sich die Zusammenarbeit von Allgemeinmedizinern, Fachärzten und Patienten auswirken kann, zeigte eine kanadische Studie (Lee et al. Circulation 2010). Die Forscher untersuchten 10.599 Patienten, die wegen HI in einem Spital behandelt wurden, 30 Tage nach ihrer Entlassung erneut. Ein Teil der Patienten wurde nicht nachbetreut, ein Teil nur von ihrem Hausarzt, eine andere Gruppe ausschließlich von einem Kardiologen und eine vierte Gruppe sowohl von ihrem Hausarzt als auch von einem Kardiologen. Das beste Ergebnis zeigten die Patienten, die sowohl von einem Hausarzt als auch von einem Kardiologen betreut worden waren.

Modelle für optimale Versorgung verbessern deutlich die Prognose

„Die beste Versorgung für diese Patienten ist im Rahmen von Disease-Management-Programmen (DMP) gewährleistet, in die auch das soziale Umfeld der Betroffenen einbezogen wird“, so Altenberger. Die positiven Effekte solcher vernetzten Programme, in denen Kardiologen, Allgemeinmediziner, Pflegepersonen und die Patienten selbst eng zusammenarbeiten, seien in zahlreichen Studien klar nachgewiesen. Altenberger: „Patienten in DMP müssen deutlich seltener stationär aufgenommen werden, die Mortalität sinkt signifikant und die Lebensqualität steigt. Und die Programme sind kosteneffektiv – nicht zuletzt weil Spitals- und Folgekosten eingespart werden können. Auch die aktive Mitarbeit der Patienten, zum Beispiel bei der Erhebung ihrer wichtigsten Gesundheitsdaten, verbessert die Prognose.“ In diesen Modellen sei die Rolle der praktischen Ärzte eine besonders wichtige, so Altenberger. „Sie sind häufig die ersten Ansprechpartner für Patienten, eine Rolle, die spezialisierte Einrichtungen schon angesichts der großen Zahl Betroffener nicht leisten können.“

Gute Betreuung darf nicht vom Wohnort abhängen

Einige Bundesländer haben bereits gut funktionierende Betreuungsmodelle im Sinne der evidenzbasierten DMP umgesetzt. In anderen Ländern existieren solche Strukturen jedoch noch nicht. In der Regel scheitert es an der Finanzierung. „Wir haben daher in der AG HI eine eigene Task Force eingerichtet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, österreichweit DMP für die HI zu implementieren – und als wichtige Voraussetzung dafür Finanzierungsmöglichkeiten für solche Modelle auszuloten.“

Patientenfolder zum Download

Als Aufklärungstool hat die AG HI einen Patientenfolder entwickelt, der Betroffene und ihre Angehörigen auf Frühwarnzeichen und Therapien aufmerksam machen soll (www.atcardio.at/de/arbeitsgruppen/herzinsuffizienz). Der Folder wird auch in Ordinationen aufliegen. Informationen gibt es auch auf Facebook unter „Arbeitsgruppe Herzinsuffizienz“.

 

Quelle: Pressegespräch zum „Europäischen Tag der Herzinsuffizienz“, 6. Mai 2011, Wien

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